Dienstag, 29. Dezember 2009

Big Brother is fucking you

Ab Januar 2010 wird der Sender ProSieben eine - hüstel - "Dokumentar-Serie" mit dem Titel "50 pro Semester" ausstrahlen. Fünf Studenten schließen darin eine Wette gegeneinander ab: Wer schafft es, in einem Semester 50 Männer oder Frauen ins Bett zu bekommen?
Daß sich endlich mal einer um die Bildung kümmert.
Bayerns Familienministerin Christine Haderthauer (CSU) dagegen ist empört: „Es ist eine verheerende Botschaft an alle Zuschauer, wenn Frauen und Männer in einer Art moderner ‚Kopfgeldjagd‘ zu Sexobjekten degradiert werden“, sagte sie. Und Walburga Wieland, Diözesanvorsitzende des Katholischen Frauenbunds Passau schließt sich ihr an. Sie beklagt die "Verachtung jeglicher Werte" und schimpft über das "Perverse, das da auf den Privatsendern passiert, noch dazu am Nachmittag".

Frau Wieland sei daran erinnert, daß es in den achtziger Jahren linke Parteien (ich rechne jetzt mal die SPD großzügig dazu) und Gruppierungen waren, die gegen die Einführung des Privatfernsehens waren. Das Niveau werde verflacht und wir würden mit Dreck überschüttet, warnten sie und zeigten auf Italien, wo es damals das Privatfernsehen schon länger gab. Es waren die konservativen Kräfte, die damals das Privatfernsehen gegen alle Widerstände durchdrückten. Wenn man so will, dann ist die jetzt kritisierte Sendung ein Geschenk von Helmut Kohl an die Deutschen.

Montag, 21. Dezember 2009

Ökumenische Eintracht

"Rottaler Anzeiger", 19. 12. 2009

Der katholische und der evangelische Gemeindepfarrer von Arnstorf beim Synchronsegnen.

Freitag, 18. Dezember 2009

Dich preise ich, Zensur

Als die Schriftstellervereinigung "Gruppe '47" 1967 zum letzten Mal tagte, wurden die anwesenden Autoren von einem Sprechchor des SDS mit Hohn und Spott überschüttet: "Dichter! Dichter! Die Gruppe 47 ist ein Papiertiger". Gemeint war damit, alle literarische Kritik an der Gesellschaft bleibe auf dem Papier und werde nicht zur gesellschaftsverändernden Praxis.
1968 erschien das berühmte "Kursbuch 15", in dem Hans Magnus Enzensberger schrieb: "Heute liegt die politische Harmlosigkeit aller literarischen, ja aller künstlerischen Erzeugnisse überhaupt offen zutage. [...] der Dichter steht hoch im Kurs, aber er hat nichts zu melden."
Literatur, im Grunde jegliche Kunst, wäre demnach weiter nichts als Trallala, harmlos unverbindliches Spiel.

Fast 40 Jahre später stellte im Usenet in der Theatergruppe einer die Frage: "Was ist Theater?" und erhielt von einem anderen die Antwort: "Ein Spiegel, der Hofnarr an den Höfen der Mächtigen und Bürger".
So sind's, die Künstler. Sie debattieren darüber, ob Kunst Wirkungen auf die Welt habe und neigen dazu, dies zu verneinen; Kunst, sagen sie, bewirke nichts. Sie zaubere eine Scheinwirklichkeit herbei, in der es sich gefahrlos leben lasse.
Da schreibst du ein flammendes Gedicht, da hampelst du auf der Bühne rum in einem erleuchtenden Stück und das Publikum lacht sich tot, verläßt unverändert das Theater, während die Mächtigen ungerührt ihren Geschäften nachgehen.

Die wirklich Mächtigen wissen, daß dies Unfug ist und sie haben deshalb die Zensur erfunden.
Zensur wird angeordnet von Leuten, die wissen, was Macht ist, denn sie sind an ihr. Sie haben Gewehre und Kanonen und sperren Leute ein, weil sie Angst haben vor Worten.
Im Rumänien Ceausescus mußte jeder, der eine Schreibmaschine besaß, diese registrieren lassen. Er mußte eine Schriftprobe dieser Maschine bei der Polizeibehörde hinterlegen, damit man sie gegebenenfalls anhand des Schriftbildes würde identifizieren können. Auch war der Besitz einer Schreibmaschine nicht selbstverständliches Recht eines jeden Bürgers, dieses Recht konnte auch wieder entzogen werden.
Für eine Schreibmaschine brauchtest du dort und damals eine Lizenz, eine Art Waffenschein.
Die Leute, die da Angst hatten vor dem Wort, das waren keine alten Jungfern, die erbleichen, wenn sie so grauenhafte Wörter wie "Arsch" oder "Scheiße" hören. Das waren knallharte Burschen. Leute, die über ein Land herrschten, die Macht hatten, die diese Macht genossen und ihre Macht behalten wollten. Und die jeden, der ihre Macht bedrohte, ins Gefängnis werfen ließen, ihn womöglich umbrachten.
Diese Leute fürchten sich vor einer Schreibmaschine als wäre es ein Gewehr.

Kann es ein schöneres Kompliment für die Kunst geben als die Zensur?
Was meinst du? Es müßte mit dem Deibel zugehen, sagst du, wenn es kein schöneres Kompliment für Kunst gebe. Du hast recht, freilich gibt's schönere Komplimente, kaum aber beweiskräftigere.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Dem Regisseur ist nichts zu schwör

Unter diesem Titel habe ich jetzt meine hier veröffentlichten Anmerkungen zur Regietheater-Debatte zu einem einzigen Artikel zusammengefaßt.
Wer sich dafür interessiert findet den Artikel auf meiner Website.

Anmerkung für die ganz Peniblen: Wer sich nicht dafür interessiert, fände den Artikel dort auch, wenn er sich dafür interessierte.

Montag, 30. November 2009

Fragen

Der Franze hat gsagt, wer nicht frägt, bleibt dumm. Wer frägt, sagt er, zwar auch, aber doch nicht so.

Sonntag, 29. November 2009

Unbeirrbar

Auf www.prisma.de las ich in einem Artikel über Amedeo Modigliani den Satz "Bestens bewandert in antiker Bildhauerei, befolgte der scheinbar so labile junge Mann unbeirrbar, was man heute ein Konzept nennen würde:..."
Ich bin zusammengezuckt beim Lesen, so wie ich jedes Mal zusammenzucke, wenn ich das Wort "unbeirrbar" lese oder höre ( 1).
Merkwürdigerweise nämlich liest man dieses Wort so gut wie nie im Rahmen einer Beschimpfung, man liest es vielmehr häufig in Festreden und Nachrufen: "Unbeirrbar ging sie ihren Weg" oder "Unbeirrbar verfolgte er seine Ziele".

"Unbeirrbar" gilt offensichtlich als positiver Begriff. Stünde da "unbeirrt", ich könnte nicht meckern.
Wenn ich nachträglich den Lebensweg eines Menschen betrachte und feststelle, daß er eine einmal gewählte Richtung unbeirrt verfolgt hat, dann heißt das, daß er sich durch Widerstände und Anfechtungen letztlich nicht hat beirren lassen, daß er konsequent seinen Weg gegangen ist. Ich habe keine Mühe damit, in dieser Beschreibung etwas Positives zu erkennen.

Es steht da aber "unbeirrbar".
Ein unbeirrbarer Mensch dagegen erscheint mir als ein dumpfer, stumpfer Hund der Sonderklasse, als einer, der sich durch keine Vernunft, kein Argument, keine Erfahrung beirren läßt, der einfach stur seinen Weg voranschreitet, durch nichts zu beeindrucken und zu belehren. Der schaut nur direkt nach vorne, schaut nicht nach links und nicht nach rechts, nach hinten sowieso nicht. Der ist für Erfahrungen und Irritationen, die andere Leute zu einer Kurskorrektur veranlassen, nicht zugänglich.

In einer Usenet-Diskussion entgegnete mir einer, "unbeirrbar" sei für ihn auch einer, "der sich von dem üblichen Getöse, das die um ihn herum scharwenzelnden Verirrten veranstalten, nicht von seinem geraden Weg ablenken läßt. Seelenruhig, in sich gefestigt, die Ruhe selbst, eine sehr positive Eigenschaft."
Ich entgegnete ihm mit einem Zitat "Der unerschütterliche Glaube ist keine Tugend, sondern ein Laster. (BERTRAND RUSSELL)" und fuhr fort: "Daß man sich nach jedem 'öhm, aber' nicht gleich neu taufen läßt ist eine Sache. Jahrzehntelang dieselbe Überzeugung zu vertreten ist dagegen schon etwas verhaltensauffällig. Man bleibt sich treu, indem man sich ändert. Andere Leute haben auch gute Ideen und von ihnen zu lernen, ist durchaus empfehlenswert."

Aber, wie es mit dem Wortgebrauch halt manchmal ist: Bei uns und bei Leuten, die uns zustimmen, reden wir von Prinzipientreue und Konsequenz, bei Leuten, die eine andere Meinung vertreten, nennen wir dasselbe Phänomen Sturheit.

Trotzdem: Unbeirrbare Leute sind gefährliche, weil brunzdumme Leute.

__________________
(1) Daß es "verfolgte" heißen müßte statt "befolgte" lassen wir hier mal außen vor.

Samstag, 28. November 2009

Das Geheimnis der Einkaufswägen

Gottchen, wie lange gibt es das inzwischen schon, daß man in einen Einkaufswagen 50 Cent einschlitzen muß, ehe man das Ding benutzen kann?
Das Einkaufswagenpfand, sei notwendig geworden, so erzählen uns die Supermarktbetreiber, weil zu viele Einkaufswägen aus dem Gelände geschleppt worden seien, wo sie dann endgültig verschwunden oder erst Tage später, beim nächsten Einkauf, zurückgebracht worden seien.
Was, so frage ich mich, geht in Menschen vor, die sich von 50 Cent davon abhalten lassen, den Einkaufswagen aus dem Supermarktgelände zu fahren? Bringe ich den Wagen beim nächsten Einkauf wieder zurück, dann sollte es mir eigentlich wurscht sein, ob ich die 50 Cent sofort zurückbekomme oder erst einige Tage später. Will ich den Einkaufswagen aber klauen (wozu eigentlich?), dann sind 50 Cent als Preis dafür sicher nicht zu hoch.
Als Kunde hast du jedenfalls das Geschiß, daß dir bei jedem zweiten Mal die zum Auslösen des Wagens nötige Münze fehlt.

In Süditalien löst der Kundige das Problem dadurch, daß er zur Kasse geht und dort um eine Münze für den Wagen bittet. Man öffnet die Kasse und der Kunde bekommt ein 50-Cent-Stück ausgehändigt (ausgehändigt, nicht gewechselt!). Das gibt er dann nach dem Einkauf wieder an der Kasse ab.
Das glaubt mir natürlich wieder kein Schwein. Es stimmt aber.

Montag, 16. November 2009

Stadtgedicht

Im Usenet berichtete einst einer von der Aufgabe zu einer Klassenarbeit für den Deutsch-Grundkurs: "Stellen Sie knapp dar, wie Ihrer Meinung nach ein Stadtgedicht des 21. Jahrhunderts in Wahrnehmung und Haltung des lyrischen Ich die Traditionslinie von Eichendorff über Heym modifizieren (weiterziehen, abwandeln, brechen u.a.) müßte."

"Hum", werden Sie fragen. Ein Mitdiskutant tat genau dies und präzisierte: "Was ist denn ein Stadtgedicht?"

Ich antwortete ihm:
So was:
Der Mensch tritt auf in großen Schaan
Und fährt dann mit die Straßenbaan.

Im Gegensatz dazu das Landgedicht:
Ach, Haufen du von güldnem Mist,
Was du mir eine Freude bist.

Donnerstag, 5. November 2009

Ohne Ordnung ist Sex einfach nur...

Im Usenet geschah es, daß sich einer Gedanken darüber machte, wie man denn die verschiedenen archäologischen Schichten vergangener Geschlechtspartnerinnen bezeichnen könnte. "Ex-Freundin" etwa, "Doppel-Ex-Freundin" oder wie.

Ein anderer kam zu Hilfe: "Nochmal über dein Promiskuitätsproblem sinnierend, kam mir folgender Vorschlag in den Sinn:
- Ex
- Vor-Ex
- Vor-vor-Ex
- Vor-vor-vor-Ex"

Ich schlug eine pragmatischere Lösung vor:
Der... äh, der Dings... ah ja, der Herr Johann aus Spanien hatte einen Diener namens Leporello und der hat ihm eine saubere Liste geführt. Jetzt brauchst du nur noch die Damen durchnumerieren und du hast eine eindeutige Terminologie: FV 217 ("Die magere Romantische") oder FV 173 ("Die sinnliche Dicke mit den Sommersprossen").

Ohne Ordnung ist Sex einfach nur Ficken.

Sonntag, 1. November 2009

Aus dem "Handbuch für Intellektuelle Angeber"

Wer auf Parties, auf Reisen mit der Bahn oder sonstwie beim Zusammensein mit anderen Menschen einen guten Eindruck hinterlassen, gar glänzen möchte, kann dies durch Schönheit, Anmut oder Liebreiz erreichen. Wer auf diesen Gebieten die Arschkarte gezogen hat, kann ersatzweise auch durch intellektuelle Brillanz auf sich aufmerksam machen.
Obacht aber! Keiner weiß alles und so tut man gut, viel zu reden und das Gespräch dezent und rasch auf ein Gebiet zu lenken, auf dem man Bescheid weiß.

Man sollte auch die Gebiete, auf denen man glänzen möchte, weise wählen. Sicher kannst du mit profunden Kenntnissen über Goethes "Faust" den einen oder anderen Punkt sammeln, aber das Risiko ist relativ groß, daß auch dein Gesprächspartner den "Faust" kennt und dir Unsauberkeiten in Zitat oder Argumentation nachweist. Es sind halt doch relativ viele, die den "Faust" gelesen haben, traurig, aber wahr.

Nimmst du dagegen ein Buch, das viele vom Titel her kennen, aber nicht gelesen haben ("Ulysses" - mein Gott, wer liest schon *wirklich* James Joyce! Die berufsmäßigen Joyce-Leser natürlich ausgenommen.), wirst du auf wesentlich sichererem Boden stehen. Den Vogel schießt du aber ab, wenn du ein weitgehend unbekanntes Buch von einem relativ bekannten, aber nicht zu prominenten Autor nimmst: "Geschichte des Herrn William Lovell" von Johann Ludwig Tieck, nur so als Beispiel. Damit schindest du Eindruck, wenn du irgendwo eine Diskussion über dieses Buch vom Zaun brichst! Nach dem Motto: Wenn der über Tieck und diesen, wie hieß der noch: Lovell, so gut Bescheid weiß, wie gut muß der erst über Goethe und den Faust oder Shakespeare und Hamlet Bescheid wissen.

Oder nimm ein anderes Feld. Ihr diskutiert über das rechte Eigenschaftswort von Porzellan. Es heiße "porzellanen" schreit dir dein Gesprächspartner entgegen und hat einen Punkt gewonnen. Du aber konterst und merkst an, das sei ein relativ modernes Wort, zu Goethens Zeiten sei noch eher "porzellös" im Gebrauch gewesen. Bleibt man skeptisch, so verweist du auf die - angeblich - bekannte Stelle: "Eine zarte Röte überhauchte ihren porzellösen Teint" aus der Erzählung "Der tolle Invalide aus dem Fort Ratonneau" von Achim von Arnim. Achim von Arnim kennt der Gebildete, von besagter Erzählung hat auch schon mancher gehört, also wird keiner nachschlagen, ob sich denn besagte Stelle dort wirklich findet. Tut's doch einer, weist du ihn drauf hin, daß du diese Stelle aus einer sehr alten und seltenen Ausgabe der Erzählung hast, die du drei Tage vor dem Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek eingesehen hast.

All das funktioniert natürlich nur, wenn du beim Schwadronieren einen Gesichtsausdruck hinbringst, als wärest du Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser in einer Person. Aber dergleichen läßt sich üben.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Sicherheit




Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum.
Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.
FRIEDRICH SCHILLER
("Wallensteins Tod" IV/2)

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Buhletten

Buhletten -> spendierte Fleischpflanzerl, mit denen Erwin Normalbalzer das Fräulein Sieglinde dem Beischlafe geneigter stimmen möchte. Graf Erwin von Dingenskirch verwendet dazu natürlich Entrecotes de Schlömpong Fröngfröng.

Montag, 19. Oktober 2009

Ein Hochstapler

In dem Film "Hellzapoppin' - In der Hölle ist der Teufel los" ([1]) gibt es eine Szene, in der ein Hochstapler vorkommt, der sich als geflüchteter russischer Großfürst ausgibt und sich so - von High-Society-Party zu High-Society-Party eilend - die nötigen Kalorien zum Überleben verdient. Ein Taxifahrer (oder Kammerdiener?) erkennt ihn von früher und spricht ihn mit "Durchlaucht" an. Der als echter Großfürst enttarnte Hochstapler ist erschrocken und bittet seinen früheren Dienstboten eindringlich, er möge ihn nicht verraten. Ein Hochstapler, der sich als russischer Großfürst ausgibt, sei auf jeder amerikanischen Party ein gerngesehener Gast, über den man sich amüsiere, ein echter, verarmter Großfürst dagegen... Wenn das herauskomme, sei er erledigt.

Der Herr auf dem Bild sieht mit seinen schwer herabhängenden Augenlidern und dem bleistiftdünnen Schnurrbärtchen aus wie der klassische Operetten-Hochstapler, der sich als reicher ungarischer Adeliger ausgibt, dabei allerdings seine Rolle ein wenig übertreibt.

Hochstapler sehen normalerweise nicht so penetrant nach Hochstaplern aus, sonst könnten sie ihren Beruf nicht lange ausüben.

Und richtig, der Herr auf dem Bild ist gar kein Hochstapler, sondern Josef von Ferenczy, Begründer der gleichnamigen Medienagentur, Verleger und Filmproduzent, ein steinreicher Adeliger ungarischer Abstammung.

Nun mag ich dergleichen Leute normalerweise nicht so arg gerne. Josef von Ferenczy aber hat mein Herz erobert durch einen Spruch, den er - angeblich - gerne gesagt haben soll, wenn deutsche Behörden (vor allem Steuerbehörden) nicht so reagiert haben, wie er sich das vorgestellt hatte: "Bin ich òrmes Ungòrisches Ämigrant dässwägn durch Donau gèschwommen?"

Mag die Firma Ferenczy eines Tages auch zusammenbrechen, mit diesem Spruch wird ihr Begründer unsterblich bleiben. (Er lebt ja noch, 90 Jahre ist er inzwischen alt.)



[1] Da gibt es im übrigen auch eine Szene, in der - gut 15 Jahre vor der Erfindung des Rock'n Roll ein Rock'n Roll hingelegt wird, demgegenüber der echte Rock'n Roll eine matte Sache ist. Gut, das hieß damals nicht so, das war vermutlich ein Jitterbug, aber... Anklicken und anschauen.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Kriechdienst

Hömma, du Verfassungsfeind! Das Ding heißt nicht "Kriechdienst", sondern "Wehrdienst". Wir verstehen uns, ja?

Currywurst

Die Currywurst galt lange Zeit als eine Erscheinung aus dem Nachkriegsdeutschland. Hamburg und Berlin streiten sich um die Ehre, Heimat der Currywurst zu sein. Kenner mittelalterlicher Literatur aber haben vor Jahren schon darauf hingewiesen und damit die Fachwelt verblüfft, daß es die Currywurst bereits im Mittelalter gegeben habe. Im "Tristan" von Gottfried von Straßburg werde sie bereits erwähnt und heiße dort "kurrivurs".

Nun aber hat ein Team von Germanisten, Historikern und Lebensmittelchemikern an der Universität Radschapur vor kurzem herausgefunden, daß "vurs" eine damals weitverbreitete, inzwischen gottlob vergessene Gemüsesorte gewesen sei, "kurri" soviel bedeutet habe wie "zum Kotzen schlecht".

Als ich diese neue wissenschaftliche Erkenntnis im Usenet (de.etc.sprache.deutsch) vorstellte, meinte einer: "Der Wortstamm ist interessant. Leitet sich davon auch das Curriculum ab?"
"Ja", antwortete ich ihm, "und zwar direkt. Wennst du zuviel kurri ißt, kriegst du Durchfall, dann mußt du laufen (lat. currere oder was), auf daß dein Ars (lat. culum oder wie) sich entleeren kann. So lernst du leidend vurs mit masze zu mampfen.

Freitag, 2. Oktober 2009

Ein Fallbeil als Sympathieträger

Die Firma Dingsbumslamdei (Name geändert) hat derzeit auf verschiedenen Websites Anzeigen geschaltet, in denen sie für ihre Dienstleistungen wirbt. Die Dienstleistung besteht darin, Spitzenkräfte in neue Jobs zu vermitteln, bzw. Kontakte zu Vermittlern zu vermitteln.
So weit, so unauffällig.
Optischer Blickfang dieser Anzeige aber ist das Antlitz des nebenstehend abgebildeten Herrn.
Mir ist nicht ganz klar, ob dieser Sympathieträger die um­wor­be­ne, d. h. zu vermittelnde Spitzenkraft darstellen soll oder den hilfreichen Headhunter, vermute aber letzteres.

Egal.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergeht beim Betrachten des Bildes, mir jagt es eiskalte Schauer den Rücken herab. Es ist das Gesicht eines menschlichen Haifisches mit dem Charme eines frisch geschliffenen Fallbeiles. Als Edmund Stoiber noch CSU-Generalsekretär unter F. J. Strauß war, hat ihn ein Kabarettist mal das "blonde Fallbeil" genannt. Ich habe damals gelacht, womöglich hat der junge Stoiber damals bei mir tatsächlich diesen Eindruck hinterlassen, der altgewordene Stoiber tut es nicht mehr.

Dieser Herr aber... Die Mundwinkel sind zu einem schwachen Lächeln nach oben gezogen, die Augen versuchen, mitzuhalten. Aber es ist das eiskalte Lächeln eines schneidigen Staatsanwalts, der alles beieinander hat, auf Tod durch Erhängen zu plädieren. Ein Lächeln, das dich durch deine Alpträume verfolgt. So jemandem möchtest du nicht in einem Gerichtssaal begegnen oder sonst an einem Ort, an dem du wehrlos bist.

Nun frage ich mich, ob es sich hier um ein professionelles Model handelt, einen herzensguten Schauspieler vielleicht, dem man gesagt hat: "Hömma, Erwin, schau mal gaaanz, gaaaaanz entschlossen" und dem es wohlgelungen ist, der Regieanweisung zu folgen. Oder ist der Typ echt? Ist er tatsächlich einer der Headhunter?

Wie immer: Wie muß ein Mensch drauf sein, der seine berufliche Zukunft diesem Gesicht anvertrauen möchte? Und was geht in den Hirnen von Anzeigengestaltern vor, die überzeugt davon sind, daß dieses Gesicht ihre Kundschaft ansprechen wird? Und was ist los mit einer Gesellschaft, in der diese Anzeigengestalter womöglich recht haben?

Dienstag, 15. September 2009

Vergessen

In seinem 2006 veröffentlichten Buch "Ich mußte immer lachen" sagt Dieter Hildebrandt:

Er (Peter Ensikat) sagte dann den Satz, für den ich ihm fast um den Hals gefallen bin. Ganz ernst sagte er: "Es wird der Tag kommen, an dem niemand mehr glaubt, daß es die DDR gegeben hat."
Und genau so wird es kommen, es wird der Tag kommen, wo das niemand mehr glaubt. Eine Mauer durch eine Stadt wie Berlin? So ein Quatsch. Hat's doch nie gegeben. So ist es mit dem Holocaust auch - hat es nicht gegeben.

Im August 2009 schreibt Frank Zeeb in der Newsgroup de.etc.sprache.deutsch:

Ich habe letzthin in der S-Bahn gesessen, mir gegenüber zwei Real(?)schülerinnen, etwa 9. oder 10. Klasse, die sich auf eine Klassenarbeit oder Zentralklausur zum Thema "Deutsche Teilung" vorbereiteten. Sagt die eine: "Das glaub ich nicht, dass in Berlin mal eine Mauer stand", die andere: "nö, ich war da, das kann nicht sein". Altväterlich habe ich es für meine Pflicht gehalten, die Mädels aus dem reichhaltigen Schatz meiner Erfahrungen teilhaben zu lassen und sie zu belehren, dass der Onkel selbst auf Klassenfahrt etc. Daraufhin fassten sie Vertrauen und befragten mich auch um Augenzeugenberichte zu ihrem zweiten Thema (die Napoleonischen Kriege).

Mittwoch, 2. September 2009

Die Straße als Wohnzimmer


Das Bild wurde Ostern 2009 im Cilento-Gebirge in Süditalien aufgenommen. Die Kurve ist tatsächlich so unübersichtlich, wie sie zu sein scheint. Und es ist auch kein Unfall passiert, nach dem jetzt die Fahrer ihre Adressen für die Versicherung austauschen.
Die Insassen der beiden Autos tauschten Geschenke und Ostergrüße aus und plauderten ein bißchen miteinander.

Wozu ist die Straße da? Zum Parlieren,
Zum Parlieren ist die Straße da.

Donnerstag, 27. August 2009

Parteispenden

Jedes Mal, wenn ich das Wort "Spenden" im Zusammenhang mit Parteispenden lese, bekomme ich mehr oder minder schwere Hirnkrämpfe.

Wenn wir, du oder ich, etwas spenden, an die Caritas etwa oder an das Rote Kreuz, dann möchten wir zum einen steuermindernde Spendenquittung, wir drängen also darauf, daß die Caritas die Spende ordnungsgemäß verbucht. Und wenn plötzlich Gerüchte auftauchen, wir hätten dem Roten Kreuz Geld gespendet, werden wir nicht zusammenzucken und jeden der Verleumdung zeihen, der dieses Gerücht weiterverbreitet. Allenfalls würden wir verlegen lächeln, weil unsere Gute Tat, die wir im Stillen getan haben, nun so an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Wir wollten doch nicht protzen, sondern einfach nur Gutes tun.

Zu fragen ist also, warum bei den Parteispenden (ich rede hier nicht von der 30-Euro-Spende des Genossen Schmitzke an seinen SPD-Ortsverein, sondern von den großen, den sehr großen Spenden) diese nachvollziehbare Verhaltensweise unüblich ist.

Wozu die Heimlichtuerei? Wozu etwa das beharrliche Schweigen Kohls in Bezug auf die Namen der Spender? Weil die Spender sich genieren, als Sympathisanten der CDU bekannt zu werden? Lächerlich!
Die Heimlichtuerei kommt daher, daß es eben gerade keine "Spenden" sind, die an die CDU geflossen sind. Sondern?
Sondern Honorare. Honorare, die an die CDU gezahlt worden sind für Dienstleistungen der besonderen Art. Dienstleistungen, wie sie nur eine Regierungspartei erbringen kann.
Machen wir uns doch nichts vor: Diese "Spender" sind doch keine Leute, die Geld einfach verschenken. Hätten diese knallharten Geschäftsleute das Geld wirklich spenden wollen, so wie unsereiner an die Johanniter oder die Caritas spendet, dann hätten sie drauf bestanden, daß der Betrag ordnungsgemäß verbucht wird, weil sie nur so ihre steuermindernden Spendenquittungen hätten bekommen können, weil nur so ihre Namen als großherzige Spender hätten leuchten können.
Die Zahlungen mußten verschleiert werden, um den Zusammenhang zwischen ihnen und geschäftsfördernden Entscheidungen der Regierung zu verdecken. Es handelt sich bei den Beträgen nicht um Spenden, sondern um Schmiergelder. Es handelt sich bei den Spendenaffären nicht um Spendenaffären, sondern Korruptionsskandale, Korruption, die in der Bananenrepublik Deutschland alltäglich ist.

Man könnte einwenden, daß (fast) nie ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen "Spende" und Dienstleistung nachzuweisen ist und dann etwas von "Unschuldsvermutung", "Rechtsstaat" und "Verleumdung" murmeln.

Wenn das so wäre, wenn also wirklich keinerlei Zusammenhang bestünde zwischen Spendenzahlungen in insgesamt riesiger Höhe und den politischen Entscheidungen der so Beschenkten, dann hätten wir einen menschlichen Skandal vor uns, einen Skandal von ungeheuerlichen Ausmaßen.

Stell dir mal vor, dein alter Kumpel Erwin macht dir jedes Jahr zu Weihnachten und an deinem Geburtstag ein großzügiges Geschenk. Eines Tages ist Erwins Rasenmäher kaputt und er frägt dich also, ob du ihm nicht mal schnell deinen Grasstutzer leihen könntest. Ja, sagst du, du könntest das wohl, aber du würdest deinen Rasenmäher grundsätzlich nicht verleihen und so auch in diesem Falle und Erwin solle sich doch nach was anderem umsehen. Bringst du das fertig, jemandem, der dir immer wieder eine Gefälligkeit erweist, deinerseits eine Gefälligkeit zu verweigern? Hättest du wirklich so wenig menschlichen Anstand, daß du Erwin eiskalt abblitzen lassen würdest? Natürlich hast du das nicht und natürlich würdest du Erwin deinen Rasenmäher leihen.

Ja, und jetzt kannst du dir mal überlegen, ob du Politiker, die "Spenden" in riesigen Höhen annehmen, für korrupt ansehen willst oder lieber doch als menschliche Monster.

In Italien hat man das Korruptions- oder Spendenproblem - zumindest auf höchster Ebene - sehr elegant gelöst. Einer der reichsten Männer Italiens, Silvio Berlusconi, ist frei von jedem Verdacht, er würde den Regierungschef bestechen, damit er für ihn günstige Entscheidungen trifft. Berlusconi muß den Regierungschef nicht bestechen, er ist der Regierungschef.

Dienstag, 4. August 2009

Regietheater - Die vierte

Mein Beiträge "Regietheater - Die zweite" und "Regietheater - Die dritte" hier im Blog habe ich zu einem Text zusammengefaßt und damit auf einen Artikel des Dramaturgen Carl Hegemann im "Freitag" geantwortet.

Ein gewisser pkaras hat darauf ausführlich geantwortet, worauf wiederum ich geantwortet habe:

"Ich muss Ihnen widersprechen, wenn Sie meinen dass Kehlmann nicht richtig zugeschlagen hat, sondern nur spielerisch andeuten wollte."

Was Kehlmann wollte, weiß ich nicht. Ich sehe, was er getan hat und das war nicht mehr, als einige, relativ wenige Sätze über das Regietheater von sich zu geben.

"Regisseure, die sich nicht am Text halten, sind für ihn zutiefst frustrierte Linke, die die Bühne für ihre ideologischen Belange missbrauchen und dann noch die Frechheit haben, dass als Kunst zu verkaufen. Und dafür noch öffentliche Gelder bekommen. Kehlmann hält Leute wie Zadek oder Peymann für Schwindler."

Ich habe die Diskussion um diese leidige Rede ein wenig verfolgt, so weit sie im Internet geführt wurde (an deutschsprachige Print-Medien komme ich hier in Süditalien nicht so leicht ran). Was mir aufgefallen ist, das ist der Umstand, daß so entsetzlich wenig entlang des Textes von Kehlmann argumentiert wird. "Zutiefst frustrierte Linke", "Bühne für ihre ideologischen Belange missbrauchen" und "das als Kunst verkaufen" - wo tauchen all diese Dinge in der Rede auf? "Schwindler" gar.

"Als spielerische Andeutung würde ich das nicht verstehen. Eher als tiefe Abneigung, mit dem Wunsch, diesen linken Banausen das Maul zu stopfen."

Ich weiß zu wenig über Daniel Kehlmann, um ihn politisch einordnen zu können. Anhand der Rede hatte ich gar nicht den Eindruck, daß er über Linke schimpft, und wenn doch, dann gerade nicht aus der rechten Ecke heraus. "Es hat wohl mit der folgenreichsten Allianz der vergangenen Jahrzehnte zu tun: dem Bündnis zwischen Kitsch und Avantgarde. Nach wie vor und allezeit schätzt der Philister das Althergebrachte, aber mittlerweile muß sich dieses Althergebrachte auf eine strikt formelhafte Weise als neu geben. Denn wer ein Reihenhaus bewohnen, christlich-konservative Parteien wählen, seine Kinder auf Privatschulen schicken und sich dennoch als aufgeschlossener Bohemien ohne Vorurteil fühlen möchte - was bleibt ihm denn anderes als das Theater? In einer Welt, in der niemand mehr Marx liest und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehen, ist das Regietheater zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologie degeneriert."
Das ist böser Spott, freilich, aber das ist - so lese ich diese Worte - der Spott eines Linken über "Linke".
Und das mit dem "Maul stopfen" - Kehlmann schreibt im Gegenteil: "... man kann es auch ganz anders sehen, man darf selbstverständlich auch für die drastischste Verfremdung eintreten, aber man sollte sich deswegen nicht für einen fortschrittlichen Menschen halten." Das ist nicht die Forderung nach dem Stopfen des Mauls, sondern ein Satz gegen die Monopolisierung des Begriffs "fortschrittlich".

"Ob es tragisch ist, da dies ein Sohn eines Theatermachers, dem ein Erfolg als Regisseur wg. dieser Stümper verwehrt wurde, formuliert hat, kann ich nicht beantworten."

An diesem Punkte möchte ich Ihnen doch raten, ein bißchen mehr über Michael Kehlmann in Erfahrung zu bringen. "Erfolg als Regisseur verwehrt" ist sicher nicht die richtige Formulierung für einen Künstler, der am Burgtheater inszeniert, der in den sechziger und siebziger Jahren aufsehenerregende Fernsehinszenierungen abgeliefert hat.

"Kehlmann hält es nicht für nötig, Regisseure beim Namen zu nennen, die er für diesen Missbrauch verantwortlich macht."

Das meinte ich mit "angedeutet, aber nicht richtig zugeschlagen". Es wußte eh jeder, wen und was er meinte, arg viel Zeit hatte er nicht im gegebenen Rahmen, aber, wie man sieht, hat auch das bißchen ausgereicht, die Fasane aus dem Unterholz zu scheuchen.

"Irgendetwas hat er vom anderen Österreicher, der, weil er selber keine Anerkennung bekam, jegliche Bilder bekannter Expression etc verbieten liess. Kehlmann hat hohe Anerkennung bekommen für seine Arbeit, sein Vater aber nicht."

Ich halte mich hier vornehm zurück - stelle aber die Frage, ob der Vergleich von Kehlmann mit Hitler nicht doch etwas abgeschmackt ist? Ganz abgesehen davon, daß er keine Grundlage hat, denn Kehlmann (Sohn) ist Bestsellerautor und Kehlmann (Vater) war einer der profiliertesten österreichischen Theatermacher.

"Sprich, sich nach wie vor von Vorurteilen lenken lassen, genauso verklemmt sind, sich nicht mit Dingen auseinander setzten. Das scheint sich in der Rede von Kehlmann, aber auch durch Ihren Kommentar u.a. zu bestätigen."

Eine hochinteressante Anmerkung. Ich bin lernwillig und (hoffe ich doch) lernfähig. Ich flehe Sie (oder jeden anderen, der hier zufällig mitliest) an, mir meine Verklemmungen anhand meines Textes herauszupräparieren. Ich habe sehr ausführlich argumentiert, habe damit auch reichlich Angriffsfläche geboten. Bitte, was ist falsch an meiner Argumentation?

"Ich sehe die grosse Zustimmung für Kehlmann, 66%, als Indiz für einen Rückfall in bornierte Biedermeierzeiten, die jegliche künstlerische Darbietung nach dem Preisleitungsverhältnis bewertet (wo Shakespeare drin steht soll auch Shakespeare drin sein und nur dafür zahle ich) und dieses Kriterium auch dafür benutzt, Kunst von sog. Scharlatanerie zu unterscheiden."

Noch mal: Von Scharlatanerie hat Kehlmann nie gesprochen, und wenn doch, dann bitte ich um einen Hinweis.
Und was das Preis-Leistungs-Verhältnis betrifft, so dürfte das sog. Regietheater unbestrittenerweise unschlagbar sein. Da wird an nichts gespart, das ist Showbusiness auf höchstem Niveau, nicht nur ausstattungsmäßig, sondern auch künstlerisch. Das mag Sie jetzt überraschen, aber die meisten Inszenierungen, über die wir hier sprechen, sind sehr effektvolle und raffinierte Theaterveranstaltungen, gar kein Zweifel. Und wenn auf den Plakaten draufstünde (ich wiederhole mich jetzt, säufts!), daß hier Hans Müller-Möhrenschneider sein neues Theaterstück "Macbeth", nach einer Idee des Kollegen Shakespeare aufführt, dann ist dagegen nichts zu sagen. Ich habe mit Sicherheit nichts dagegen (das weiß ich), und Daniel Kehlmann wahrscheinlich auch nichts (das kann ich allerdings nur vermuten).

"Wenn Zadek, Peymann, später Castorf oder auch Perceval, nur um einige zu nennen, Shakespeare im 16. Jh belassen hätten, dann wäre er wahrscheinlich heute nicht Schulstoff."

Ich habe in den sechziger Jahren ein Provinzgymnasium in Niederbayern besucht und damals war Shakespeare ganz selbstverständlich Schulstoff (im Original), auch Christopher Marlowe. Und bei den Altsprachlern im anderen Klassenzimmer war es Sophokles, im Deutschunterricht war es der "Faust", der "Tell", der "Zerbrochene Krug" etc. pp. Lessing hat seinerzeit Shakespeare aus der Versenkung geholt und für die Deutschen entdeckt, seither ist er im deutschsprachigen Theater nie wieder in der Versenkung verschwunden.

"Er würde in Vergessenheit geraten, weil der Wert des Textes als solcher unerkannt und Shakespeare seine Gültigkeit als Autor auf das 16. Jh beschränkt bliebe. Da aber Shakespeare grossartige Figuren schuf, ist es doch ungeheuerlich reizvoll zu prüfen, ob diese Figuren heute noch Gültigkeiten haben oder nicht."

Und - haben sie es? Natürlich haben sie es, auch wenn ich das entsprechende Stück nur lese. Wieso hält man gerade Theaterautoren für dermaßen bescheuert, daß man sie ständig aktualisieren muß, während man Romane, Gedichte, Novellen ganz selbstverständlich auch heute noch original liest und sie - zumindest die besseren unter ihnen - für ausgesprochen aktuell und interessant findet? Muß der "Simplicius Simplicissimus" seine Abenteuer im Zweiten Weltkrieg erleben, damit er mir noch was sagt?

"Auch wenn es Ihnen schwer fällt, es ist der Mühe wert, sich mit Shakespeare-Inszenierungen eines Castorf oder Perceval auseinander zu setzen."

Ich sitze in Süditalien, deutschsprachige Theater sind weit, ich bin also auf Fernseh-Aufzeichnungen angewiesen und da muß ich nehmen, was grad kommt.
Vor etlichen Wochen hatte ich mich wieder mal, was ich eher selten mache, vor den Fernseher gesetzt und mal geschaut, was so läuft. Die privaten Sender überspring ich eh, so daß ich relativ bald durch war. Auf 3Sat lief gerade ein Theaterstück. 4 Typen wollten ein Mädchen anwanzen und diskutierten gerade, wer hingehen sollte. Die Schauspieler waren nicht schlecht, also blieb ich dabei. Nach einiger Zeit wurde klar, daß die 4 Typen dieselbe Person sind, halt in viererlei Gestalt. Dergleichen steck ich weg, als wenn's nix wäre.
Nach wiederum einiger Zeit kamen mir einige Textfetzen bekannt vor, nanu, sagte ich mir und sagte schließlich, daß dies wohl Schillers "Räuber" sein müßte. Ein Blick in den Videotext gab mir recht.
Ein weiteres Weilchen schaute ich zu, die Schauspieler waren wirklich gut und ich bin ein geduldiger Mensch, dann schaltete ich um.
Aber, immerhin, ich will gerecht sein: Das Stück war angekündigt als "Die Räuber" nach Friedrich Schiller. Dann paßt's ja wieder. Obwohl die notorischen Kulturschmocks in den Feuilletons dann doch wieder wahrheitswidrig und entgegen dem ausdrücklichen Wunsch des Regisseurs schrieben: "Nicolas Stemann inszeniert Schillers Räuber in Salzburg."

Obwohl. Stemann selber hat sich da neulich verplappert: "Und für Kehlmann habe ich noch einen Tipp: Sollte er im Laufe des Trubels, der nun auf seine Rede folgt, überraschend doch noch ein Interesse für Theater entwickeln, so kann er sich ja vielleicht mal meine Inszenierung von 'Die Räuber' anschauen." Nobody is perfect.

Samstag, 1. August 2009

Regietheater - Die dritte

Mein Leserbrief zum Artikel von Peter Michalzik ist im Bronski-Blog der FR komplett zitiert worden. Was drum rum stand, der Beitrag von Bronski selbst und zwei der Kommentare dazu haben mich dazu verleitet, Anmerkungen dazu zu machen:

Bronski schrieb: "Sein Vater habe im Regisseur noch einen Diener des Autors gesehen. Klar, dass Kehlmann selbst Autor geworden ist."

Was ich im Theater sehe, das sind die Schauspieler auf der Bühne. Was ich nicht sehe, das ist zum einen der Autor und zum anderen der Regisseur. Wenn es eine gelungene Inszenierung ist, dann sollte mir eigentlich gar nicht bewußt werden, daß dafür neben den Schauspielern auch ein Regisseur und ein Autor verantwortlich sind. Deren Leistung ist einfach da.

"Manchmal wünschte ich, es wäre so, dass die Deutschen staatlich verordnete Zuck-und-hysterisch-Schrei-Kurse absolvieren müssten."

Hm, wenn das hülfe gegen exaltierte Theateraufführungen, dann sollte man in der Tat drüber nachdenken.

"Der Salzburger Schauspieldirektor Thomas Oberender sagt dazu im Gespräch mit FR-Redakteur Peter Michalzik: “Nennen Sie mir ein Beispiel dafür, was kein Regietheater wäre!”

Das ist ja nun ein uralter Kalauer, den Oberender da ausgräbt. Jeder weiß zwar, daß der Begriff Regietheater gemeinhin in einem engeren Sinne als "Regie im Theater" verwendet wird, aber man tut so, als wüßte man es nicht und erntet so einige wohlfeile Lacher von schlichteren Gemütern.

Stefan Simon wird zitiert: "Mir ist im Vertrauen zu Ohren gekommen, dass Schauspieler und Sänger, die sich gegen die Vergewaltigung durch Regisseure wehren, fürchten müssen, an deutschen Bühnen nicht mehr beschäftigt zu werden..."

In den achtziger Jahren hat der Bayerische Rundfunk mal ein Feature über die Geschichte der Schuhmode gesendet. Darin kam unter anderem eine Schauspielerin C. vor, die seit früher Jugend schon sehr gerne in hochhackigen Stöckelschuhen rumlief und ein fast fetischistisches Verhältnis zu diesen Dingern hatte.
Frau C. erzählte nun, sie habe mal in einer Macbeth-Inszenierung in Bochum (?) eine der drei Hexen gespielt und der Regisseur habe den Einfall (!) gehabt, die Hexen nackt auftreten zu lassen (ja, gut, ich nehme das Ausrufezeichen wieder zurück, vielleicht war das damals noch originell). Sie habe sich furchtbar geschämt, so berichtete Frau C. weiter, splitternackt auf der Bühne rumzustehen und habe den Regisseur (ich weiß den Namen nicht mehr, es war ein recht bekannter Name, aber ich komm nicht mehr drauf) gebeten, wenigstens ihre Stöckelschuhe anbehalten zu dürfen, sie fühle sich dann nicht mehr so ganz nackt. Man habe sich schließlich drauf geeinigt, daß sie einen Stöckelschuh habe tragen dürfen.
Ich habe die Geschichte deshalb so ausführlich erzählt, um klarzumachen, daß es hier überhaupt nicht um Theater, Regie oder Regietheater ging.
Was kann man aus dieser kleinen Geschichte schließen? Frau C. war es ausgesprochen widerlich, nackt auf der Bühne aufzutreten, aber sie hat es nicht gewagt, sich schlicht zu weigern. Sie wäre aus diesem Stück rausgeflogen und sie hätte ganz, ganz schlechte Karten für künftige Engagements gehabt - das schließe ich daraus.
Und Michael Kehlmann ist im Laufe der Diskussion um die Rede seines Sohnes unter anderem autoritäres Verhalten auf der Bühne vorgeworfen worden...

BvG schreibt: "Ohne eine möglichst werkgetreue und historisch möglichst authentische Darstellung würden Interpretationen, Aktualisierungen überhaupt nicht wahrgenommen und verstanden."

Nun, nun. Noch gibt es Theaterstücke auch zum Lesen. Noch bin ich nicht auf mein jeweiliges lokales Theater angewiesen, um mir ein Stück reinpfeifen zu können.

"Ohne eine zeitgemäße oder gar individuelle Interpretation würden viele Werke langweilig und unverständlich bleiben..."

Also, wenn ein Theaterstück vom Text her nur noch zum Gähnen reizt, dann sollte man es lieber doch im Regal stehen lassen, zum gelegentlichen Gebrauch durch Studenten, die sich das antun müssen, um einen akademischen Abschluß zu erwerben.

"Die Entscheidung, das eine oder das andere zu tun, ist sicher eine ästhetische Entscheidung, auch eine kommerzielle. Sie sollte aber nicht durch Können begrenzt werden."

Ganz ernsthaft: Was spräche dagegen, einen Hamlet auf Müller-Möhrenschneider-Art als "Hamlet von Hans Müller-Möhrenschneider, nach einer Idee von W. Shakespeare" auf die Bühne zu bringen? Hmnja, ich versteh schon, das liebe Geld. Wer würde sich dergleichen dann schon anschauen wollen?
Mein Vater war Metzger und vielleicht bin ich deshalb ein bisserl eng in meinen Anschauungen: Wenn irgendwo Leberkäs drin ist, dann sollte, so denk ich mir, auch "Leberkäs" draufstehen und nicht "Leberpastete". Auch einem Schauspielerscheucher stünde ein wenig Handwerker-Ethos nicht schlecht an.

Walter H. Krämer schrieb: "Angesichts des Todes von Jürgen Gosch, Peter Zadeck und Pina Bausch finde ich die Diskussion um das “Regietheater” beschämend..."

Du lieber Heiland, nur weil jemand gestorben ist, herrscht Diskussionsverbot? Für wie lange? Und wenn die Frist um ist, stirbt womöglich der Nächste. Braucht man jetzt schon Särge, um Barrikaden zu errichten?

Damit eines klar ist: Ich habe nichts gegen angedeutetes oder echtes Ficken auf offener Bühne, das hat man im "Salambo" auf der Reeperbahn schon in den sechziger Jahren gemacht, wenn ich recht informiert bin. Ich habe auch nichts gegen Striptease, Blutverspritzen, Kotzen etc. auf der Bühne, selbst eine Kombination von all dem tätert mich nicht wirklich vom Stockerl hauen. Man brüht ab im Lauf der Jahre.
Daß ein Theaterstück, das zunächst ja nur ein Text ist, für jede Aufführung interpretiert werden muß, versteht sich. Wenn da steht "Erwin geht ab", dann wird sich der Regisseur seine Gedanken machen müssen, wie er den Erwin abgehen läßt. Und wenn da steht "Erwin reißt seinen Mantel auf, deutet auf seinen erigierten Schwanz und kichert irr. Neun nackte Nymphen treten aus dem Wandschrank und tanzen wild. Die siebte Nymphe schraubt sich den Kopf ab und aus dem Halsstumpf spritzt ihr Blut und saut die Bühne voll. Angewidert geht Erwin ab", dann wird der Regisseur sich etwas einfallen lassen müssen, dies zu gestalten. Wenn dergleichen aber nicht im Text steht, dann geht Erwin halt einfach nur ab.
Zuviel verlangt? Langweilig? Verstaubt? Geht's denn ohne Bierzelt-Gaudi überhaupt nicht mehr?

Donnerstag, 30. Juli 2009

Regietheater - Die zweite

Daß Daniel Kehlmanns Salzburger Rede vom 24. Juli 2009 zum Regietheater etliche alles in allem recht aufgeregte Kommentare provoziert hat, ist bemerkenswert. Bemerkenswert insofern, als Kehlmann - genau besehen - gar nicht richtig zugeschlagen hat, sondern bloß ein bißchen spielerisch angedeutet hat, wo man hinhauen könnte. Die Heftigkeit der Reaktionen läßt auf ein gläsernes Kinn bei den angegriffenen Boxern schließen.

Selbst der uralte Kalauer, es sei schließlich jedes Theater zwangsläufig Regietheater wird jetzt aus gegebenem Anlaß wieder ausgegraben. Jeder weiß zwar, daß der Begriff Regietheater gemeinhin in einem engeren Sinne als "Regie im Theater" verwendet wird, aber man tut so, als wüßte man es nicht und erntet so einige wohlfeile Lacher von schlichteren Gemütern.

Kehlmann sprach davon, es sei "eher möglich, unwidersprochen den reinsten Wahnwitz zu behaupten (...) als leise und schüchtern auszusprechen, daß die historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist, nicht besser und nicht schlechter als die Verfremdung, auf keinen Fall aber ein per se reaktionäres Unterfangen." Man stürzt sich auf das Wort von der "historisch akkuraten Inszenierung" und baut sich als Gegenpol zum Regietheater das museale Theater auf - Shakespeare nur so, wie man es im Globe Theatre einst sah: Bei Tageslicht, ohne Beleuchtungseffekte, Hamlet in Strumpfhosen, Frauenrollen von Männern gespielt etc. pp. - Lächerlich das, sagt man und mit recht. Als ob es darum ginge.

Es geht darum, daß Shakespeare einen Text hinterlassen hat, die Vorlage für ein aufzuführendes The­a­terstück. Diesen Text kann ich lesen, mir das Stück also selbst im Hirn inszenieren oder ich kann es mir im Theater anschauen. Wenn ich mir ein Stück von Shakespeare, das ich zuvor noch nicht gelesen habe, im Theater ansehe, dann möchte ich nach dem Verlassen des Theaters eine ziemlich gute Vorstellung davon haben, was Shakespeare eigentlich geschrieben hat.

Aber, hör ich, das sind doch alte Stücke, die womöglich in noch viel älterer Zeit spielen. Wir müssen zu diesen alten Stücken neue Zugänge finden, wir müssen die zu Monumenten erstarrten Klassiker zerlegen und neu zusammensetzen, damit wir uns und unsere Welt in diesen Stücken wiedererkennen können.

Ah so.

Merkwürdigerweise habe ich beim Lesen dieser alten Stücke so gar nicht den Eindruck, als wehte mir der Staub der Jahrhunderte entgegen. Und bei denen, die ich nach quälender Lektüre schließlich wieder zuklappe, käme ich nie auf die Idee, man sollte sie aktualisieren.

Übertragen wir die Forderung nach Aktualisierung alter Stücke einmal auf andere Gebiete der Kunst, bei denen man es ebenso mit alten bis sehr alten Werken zu tun hat.

Ein Roman etwa ist zu einer bestimmten Zeit geschrieben worden und spielt vielleicht in einer anderen. Und wenn dieser Roman heute wieder neu aufgelegt wird, dann wird er so herausgebracht, wie er damals geschrieben wurde. Gut, wenn er schon etwas älter ist, wird die Rechtschreibung etwas angepaßt, aber damit hat sich's auch schon. Kein Herausgeber käme auf die Idee, er müßte den Roman, um ihn dem heutigen Publikum näherzubringen, aus der Zeit, in der er spielt, herausnehmen. Man vertraut darauf - und zu Recht - daß der heutige Leser, so er kein Narr ist, auch aus einer alten Geschichte heute noch gültige Bezüge herauslesen werde.

Aber stellen wir es uns einmal vor, ein Übersetzer habe den "Don Quichote" ins Deutsche zu übertragen und er ließe den Roman, auf daß er dem heutigen deutschen Publikum aktuell erscheine, im Mecklenburg-Vorpommern der neunziger Jahre spielen, füge überdies - die Aktualisierung auf die Spitze zu treiben - Texte moderner Autoren in den Roman, dazu Auszüge aus der BILD-Zeitung.

Hm.

Damit eines klar ist: Auf diese Weise kann ein äußerst spannender und interessanter Text entstehen, aber... Ja klar, der "Don Quichote" von Cervantes ist es nicht mehr. Es ist ein neues Kunstwerk entstanden, eher lose mit dem alten Text von damals verbunden. Im Buchgewerbe ist es selbstverständlicher Brauch, daß man dann auch nicht "Don Quichote von Miguel Cervantes" draufschreibt, sondern etwa "Cervantes-Variationen von Hugo Blobbersich".

Ein ebenfalls reizvolles Gedankenspiel ist es, die Situation vom Theater weg in den Konzertsaal zu übertragen. Ein kreativer, genialer Dirigent etwa nähme sich ein Stück aus der Musikliteratur - sagen wir mal "Bilder einer Ausstellung" - und führte dieses Stück mit Schlagzeug, Synthesizer und E-Gitarre auf, kräftig mit Stil-Elementen aus der Rockmusik versetzt. Die feinsinnigen Musikfreunde (die häufig auch feinsinnige Theaterfreunde sind) würden aufjaulen.

Nun wissen wir natürlich, daß Emerson, Lake and Palmer genau das oben Geschilderte mit dem Stück von Mussorgsky getan haben und großen Erfolg damit gehabt haben. Womit mein Argument widerlegt wäre? Nein, denn der entscheidende Punkt dabei ist, daß ELP ihre Version des Stücks niemals als Aufführung eines Werkes von Mussorgsky ausgegeben haben. Es wurde immer als eigenständiges Kunstwerk gesehen, das sich in seinen Grundzügen an Mussorgsky anlehnte.

Würde der genialische Regisseur Hans Müller-Möhrenschneider sein Stück "Hamlet" (nach Motiven des Kollegen Shakespeare) aufführen, würde sich keiner, auch Daniel Kehlmann nicht, aufregen. Natürlich steht es jedem frei, sich in der Weltliteratur zu bedienen und vorhandene Stücke zu bearbeiten.

Ein bekannter Regisseur, der auch ein wenig als Dramatiker dilettierte, hat mehrere Stücke verstorbener Kollegen bearbeitet und aufgeführt, auf die Bühne gebracht hat er sie aber als seine Bearbeitungen von Stücken anderer. So penibel war Brecht, dem ansonsten ein eher entspanntes Verhältnis zu Fragen des geistigen Eigentums nachgesagt wird.

Das wirklich Ärgerliche am Regietheater ist doch nicht der Stil der Aufführungen, sondern der Etikettenschwindel, der damit verbunden ist. Hans Müller-Möhrenschneider bringt ein eigenes, locker am "Hamlet" des Shakespeare orientiertes Stück auf die Bühne, tut aber so, als würde er Shakespeare inszenieren. Er versteckt sich hinter Shakespeare, weil alle Shakespeare sehen wollen, kein Schwein aber sich für die Stücke von Hans Müller-Möhrenschneider interessiert.

Ich nehme die Hälfte der obigen Aussage wieder zurück. Doch, auch die Regieeinfälle so mancher Aufführungen sind ärgerl... nein, eher kindisch. Ich meine jetzt die Marotte, alte Stücke in der modernen Zeit spielen zu lassen. Wenn ich einen alten König in einen dunklen Anzug mit Krawatte stecke, dann verändere ich ihn radikal. Dann ist er kein alter König mehr, sondern ein neuzeitlicher Präsident oder Wirtschaftsboß oder was. Dann aber paßt der Text nicht mehr, den ihm der Klassiker zu sprechen vorgibt. Und mit "Text" meine ich nicht nur den Sprachduktus, sondern auch den Inhalt dessen, was er sagt. Ein Chef des 21. Jahrhunderts hat andere Ideen im Kopf als ein Chef des 10. Jahrhunderts. Wenn er etwas verschleiern will, etwas rechtfertigen will, greift er auf andere Verschleierungs- oder Rechtfertigungsmuster zurück. Vieles vom Vergangenen bleibt, manches aber nicht.

Viele Geschichten funktionieren nur in der Zeit, in der sie spielen. Man nehme nur den "König Ödipus" von Sophokles, dessen Geschichte nur in archaischer Zeit läuft, überall sonst ist sie lächerlich. Die Geschichte käme gar nicht ins Laufen ohne

- die tiefe, existentielle Orakelgläubigkeit, die ohne Scheu vor aller Welt präsentiert wird

- die engste Verbindung zwischen allgemeiner politischer Machtgeschichte und Familiengeschichte

- die Angst vor der durchaus wahrscheinlich und plausibel erscheinenden Ermordung durch den eigenen, noch ungeborenen Sohn

- die straflose, noch nicht mal verpönte Möglichkeit, den neugeborenen Sohn umbringen zu las­sen

- die Selbstverständlichkeit, mit der Iokaste als Siegespreis demjenigen winkt, der die Sphinx besiegt.

Die Frage bleibt, warum das Theater glaubt, nur mit immer neuen Regie-Einfälle über die Runden zu kommen. Ich habe den bösen Verdacht, es liegt daran, daß relativ wenige Leute regelmäßig ins Theater gehen. Dort werden - so groß ist das Repertoire gar nicht - immer die gleichen Stücke gespielt. Immer die gleichen Leute schauen sich also immer die gleichen Stücke an. Das wird auf Dauer langweilig und um die Langeweile zu vertreiben wird halt ein bisserl eine Show gemacht.

Zum Schluß noch eine Anmerkung zur vielbelächelten Formulierung Kehlmanns, es solle der Regisseur der Diener des Autors sein. Die beeindruckendsten Theateraufführungen waren für mich jene, bei denen der Gedanke, daß es da wohl auch einen Regisseur gegeben haben müsse, gar nicht erst auftaucht. So wenig übrigens wie der Gedanke, daß das Stück wohl einer geschrieben haben muß. Anspringen tun dich erstmal nur die Schauspieler auf der Bühne.

Im Fernsehen habe ich mal eine Inszenierung des "Jedermann", den ich nie gelesen habe, gesehen. Salzburger Festspiele, natürlich, Regie Istvan Szabo, mit Brandauer, Hoppe etc. Ich war begeistert. Nach nüchterner Überlegung am Ende der Aufführung dachte ich mir: "Was für ein Scheißstück! Was für eine Holzhammerdramaturgie mit dem moralischen Zeigefinger!" (und dieses ewige, lächerlich altertümelnde "nit") Aber: "Was für eine Aufführung!" Ein absolut phantastisches Team hat es geschafft, aus einem Haufen Knochen ein prächtiges Schnitzerl zu zaubern (in durchaus konventionellem Inszenierungsstil übrigens).

Dienstag, 28. Juli 2009

Regietheaterschelte von Daniel Kehlmann

Jeder, der auch nur ein wenig in den Feuilletons stöbert, wird es mitbekommen haben, daß Daniel Kehlmann als Gastredner zur Eröffnung der Salzburger Festspiele einige böse Worte über das Regietheater verloren hat.

Auf den Websites finden sich normalerweise nur Zusammenfassungen (meist die immer gleiche Agenturmeldung). Die Salzburger Nachrichten haben die Rede in ihrer Gesamtheit abgedruckt, wen es interessiert, der findet sie hier.

Der von Kehlmann angesprochene Artikel von Karl Kraus über Erwin Piscator ist hier nachzulesen.

In der "Frankfurter Rundschau" vom 26. 07. 2009 hat Peter Michalzik die Rede Kehlmanns kommentiert. Ich habe folgenden Leserbrief dazu geschrieben:

Peter Michalzik wirft Kehlmann vor, seine Rede sei "ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich" gewesen. Das ist richtig, Kehlmann hat in seiner Rede in der Tat zu wenig argumentiert, während andererseits Michalzik in seinem Artikel überhaupt nicht argumentiert.
Man übertrage nur mal die Situation vom Theater weg in den Konzertsaal. Ein genialer Dirigent nähme sich ein Stück aus der Musikliteratur - sagen wir mal "Bilder einer Ausstellung" - und führte dieses Stück mit Schlagzeug, Synthesizer und E-Gitarre auf, kräftig mit Elementen aus der Rockmusik versetzt. Die feinsinnigen Musikfreunde (die häufig auch feinsinnige Theaterfreunde sind) würden aufjaulen.
Nun wissen wir natürlich, daß Emerson, Lake and Palmer genau das oben Geschilderte mit dem Stück von Mussorgsky getan haben und großen Erfolg damit gehabt haben. Womit mein Argument widerlegt wäre.
Der entscheidende Punkt dabei ist aber, daß ELP ihre Version des Stücks niemals als Aufführung eines Werkes von Mussorgsky ausgegeben haben. Es wurde immer als eigenständiges Kunstwerk angesehen, das sich in seinen Grundzügen an Mussorgsky anlehnte. Würde der genialische Regisseur Hans Müller-Möhrenschneider sein Stück "Hamlet" (nach Motiven des Kollegen Shakespeare) aufführen, würde sich keiner aufregen. Natürlich steht es jedem frei, sich in der Weltliteratur zu bedienen und vorhandene Stücke zu bearbeiten.
Ein bekannter Regisseur, der auch ein wenig als Dramatiker dilettierte, hat mehrere Stücke verstorbener Kollegen bearbeitet und aufgeführt, auf die Bühne gebracht hat er sie aber als seine Bearbeitungen von Stücken anderer. So penibel war Brecht, der ansonsten Urheberrechte eher entspannt betrachtete.
Das Ärgerliche am Regietheater ist doch nicht der Stil der Aufführungen, sondern der Etikettenschwindel, der damit verbunden ist. Hans Müller-Möhrenschneider versteckt sich hinter Shakespeare, weil alle Shakespeare sehen wollen, kein Schwein aber sich für die Stücke von Hans Müller-Möhrenschneider interessiert.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Frühling

Der Franze hat gsagt, er liebt den Frühling sehr, aber er fänd es noch hübscher, wenn man ihn mehr in den Winter verlegen würd. Dann, sagt er, könnt man mit dem Schlitten durch all die Blütenpracht fahren.

Montag, 20. Juli 2009

Erfinden

Der Franze hat gsagt, wenn’s nach ihm gingert, dann tät er das Erfinden verbieten, weil es is noch nie nichts Gscheites nicht erfunden worden, außer dem Bier vielleicht und dem Leberkäs. Und das, sagt er, gibt’s ja schon.

Samstag, 18. Juli 2009

Das Problem mit der unsichtbaren Rolex

Ich weiß natürlich nicht, ob ein Prolet wie du sich jemals Gedanken gemacht hat über dies Problem.

Stell dir nur mal vor, du hast viel Geld, ganz viel Geld. Und weil du so viel Geld hast, möchtest du das den Leuten, die nicht ganz so viel Geld haben, auch zeigen. Was machst du? Richtig, du kaufst dir eine Rolex-Uhr oder eine Jaeger-LeCoultre oder eine Piaget. Okay, du siehst da noch kein Problem und ich auch nicht, weil das noch kein Problem ist.

Aber, weil du so viel Geld hast, und du das den anderen auch zeigen willst, kannst du nicht einfach so im T-Shirt rumlaufen, damit jeder deine teure Rolex oder was am sonnengebräunten Handgelenk bestaunen kann. Obst du willst oder nicht, du wirst dich in einen teuren Maßanzug werfen müssen, und ein teures, maßgeschneidertes Hemd über deinem sonnengebräunten Oberkörper tragen. Das gute Hemd geht bis zum Handgelenk und ist dort fest verschlossen, weil anders bräuchte man ja keine goldenen Manschettenknöpfe mit Brillanten.

So, und damit ist jetzt die Uhr weg und das Problem da. Du kannst natürlich deine Uhr nach vorne schieben, bis fast auf die Hand, aber das sieht doch sehr nach Zuhälter aus. Du kannst ständig auf die Uhr schauen und damit Dynamik signalisieren, das zwar. Aber Dynamik ist halt auch nur was für die Unterschicht der Oberschicht, für die also, die mindestens so tun müssen, als würden sie für ihr Geld arbeiten.

Ein echtes Problem also, wie gesagt. Menschlicher Geist aber vermag fast alles, menschlicher Geist hat auch dafür eine Lösung gefunden.

Hitzewelle 2

So ganz wild war es bisher mit der Hitzewelle nicht. Gestern waren es nur noch 34 Grad, heute ist der Himmel bedeckt, es weht ein deutlich Lüftlein und auf mehr als 30 Grad kommt das Thermometer auch nicht.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Hitzewelle

Hitzewelle
In Italien ist das Wetter immer wieder mal eine Schlagzeile wert. Jedes Jahr aufs Neue stellt man verblüfft fest, daß es im Winter kalt und im Sommer heiß ist. Diese donnernde Erkenntnis kommt dann nicht, wie in Deutschland üblich, unter Vermischtes am Ende der Zeitung oder der Fernsehnachrichten, sondern ganz vorne auf der Titelseite.

Dieser Sommer ist, wie die zwei vorausgegangenen, bei weitem nicht so heiß, wie man dies erwarten kann. Im Mai und im Juni waren mal einige heißere Tage, sie blieben aber Episode, erst jetzt, Mitte Juli kommt die Hitze auch in Süditalien an. Gestern hatten wir 31 Grad, das liegt irgendwo zwischen "na ja, normal" und "wieso ist es eigentlich nicht heißer?". Heute hat es um 12.00 h mittags 36,5 Grad. Es wird also ernst.

In den letzten Tagen war es im Norden Italiens fast 40 Grad heiß. Für morgen ist nun auch für den Süden "Hitzealarm Stufe Rot" angesagt. Schaumermal, wie's wird.

Daß es im Sommer in Italien im Norden heißer und drückender ist, ist seit geraumer Zeit eine übliche Erscheinung. Anscheinend wirkt der Smog in den Ballungszentren des Nordens aufheizend.

Mittwoch, 15. Juli 2009

Adenauer-Begräbnis

Nun ist es schon eine Weile her, daß Altbundeskanzler Adenauer gestorben ist. Dennoch ist mir sein Begräbnis, wiewohl ich nicht dran teilgenommen habe, in bleibender Erinnerung.

Am Vortag war auf dem Schulhof des Gymnasiums Pfarrkirchen eine Trauerfeier, bei der nach würdigender Ansprache durch den Direktor das Schulorchester plötzlich das Lied vom Hintertupfer Bene zu spielen begann:

Nachts, um viertel über zehene,
Schleicht der Hintertupfer Behene,
Kammerfensterln zu der Stahasi
Und der Mond scheint bloach und kasi.
http://www.youtube.com/watch?v=F-IugUlacms

Erst mußte ich lachen, dann stutzte ich, denn mir erschien dergleichen Musik absolut unpassend für den Anlaß, bis mich dann ein Kundiger über den musikalischen Hintergrund des Liedes aufklärte:
http://www.youtube.com/watch?v=28sdV_DXSrU&feature=fvw

Am Tag der Beerdigung war schulfrei. Abermals blieb mir der Mund offen stehen, als ich aus dem Fernsehzimmer die Büttenrede eines kölschen Karnevalsjecken hörte. Wie konnte es sein, daß das Fernsehen in jenen Tagen, da man Staatstrauer trug, eine Karnevalssendung brachte, noch dazu zur falschen Jahreszeit (Ende April)? Es stellte sich heraus, daß der vermeintliche Jeck der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings war, der die Trauerrede hielt beim Staatsbegräbnis.

Montag, 13. Juli 2009

Montecassino

Das Kloster Montecassino, zwischen Neapel und Rom gelegen, ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Nicht nur deswegen, weil es eines der ältesten Klöster auf europäischen Boden ist, 529 von Benedikt von Nursia gegründet. (1)

Wenn du heute das Kloster besuchst, dann findest du eine im Kern mittelalterliche Anlage, die aber in späterer Zeit erweitert und drastisch verändert wurde, so daß heute Renaissance und Barock dominieren. Du gehst durch diese alte Anlage, du bist schon durch viele alte Anlagen gegangen, an dieser aber ist etwas ganz entschieden merkwürdig. So merkwürdig, daß du es zunächst gar nicht genau bestimmten kannst, du hast nur das merkwürdige Gefühl, daß etwas überhaupt nicht stimmt, obwohl alles ganz wunderbar aussieht.
Und irgendwann, wie immer dann, wenn du an was anderes denkst, kommst du drauf: Dieser alten Klosteranlage fehlt die Patina, sie sieht rundum und in jedem Detail nagelneu aus.

Und genau das stimmt. Das alte Kloster ist nagelneu.

1944 ist die gesamte Anlage durch einen alliierten Bombenangriff innerhalb von drei Stunden völlig vernichtet worden.


Das wodurch du wandelst, ist eine zeitgenössische Rekonstruktion nach alten Plänen und Fotos. Nicht in dem Zustand, wie das Kloster irgendwann im Mittelalter ausgesehen haben mag, sondern auf dem status quo ante kurz vor der Zerstörung.

Auf dem Weg hinauf siehst du immer wieder Hinweisschilder auf verschiedene Soldatenfriedhöfe, einen amerikanischen, britischen, polnischen Soldatenfriedhof.
Der Tod, sagt man, mache alle gleich. Mag sein. Auf den Soldatenfriedhöfen von Monte Cassino jedenfalls hat man sich die Mühe gemacht, die toten Soldaten fein säuberlich nach Nationen auseinanderzusortieren. Noch nicht mal die damals verbündeten Soldaten hat man in einen gemeinsamen Friedhof gelegt.

Wenn du mal Gelegenheit dazu hast, solltest du dir das Kloster live anschauen, es ist wirklich beeindruckend. Und die fehlende Patina ist absolut gespenstisch.

Und wenn du schon in der Gegend bist, empfehle ich dir, 200 bis 300 km weiter südlich zu fahren, in den Cilento. Dort findest du den Monte Gelbison oder Monte Sacro. Auf dem Gipfel, über 1700 m hoch, liegt ebenfalls ein Kloster, ziemlich groß, wenn auch bei weitem nicht so riesig wie Monte Cassino.
Auch hier hatte ich ein ganz merkwürdiges Erlebnis. Wir waren dort am späten Nachmittag gewesen, kurz vor dem Einbruch der Nacht. Von den Mönchen oder von sonstigen Bewohnern des Klosters war nichts zu sehen, nichts zu hören, noch sonst irgendeine Spur ihrer Anwesenheit auszumachen. Das ganze Gelände war derart peinlich sauber geputzt, kein herumliegendes Papier, kein Laub, kein Staub (diese Art von Sauberkeit findest du häufig in Apulien, in Kampanien aber so gut wie nie). Es hat auf uns gewirkt wie eine Kulisse aus einem Computerspiel, absolut unwirklich. Und das umgeben von einer sehr wilden, fast ursprünglich wirkenden Hochgebirgs-Naturlandschaft.



Den Cilento, eine in Deutschland fast unbekannte Gegend Italiens, empfehle ich ohnehin und das in jeglicher Hinsicht.

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(1) Historiker - und zwar Benediktinermönche - haben inzwischen heftige Zweifel daran angemeldet, daß es einen Benedikt von Nursia je gegeben hat. Sie halten diese Figur für eine Fiktion aus späterer Zeit.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Trulli

Wer schon mal in Apulien war oder wenigstens ein bißchen was über die süditalienische Region gelesen hat, der kennt auch die sog. trulli, merkwürdige Häuser mit spitzen Runddächern. Diese Häuser sind in Trockenbauweise errichtet, das heißt, es wurden Steine so kunstvoll aufeinander geschichtet, daß das Haus durch das Eigengewicht der Steine hielt, ganz ohne Mörtel. Auch das Dach besteht aus Steinen.
Man trifft diese Trulli nur in Apulien - und in Rheinhessen. Nein, letzteres ist kein Witz, es sind auch keine Bauten aus neuerer Zeit. Sie wurden im 18. Jahrhundert in den Weinbergen als Schutzhütten von apulischen Arbeitern errichtet.
Was die apulischen Trulli betrifft, so rätselt man, warum gerade dort gerade diese Bauweise gewählt wurde. Eine Erklärung besagt, ein Grundherr habe im 17. Jahrhundert seinen Bauern befohlen, ihre Häuser ohne Zement, Mörtel und ohne Holz zu bauen, nur aus Stein. Wenn nun die königlichen Steuereintreiber im Anmarsch gewesen seien, so habe man die Steinhäuser ganz einfach abgebaut und später ohne viel Aufwand wiedererrichtet.

Ich dagegen glaube, daß sich die Bauweise der trulli zwanglos aus der Landschaft erklären läßt. Der Boden in Apulien ist fruchtbar, aber übersät mit Steinen, die man zwar entfernen kann, wobei immer neue Steine nachkommen. Normaler Ackerbau ist unter diesen Umständen fast nicht möglich, der beste Pflug wäre nach kurzem schon zuschanden. Also verlegt man sich in Apulien auf Bäume und Sträucher, die man nicht jedes Jahr neu anpflanzen muß, Oliven, Mandeln, Wein.
In einer solchen Gegend hat man wahrscheinlich schon sehr früh angefangen, in Stein zu bauen, dieses Baumaterial ist überreichlich vorhanden. Wie aber kriegt man jetzt - ohne die Hilfsmittel der Moderne - über einem Haus ein Dach zusammen? Sowohl für das Giebeldach als auch für das Flachdach braucht man Stützbalken.
Bäume gibt es nun zwar in Apulien genug, aber diese Bäume sind andererseits sehr wertvolle Nutzbäume. Ein Olivenbaum ist keine Tanne, die dazu dient, Holz zu liefern und zu sonst nichts. Olivenbäume fällt man nicht vor der Zeit, es wäre ökonomischer Wahnsinn. Holz (sprich: bautechnisch verwertbares Holz) war also in Apulien, zumindest in der zona dei trulli, eine große Kostbarkeit, und mit Kostbarkeiten geht man sparsam um. Dachstühle oder Flachdachverstrebungen aus Holz waren nicht drin. Ohne Stützbalken aber halten die üblichen Dachkonstruktionen die Steinlast nicht.
Man löste das Problem, indem man die in Apulien reichlich vorhandenen, flachen Steine zipfelmützenförmig aufeinanderschichtete, bis sie oben zusammentreffen und sich dann gegenseitig am Platz halten. Diese Konstruktion, eine genial einfache Konstruktion, hält - ganz ohne Holz.
Wenn man aus Holzmangel kein Flachdach errichten kann, kann man logischerweise auch keine Zwischendecke in ein Haus einziehen, woraus sich wiederum erklärt, weshalb die Trulli lediglich einstöckig sind.

Möglicherweise, wahrscheinlich sogar, hat meine schöne Theorie schwache Stellen. Ich bitte um Anregungen.

Montag, 6. Juli 2009

Schlafmittel

Wenn du des Abends nach der Last des Tages rechtschaffen müde bist, die zum Schlafe nötige Bettschwere sich aber nicht einstellen will, dann sei dir unter den gängigen Hausmitteln der Beischlaf besonders ans Herz gelegt.
Ein gutes Buch ist sicher niveauvoller, eine Schlaftablette schnellwirkender und ein heißes Bad bei weitem weniger anstrengend; keines der genannten Mittel ist jedoch in gleicher Weise angenehm und gesund zugleich.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Diktator

Der Franze hat gsagt, wenn er Diktator wär, wär er immer freundlich zu die Leut. Nur die Opposition, sagt er, hätt nix zu lachen bei ihm.

Donnerstag, 25. Juni 2009

Orangensaft

Ich habe mal während des Studiums von einem Psychotherapeuten gelesen, der einen Homosexuellen in der Manier der guten alten Verhaltenstherapie geheilt hat: Der Patient bekam Bilder nackter, attraktiver Menschen zu sehen, waren es Männer bekam er einen leichten Elektroschlag, bei Frauen durfte er von seinem Lieblingsgetränk, Orangensaft, naschen.

Schließlich war der Mann geheilt und besprang freudig ein Weibchen, wie es sich gehört. Der Psychotherapeut hatte etwas später dann eine Frau in Therapie, die ihm klagte, der Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner mache sie zunehmend nervös und nervöser. Dieser Partner könne nämlich nur dann kommen, wenn er während des Vögelns Orangensaft trinke.

Dies gab dem Psychotherapeuten zu denken.


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Anmerkung: Um eventuelle Mißverständnisse auszuräumen, bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen, sei angemerkt, daß obig erzählte Geschichte nicht in satirischer Absicht erfunden oder auch nur übertrieben wurde. Ich habe sie, so wie sie dasteht, in einem Lehrbuch der Psychologie gefunden. An die genaue Quelle kann ich mich leider nicht mehr erinnern.

Dienstag, 23. Juni 2009

Demut

Unsere verehrte Kanzlerin hat neulich angekündigt, sie wolle einen demütigen Wahlkampf führen. Fein.
Was aber, so ist zu fragen, ist Demut? Wollen mal so sagen: Demut setzt die Möglichkeit zur Arroganz voraus. Ein Arsch, auf den sowieso keiner hört, kann nicht demütig sein, der wird allenfalls gedemütigt. Demütig kann also nur einer sein, der genauso gut auch auftrumpfen könnte. Demut ist jederzeit widerrufbar. Hüte dich, demütige Leute zu demütigen. Sie sind gefährlich.
Der Franze hat natürlich auch eine Meinung zum Thema:
Der Franze hat gsagt, wenn ihn jeder mit "Euer Eminenz" anreden würd und an seinem Finger zutzeln tät, dann, sagt er, wär er auch gern demütig.

Siehe auch hier.

Sonntag, 21. Juni 2009

Novembergedicht

Meine Schwester hat mal in der Schule ein Novembergedicht zu lesen gehabt, sehr expressiv und existentiell, so mit kleinschreibung, freien rhythmen, reimlos, nebel, raben auf dem felde, tristesse. Der übliche Schmäh halt. Von Vereinen war in dem Werk nicht die Rede, wohl aber mehrfach von einem Vereinsamt. Sehr merkwürdig.

Samstag, 20. Juni 2009

Bolzenschußapparat

Aus dem Usenet

Im Usenet frug einst einer:
Neulich kam bei einer Diskussion folgende Aussage zu Tische: Das Toeten von Viechern (Kuehe, Schweine, ...) per Bolzenschusz in den Kopf bereitet nicht dem Viech einen "humaneren" Tot - es macht's lediglich fuer den Viehhenker humaner, da der Bolzenschusz dem Viech das Jammern unmoeglich macht und es dann halt nicht mehr so quieken kann. Auf die Art faellt es dem Henker nicht so schwer. Das eigentliche Viech stirbt trotzdem sehr allmaehlich mit dem Auslaufen des Blutes. Entlarvt diese Aussage eine UL oder ist sie selbst eine?

Ich aber hub an zu antworten:

Mit der Verwendung des Bolzenschußapparates aber verhält es sich so: Der Bolzenschußapparat verschießt keine Kugel, die in das Hirn eindringt und das Tier dann natürlich sofort töten würde. Der Bolzenschußapparat wird an der Stirn des zu tötenden Tieres angesetzt. Wie der Name andeutet, wird durch die Explosionskraft der Patrone im Bolzenschußapparat eine spitzer Stahlbolzen einige Millimeter (ein bis zwei Zentimeter, denke ich) nach vorne getrieben. Dieser Bolzen durchschlägt den Schädelknochen an der Stirn und stößt lediglich peripher in das Hirn des Schlachttieres ein.
Diese Verletzung verursacht sofortige Bewußtlosigkeit, nicht jedoch den Tod, der zu diesem Zeitpunkt nicht erwünscht ist. Um das Fleisch des Tieres verwenden zu können, ist es notwendig, daß es nahezu vollständig ausgeblutet ist. Dies aber muß das noch lebende (wenn auch bewußtlose) Tier selbst besorgen. Bei den Hühner ist es meines Wissens anders, die hängen in der Hähnchenschlachterei mit den Füßen an einem Fließband, dann wird ihnen der Kopf abgetrennt und den Rest besorgen die Reflexe des Tieres und die Schwerkraft.
Das hört sich alles nicht so wahnsinnig appetitlich an. Wer aber, spricht der HErr, sich die Semmel mit Leberwurst bestreicht, darf nicht rümpfen die Nase über das Messer des Schlachters.

Wo er recht hat, hat er recht, der HErr.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Jenseits

Der Franze hat gsagt, bal er mal stirbt und dann wär da nix, dann, sagt er, tät er lachen.

Didaktik

Der Franze hat gsagt, wenn ichs verstehen würd, könnt ers mir leicht erklären. Aber so...

Freitag, 12. Juni 2009

Rosenkranz, elektronisch

Machen wir uns nichts vor: Der klassische Rosenkranz ist out, der ist was für alte Frauen, die es nicht mehr raffen und raffen wollen und die also die Rosenkranzperlen weiterhin durch ihre Finger gleiten lassen. Der Mensch von heute betet seinen Rosenkranz mit Hilfe eines elektronischen solchen.

 Der elektronische Rosenkranz ist eiförmig und paßt bequem in die Handfläche. Du drückst auf den jeweiligen Wochentag und der elektronische Rosenkranz betet mit dir zusammen. Dabei ist er gar nicht mal teuer, die Standardausführung kostet schlappe 29,90 €. Mit der Luxusausfertigung für 34,90 €, bei der auch ein Ohrhörer mitgeliefert wird, kannst du auch in der U-Bahn oder beim Joggen deinen Rosenkranz abbeten. Die absolute Luxusvariante bietet dir für nur 49,00 € zusätzlich das "Vater Unser", gebetet vom Seligen Papst Johannes Paul II., wahlweise auf Spanisch oder Italienisch.

Wer hat hier gesagt, daß das ein Scheisendreck wäre, daß ich das alles erfunden hätte?
Wer's nicht glaubt (!), der klicke hier.
Ich aber, wahrlich, ich sage euch: Selig sind die, welche nicht klicken und doch glauben.

Und vielleicht wird eines Tages Douglas Adams' "Elektrischer Mönch" ja doch noch Wirklichkeit: Eine Maschine, die Dinge glaubt, an die man noch nicht mal in Salt Lake City glaubt...

Donnerstag, 11. Juni 2009

Himmel

Der Franze hat gsagt, er möcht nicht in den Himmel kommen. Wenn er mal tot ist, sagt er, seinetwegen, aber heut nicht.

Cannibal Heart

Der Heilige Sankt Nikolaus,
Lud einst zu einem Festesschmaus.
Es kamen viele Gäste
Vom Nikolaus blieben nur Reste.

Montag, 8. Juni 2009

Räuber

Neulich hatte ich mich wieder mal, was ich eher selten mache, vor den Fernseher gesetzt und mal geschaut, was so läuft. Die privaten Sender überspring ich eh, so daß ich relativ bald durch war. Auf 3Sat lief gerade ein Theaterstück. 4 Typen wollten ein Mädchen anwanzen und diskutierten gerade, wer hingehen sollte. Die Schauspieler waren nicht schlecht, also blieb ich dabei. Nach einiger Zeit wurde klar, daß die 4 Typen dieselbe Person sind, halt in viererlei Gestalt. Dergleichen steck ich weg, als wenn's nix wäre.
Nach wiederum einiger Zeit kamen mir einige Textfetzen bekannt vor, nanu, sagte ich mir und sagte schließlich, daß dies wohl Schillers "Räuber" sein müßte. Ein Blick in den Videotext gab mir recht.
Ein weiteres Weilchen schaute ich zu, die Schauspieler waren wirklich gut und ich bin ein geduldiger Mensch, dann schaltete ich um.

Kann es sein, so fragte ich mich, daß nur noch Narren ins Theater geh'n?

Aber, immerhin: Das Stück war angekündigt als "Die Räuber" nach Friedrich Schiller. Dann paßt's ja wieder.

Obwohl, korrekterweise müßte es eigentlich heißen "'Die Räuber' von Nicolas Stemann, nach einem Stück von F. Schiller".

Aber, ist klar, derartige Korrektheit wäre nicht gut fürs Geschäft. Kein Schwein will sich ein Stück von Stemann anschauen.

Sonntag, 7. Juni 2009

Fälschung, plumpe

Es ist schon eine Weile her, daß ich im SPIEGEL dieses Bild von einem segnenden Christus gefunden habe. Der Text dazu behauptet, es handele sich um ein Christusmosaik aus dem 4. Jahrhundert, das man in einem Haus in Ostia bei Rom ausgegraben hat.
Ich muß gestehen, daß ich das nicht geglaubt habe, ich habe es für einen Scherz gehalten. Das Bild sieht es, als wäre es aus dem 20. Jahrhundert. Ich habe im Internet nachgeschaut, es ist wirklich aus dem 4. Jahrhundert.

Samstag, 6. Juni 2009

Arschgesicht 2

Erwin hat ein Arschgesicht,
Ein arschgesicht'res findst du nicht.

Donnerstag, 4. Juni 2009

Bahnhof

Ganz neu ist das folgende Zitat und seine Verbreitung nicht mehr. Dieter Hildebrandt hat in seinem Buch "Ausgebucht" immerhin bereits 2004 aus dem obigen Brief des Bayerischen Finanzministeriums an das Bundesfinanzministerium zitiert. Aber der Text ist so schön, er verdient es, weiter verbreitet zu werden:

Die Frage, was man unter Bahnhof zu verstehen habe, beschäftigt die Bevölkerung weit über das steuerliche Bewertungsproblem hinaus. hinaus. Es wäre daher empfehlenswert, bei der Definition des Begriffs eine Stellungnahme der Gesellschaft für deutsche Sprache einzuholen.
Nach bayerischem Verständnis gehört zum Kern des Bahnhofsbegriffs jedenfalls eine Schienenanbindung. Traditionell ist auch ein regelmäßiges Anfahren durch schienengebundene Fahrzeuge kennzeichnend. Wobei diese Fahrzeuge mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf der dem Bahnhofsbereich zuzuordnenden Schienenstrecke einen Halt von mindestens der Dauer einlegen, die es den Zielort erreichenden bzw. den Abgangsort verlassenden Personen und Gütern ermöglicht, aus dem bzw. in das Schienenfahrzeug zu wechseln.
Es würde die Arbeit erleichtern, wenn diese Anforderungen in dem verwendeten Bahnhofsbegriff wiedergefunden werden könnten.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Reimhard

Mein guter Rat ist: Weiden meiden!
Sollst lieber dich an Maiden weiden.

Nun darf man bei Reimen ja nie sehr wählerisch sein. Schüttelreime aber sind die Hölle der Lyrik.

Zote

Besser ein Lendenscherz als gar kein Witz.

Freitag, 29. Mai 2009

Erdrutsch

Die folgende Geschichte wird mir wieder mal kein Schwein glauben. Drum auf mit den Finger zum Schwur: Es ist alles so, wie ich es schildere, nichts ist erfunden.

Am Montag, den 26. Januar 2009 hatte es hier wie aus Kübeln gegossen, fast den ganzen Tag lang. Eine Einheimische hatte später gemeint, Regen dieser Größenordnung käme nur alle 10 bis 20 Jahre mal vor. Hier regnet es oft im Winter, aber an diesem Tag war es wirklich extrem. Am Dienstag hörte ich einen Hubschrauber, schaute hinaus und sah, wie er nicht weiterfliegt, sondern hier in der Gegend kreist. Ein Hubschrauber der Feuerwehr.
Eine Nachbarin sah mich auf dem Balkon und erklärte mir, daß es heute morgen einen Erdrutsch gegeben habe. Die Straße von Madonna della Scala nach Case del Conte sei unterbrochen, sie sei ca. 10 Meter abgesackt, außerdem sei ein Haus ca. 20 m weit gerutscht und dabei zerstört worden, zwei weitere Häuser seien schwer beschädigt worden.
Am Abend kam mein Sohn nachhause und erzählte mir, er habe eben erfahren, daß die ganze Straße hier oben evakuiert würde, wir müßten die Häuser verlassen. Um halb acht kam ein Wagen der Gemeinde und brachte uns den Evakuierungsbefehl des Bürgermeisters. Es sei demnach auch verboten, die Straße zu befahren, zu begehen oder auch nur ein Auto dort zu parken. Die Einhaltung des Evakuierungsbefehls werde durch Absperrungen und Polizei gewährleistet.
Die Evakuierung galt indes nur für die Bewohner auf der linken Straßenseite, die zur Gemeinde Perdifumo gehört, während Bewohner der rechten Straßenseite, die zu Castellabate gehört, sowohl in den Häuser bleiben als auch die Straße befahren durften.
Kurz nach neun Uhr, wir waren bereits dabei, uns fertig zu machen und einige Sachen einzupacken, kam der Wagen der Polizei und erinnerte uns noch mal an die Evakuierung. Die Nacht haben wir dann in einem nahegelegen Hotel verbracht. Auf dem Weg dorthin sahen wir weder Polizei noch Absperrungen, noch nicht mal ein Hinweisschild, daß Gefahr bestünde oder irgendwas verboten sei.
Am nächsten Morgen waren die anderen Bewohner der Straße, die auch dort übernachtet hatten, schon weg, keiner wußte etwas, also packten wir unsere Sachen und fuhren heim. Auch jetzt keine Absperrung, keine Polizei, nichts und niemand, der uns gehindert hätte, nachhause zu fahren. Alle Leute waren auch wieder zuhause.
Tagsüber streiften angeblich Geologen durchs Gelände, um die Situation zu checken, über der Gegend kreisten mehrere Hubschrauber. Wir blieben, da wir nichts mehr gehört hatten, in der folgenden Nacht im Haus, auch von den anderen Bewohner war anscheinend keiner mehr weg.

Heute, am 29. Mai 2009, klingelt ein Beamter der Gemeinde und händigt mir die Anordnung der Gemeinde vom 12. 5. (!) 2009 aus, derzufolge wir jetzt wieder in unser Haus zurückkehren dürfen. Man habe die Lage wegen des Erdrutsches überprüft und gefunden, daß keine Gefahr (mehr) bestünde. Wir, das heißt der Beamte und ich, haben viel gelacht.

Muß ich hinzufügen, daß der Beamte die Anordnung direkt zu meinem Haus gebracht hat und nicht etwa zuvor die Hotels oder sonstigen Unterkünfte abgesucht hat, in denen ich mich streng genommen immer noch hätte befinden müssen?

Mittwoch, 27. Mai 2009

Vatersname

Helmut Kohl wurde einmal in einem Interview auf jemand angesprochen, der kurz zuvor ein spöttelndes Sprachspiel mit seinem Namen gemacht hatte. Kohl blies sich zu voller Größe und Schönheit auf und meinte dann in tief beleidigtem Tonfall, es sei ungezogen und falle auf den Sprecher zurück, wenn man Scherze mit seinem Vatersnamen mache. Er sagte nicht "Familienname", sondern verwendete den allmählich schwer veraltenden Begriff (12.000 Nennungen bei Google, gegenüber 1 Mio. für "Familienname"), womit er den Scherzenden indirekt auch noch der Beleidigung seines Vaters zieh.

Ein raffinierter Hund ist er schon, dieser Helmut Kohl.

Irgendwann wird er ja dennerscht verreckt sein, der Kohl, damit man mich endlich  der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zeihen kann.

Dienstag, 26. Mai 2009

Erbrechen

Die Sonne schien aufs Kirchendach,
Als drinnen Kortzfleysch sich erbrach.

Demut

Der Franze hat gsagt, wenn ihn jeder mit "Euer Eminenz" anreden würd und an seinem Finger zutzeln tät, wär er auch gern demütig.

Sonntag, 24. Mai 2009

Geil, ey

Einem verbreiteten Gerücht zufolge hat es in den sechziger und siebziger Jahren in der gesamten westlichen Welt und also auch in Deutschland eine sexuelle Revolution gegeben. Dank Oswalt Kolle und anderer Aufklärer habe man ein freieres Verhältnis zur Sexualität gewonnen, die Zwänge und Verklemmungen früherer Zeiten seien aufgebrochen worden und ein neues, entspannteres Verhältnis zur Sexualität habe sich ausgebreitet.

Aber wie das bei Revolutionen nicht selten ist, so kam auch hier der Roll-Back und die Restauration. Diesmal war es nicht Metternich sondern die Frauenbewegung. Es wurde der Begriff der Frauenfeindlichkeit erfunden, der rasch von der Benachteiligung der Frauen in Arbeit und Gesellschaft in den Bereich der Sexualität rüberwucherte. Frauenfeindlich war auf diesem Gebiet ein Mann dann, wenn er in Wort und Tat sein konkretes Interesse an einem möglichen Geschlechtsverkehr bekundete. Schnell war er dann als geiler Sack oder geiler Bock gebrandmarkt.

Heute, immer noch, beobachte ich, daß in Kreisen, die sich durchaus als Erben der 68er-Errungenschaften verstehen, Wörter aus dem Sexualbereich als Schimpfwörter verwendet werden: Vom schon erwähnten geilen Sack/Bock über den Wichser und Ficker bis zum Bumser und Arschficker. Anzeichen für eine geglückte sexuelle Revolution sehe ich darin nicht.

In Kreisen, die mit den 68ern eher wenig zu tun haben, scheint mir heute das Verhältnis zur Sexualität entspannter als bei den Helden und Heldinnen der Revolution.