Donnerstag, 27. August 2009

Parteispenden

Jedes Mal, wenn ich das Wort "Spenden" im Zusammenhang mit Parteispenden lese, bekomme ich mehr oder minder schwere Hirnkrämpfe.

Wenn wir, du oder ich, etwas spenden, an die Caritas etwa oder an das Rote Kreuz, dann möchten wir zum einen steuermindernde Spendenquittung, wir drängen also darauf, daß die Caritas die Spende ordnungsgemäß verbucht. Und wenn plötzlich Gerüchte auftauchen, wir hätten dem Roten Kreuz Geld gespendet, werden wir nicht zusammenzucken und jeden der Verleumdung zeihen, der dieses Gerücht weiterverbreitet. Allenfalls würden wir verlegen lächeln, weil unsere Gute Tat, die wir im Stillen getan haben, nun so an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Wir wollten doch nicht protzen, sondern einfach nur Gutes tun.

Zu fragen ist also, warum bei den Parteispenden (ich rede hier nicht von der 30-Euro-Spende des Genossen Schmitzke an seinen SPD-Ortsverein, sondern von den großen, den sehr großen Spenden) diese nachvollziehbare Verhaltensweise unüblich ist.

Wozu die Heimlichtuerei? Wozu etwa das beharrliche Schweigen Kohls in Bezug auf die Namen der Spender? Weil die Spender sich genieren, als Sympathisanten der CDU bekannt zu werden? Lächerlich!
Die Heimlichtuerei kommt daher, daß es eben gerade keine "Spenden" sind, die an die CDU geflossen sind. Sondern?
Sondern Honorare. Honorare, die an die CDU gezahlt worden sind für Dienstleistungen der besonderen Art. Dienstleistungen, wie sie nur eine Regierungspartei erbringen kann.
Machen wir uns doch nichts vor: Diese "Spender" sind doch keine Leute, die Geld einfach verschenken. Hätten diese knallharten Geschäftsleute das Geld wirklich spenden wollen, so wie unsereiner an die Johanniter oder die Caritas spendet, dann hätten sie drauf bestanden, daß der Betrag ordnungsgemäß verbucht wird, weil sie nur so ihre steuermindernden Spendenquittungen hätten bekommen können, weil nur so ihre Namen als großherzige Spender hätten leuchten können.
Die Zahlungen mußten verschleiert werden, um den Zusammenhang zwischen ihnen und geschäftsfördernden Entscheidungen der Regierung zu verdecken. Es handelt sich bei den Beträgen nicht um Spenden, sondern um Schmiergelder. Es handelt sich bei den Spendenaffären nicht um Spendenaffären, sondern Korruptionsskandale, Korruption, die in der Bananenrepublik Deutschland alltäglich ist.

Man könnte einwenden, daß (fast) nie ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen "Spende" und Dienstleistung nachzuweisen ist und dann etwas von "Unschuldsvermutung", "Rechtsstaat" und "Verleumdung" murmeln.

Wenn das so wäre, wenn also wirklich keinerlei Zusammenhang bestünde zwischen Spendenzahlungen in insgesamt riesiger Höhe und den politischen Entscheidungen der so Beschenkten, dann hätten wir einen menschlichen Skandal vor uns, einen Skandal von ungeheuerlichen Ausmaßen.

Stell dir mal vor, dein alter Kumpel Erwin macht dir jedes Jahr zu Weihnachten und an deinem Geburtstag ein großzügiges Geschenk. Eines Tages ist Erwins Rasenmäher kaputt und er frägt dich also, ob du ihm nicht mal schnell deinen Grasstutzer leihen könntest. Ja, sagst du, du könntest das wohl, aber du würdest deinen Rasenmäher grundsätzlich nicht verleihen und so auch in diesem Falle und Erwin solle sich doch nach was anderem umsehen. Bringst du das fertig, jemandem, der dir immer wieder eine Gefälligkeit erweist, deinerseits eine Gefälligkeit zu verweigern? Hättest du wirklich so wenig menschlichen Anstand, daß du Erwin eiskalt abblitzen lassen würdest? Natürlich hast du das nicht und natürlich würdest du Erwin deinen Rasenmäher leihen.

Ja, und jetzt kannst du dir mal überlegen, ob du Politiker, die "Spenden" in riesigen Höhen annehmen, für korrupt ansehen willst oder lieber doch als menschliche Monster.

In Italien hat man das Korruptions- oder Spendenproblem - zumindest auf höchster Ebene - sehr elegant gelöst. Einer der reichsten Männer Italiens, Silvio Berlusconi, ist frei von jedem Verdacht, er würde den Regierungschef bestechen, damit er für ihn günstige Entscheidungen trifft. Berlusconi muß den Regierungschef nicht bestechen, er ist der Regierungschef.

Dienstag, 4. August 2009

Regietheater - Die vierte

Mein Beiträge "Regietheater - Die zweite" und "Regietheater - Die dritte" hier im Blog habe ich zu einem Text zusammengefaßt und damit auf einen Artikel des Dramaturgen Carl Hegemann im "Freitag" geantwortet.

Ein gewisser pkaras hat darauf ausführlich geantwortet, worauf wiederum ich geantwortet habe:

"Ich muss Ihnen widersprechen, wenn Sie meinen dass Kehlmann nicht richtig zugeschlagen hat, sondern nur spielerisch andeuten wollte."

Was Kehlmann wollte, weiß ich nicht. Ich sehe, was er getan hat und das war nicht mehr, als einige, relativ wenige Sätze über das Regietheater von sich zu geben.

"Regisseure, die sich nicht am Text halten, sind für ihn zutiefst frustrierte Linke, die die Bühne für ihre ideologischen Belange missbrauchen und dann noch die Frechheit haben, dass als Kunst zu verkaufen. Und dafür noch öffentliche Gelder bekommen. Kehlmann hält Leute wie Zadek oder Peymann für Schwindler."

Ich habe die Diskussion um diese leidige Rede ein wenig verfolgt, so weit sie im Internet geführt wurde (an deutschsprachige Print-Medien komme ich hier in Süditalien nicht so leicht ran). Was mir aufgefallen ist, das ist der Umstand, daß so entsetzlich wenig entlang des Textes von Kehlmann argumentiert wird. "Zutiefst frustrierte Linke", "Bühne für ihre ideologischen Belange missbrauchen" und "das als Kunst verkaufen" - wo tauchen all diese Dinge in der Rede auf? "Schwindler" gar.

"Als spielerische Andeutung würde ich das nicht verstehen. Eher als tiefe Abneigung, mit dem Wunsch, diesen linken Banausen das Maul zu stopfen."

Ich weiß zu wenig über Daniel Kehlmann, um ihn politisch einordnen zu können. Anhand der Rede hatte ich gar nicht den Eindruck, daß er über Linke schimpft, und wenn doch, dann gerade nicht aus der rechten Ecke heraus. "Es hat wohl mit der folgenreichsten Allianz der vergangenen Jahrzehnte zu tun: dem Bündnis zwischen Kitsch und Avantgarde. Nach wie vor und allezeit schätzt der Philister das Althergebrachte, aber mittlerweile muß sich dieses Althergebrachte auf eine strikt formelhafte Weise als neu geben. Denn wer ein Reihenhaus bewohnen, christlich-konservative Parteien wählen, seine Kinder auf Privatschulen schicken und sich dennoch als aufgeschlossener Bohemien ohne Vorurteil fühlen möchte - was bleibt ihm denn anderes als das Theater? In einer Welt, in der niemand mehr Marx liest und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehen, ist das Regietheater zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologie degeneriert."
Das ist böser Spott, freilich, aber das ist - so lese ich diese Worte - der Spott eines Linken über "Linke".
Und das mit dem "Maul stopfen" - Kehlmann schreibt im Gegenteil: "... man kann es auch ganz anders sehen, man darf selbstverständlich auch für die drastischste Verfremdung eintreten, aber man sollte sich deswegen nicht für einen fortschrittlichen Menschen halten." Das ist nicht die Forderung nach dem Stopfen des Mauls, sondern ein Satz gegen die Monopolisierung des Begriffs "fortschrittlich".

"Ob es tragisch ist, da dies ein Sohn eines Theatermachers, dem ein Erfolg als Regisseur wg. dieser Stümper verwehrt wurde, formuliert hat, kann ich nicht beantworten."

An diesem Punkte möchte ich Ihnen doch raten, ein bißchen mehr über Michael Kehlmann in Erfahrung zu bringen. "Erfolg als Regisseur verwehrt" ist sicher nicht die richtige Formulierung für einen Künstler, der am Burgtheater inszeniert, der in den sechziger und siebziger Jahren aufsehenerregende Fernsehinszenierungen abgeliefert hat.

"Kehlmann hält es nicht für nötig, Regisseure beim Namen zu nennen, die er für diesen Missbrauch verantwortlich macht."

Das meinte ich mit "angedeutet, aber nicht richtig zugeschlagen". Es wußte eh jeder, wen und was er meinte, arg viel Zeit hatte er nicht im gegebenen Rahmen, aber, wie man sieht, hat auch das bißchen ausgereicht, die Fasane aus dem Unterholz zu scheuchen.

"Irgendetwas hat er vom anderen Österreicher, der, weil er selber keine Anerkennung bekam, jegliche Bilder bekannter Expression etc verbieten liess. Kehlmann hat hohe Anerkennung bekommen für seine Arbeit, sein Vater aber nicht."

Ich halte mich hier vornehm zurück - stelle aber die Frage, ob der Vergleich von Kehlmann mit Hitler nicht doch etwas abgeschmackt ist? Ganz abgesehen davon, daß er keine Grundlage hat, denn Kehlmann (Sohn) ist Bestsellerautor und Kehlmann (Vater) war einer der profiliertesten österreichischen Theatermacher.

"Sprich, sich nach wie vor von Vorurteilen lenken lassen, genauso verklemmt sind, sich nicht mit Dingen auseinander setzten. Das scheint sich in der Rede von Kehlmann, aber auch durch Ihren Kommentar u.a. zu bestätigen."

Eine hochinteressante Anmerkung. Ich bin lernwillig und (hoffe ich doch) lernfähig. Ich flehe Sie (oder jeden anderen, der hier zufällig mitliest) an, mir meine Verklemmungen anhand meines Textes herauszupräparieren. Ich habe sehr ausführlich argumentiert, habe damit auch reichlich Angriffsfläche geboten. Bitte, was ist falsch an meiner Argumentation?

"Ich sehe die grosse Zustimmung für Kehlmann, 66%, als Indiz für einen Rückfall in bornierte Biedermeierzeiten, die jegliche künstlerische Darbietung nach dem Preisleitungsverhältnis bewertet (wo Shakespeare drin steht soll auch Shakespeare drin sein und nur dafür zahle ich) und dieses Kriterium auch dafür benutzt, Kunst von sog. Scharlatanerie zu unterscheiden."

Noch mal: Von Scharlatanerie hat Kehlmann nie gesprochen, und wenn doch, dann bitte ich um einen Hinweis.
Und was das Preis-Leistungs-Verhältnis betrifft, so dürfte das sog. Regietheater unbestrittenerweise unschlagbar sein. Da wird an nichts gespart, das ist Showbusiness auf höchstem Niveau, nicht nur ausstattungsmäßig, sondern auch künstlerisch. Das mag Sie jetzt überraschen, aber die meisten Inszenierungen, über die wir hier sprechen, sind sehr effektvolle und raffinierte Theaterveranstaltungen, gar kein Zweifel. Und wenn auf den Plakaten draufstünde (ich wiederhole mich jetzt, säufts!), daß hier Hans Müller-Möhrenschneider sein neues Theaterstück "Macbeth", nach einer Idee des Kollegen Shakespeare aufführt, dann ist dagegen nichts zu sagen. Ich habe mit Sicherheit nichts dagegen (das weiß ich), und Daniel Kehlmann wahrscheinlich auch nichts (das kann ich allerdings nur vermuten).

"Wenn Zadek, Peymann, später Castorf oder auch Perceval, nur um einige zu nennen, Shakespeare im 16. Jh belassen hätten, dann wäre er wahrscheinlich heute nicht Schulstoff."

Ich habe in den sechziger Jahren ein Provinzgymnasium in Niederbayern besucht und damals war Shakespeare ganz selbstverständlich Schulstoff (im Original), auch Christopher Marlowe. Und bei den Altsprachlern im anderen Klassenzimmer war es Sophokles, im Deutschunterricht war es der "Faust", der "Tell", der "Zerbrochene Krug" etc. pp. Lessing hat seinerzeit Shakespeare aus der Versenkung geholt und für die Deutschen entdeckt, seither ist er im deutschsprachigen Theater nie wieder in der Versenkung verschwunden.

"Er würde in Vergessenheit geraten, weil der Wert des Textes als solcher unerkannt und Shakespeare seine Gültigkeit als Autor auf das 16. Jh beschränkt bliebe. Da aber Shakespeare grossartige Figuren schuf, ist es doch ungeheuerlich reizvoll zu prüfen, ob diese Figuren heute noch Gültigkeiten haben oder nicht."

Und - haben sie es? Natürlich haben sie es, auch wenn ich das entsprechende Stück nur lese. Wieso hält man gerade Theaterautoren für dermaßen bescheuert, daß man sie ständig aktualisieren muß, während man Romane, Gedichte, Novellen ganz selbstverständlich auch heute noch original liest und sie - zumindest die besseren unter ihnen - für ausgesprochen aktuell und interessant findet? Muß der "Simplicius Simplicissimus" seine Abenteuer im Zweiten Weltkrieg erleben, damit er mir noch was sagt?

"Auch wenn es Ihnen schwer fällt, es ist der Mühe wert, sich mit Shakespeare-Inszenierungen eines Castorf oder Perceval auseinander zu setzen."

Ich sitze in Süditalien, deutschsprachige Theater sind weit, ich bin also auf Fernseh-Aufzeichnungen angewiesen und da muß ich nehmen, was grad kommt.
Vor etlichen Wochen hatte ich mich wieder mal, was ich eher selten mache, vor den Fernseher gesetzt und mal geschaut, was so läuft. Die privaten Sender überspring ich eh, so daß ich relativ bald durch war. Auf 3Sat lief gerade ein Theaterstück. 4 Typen wollten ein Mädchen anwanzen und diskutierten gerade, wer hingehen sollte. Die Schauspieler waren nicht schlecht, also blieb ich dabei. Nach einiger Zeit wurde klar, daß die 4 Typen dieselbe Person sind, halt in viererlei Gestalt. Dergleichen steck ich weg, als wenn's nix wäre.
Nach wiederum einiger Zeit kamen mir einige Textfetzen bekannt vor, nanu, sagte ich mir und sagte schließlich, daß dies wohl Schillers "Räuber" sein müßte. Ein Blick in den Videotext gab mir recht.
Ein weiteres Weilchen schaute ich zu, die Schauspieler waren wirklich gut und ich bin ein geduldiger Mensch, dann schaltete ich um.
Aber, immerhin, ich will gerecht sein: Das Stück war angekündigt als "Die Räuber" nach Friedrich Schiller. Dann paßt's ja wieder. Obwohl die notorischen Kulturschmocks in den Feuilletons dann doch wieder wahrheitswidrig und entgegen dem ausdrücklichen Wunsch des Regisseurs schrieben: "Nicolas Stemann inszeniert Schillers Räuber in Salzburg."

Obwohl. Stemann selber hat sich da neulich verplappert: "Und für Kehlmann habe ich noch einen Tipp: Sollte er im Laufe des Trubels, der nun auf seine Rede folgt, überraschend doch noch ein Interesse für Theater entwickeln, so kann er sich ja vielleicht mal meine Inszenierung von 'Die Räuber' anschauen." Nobody is perfect.

Samstag, 1. August 2009

Regietheater - Die dritte

Mein Leserbrief zum Artikel von Peter Michalzik ist im Bronski-Blog der FR komplett zitiert worden. Was drum rum stand, der Beitrag von Bronski selbst und zwei der Kommentare dazu haben mich dazu verleitet, Anmerkungen dazu zu machen:

Bronski schrieb: "Sein Vater habe im Regisseur noch einen Diener des Autors gesehen. Klar, dass Kehlmann selbst Autor geworden ist."

Was ich im Theater sehe, das sind die Schauspieler auf der Bühne. Was ich nicht sehe, das ist zum einen der Autor und zum anderen der Regisseur. Wenn es eine gelungene Inszenierung ist, dann sollte mir eigentlich gar nicht bewußt werden, daß dafür neben den Schauspielern auch ein Regisseur und ein Autor verantwortlich sind. Deren Leistung ist einfach da.

"Manchmal wünschte ich, es wäre so, dass die Deutschen staatlich verordnete Zuck-und-hysterisch-Schrei-Kurse absolvieren müssten."

Hm, wenn das hülfe gegen exaltierte Theateraufführungen, dann sollte man in der Tat drüber nachdenken.

"Der Salzburger Schauspieldirektor Thomas Oberender sagt dazu im Gespräch mit FR-Redakteur Peter Michalzik: “Nennen Sie mir ein Beispiel dafür, was kein Regietheater wäre!”

Das ist ja nun ein uralter Kalauer, den Oberender da ausgräbt. Jeder weiß zwar, daß der Begriff Regietheater gemeinhin in einem engeren Sinne als "Regie im Theater" verwendet wird, aber man tut so, als wüßte man es nicht und erntet so einige wohlfeile Lacher von schlichteren Gemütern.

Stefan Simon wird zitiert: "Mir ist im Vertrauen zu Ohren gekommen, dass Schauspieler und Sänger, die sich gegen die Vergewaltigung durch Regisseure wehren, fürchten müssen, an deutschen Bühnen nicht mehr beschäftigt zu werden..."

In den achtziger Jahren hat der Bayerische Rundfunk mal ein Feature über die Geschichte der Schuhmode gesendet. Darin kam unter anderem eine Schauspielerin C. vor, die seit früher Jugend schon sehr gerne in hochhackigen Stöckelschuhen rumlief und ein fast fetischistisches Verhältnis zu diesen Dingern hatte.
Frau C. erzählte nun, sie habe mal in einer Macbeth-Inszenierung in Bochum (?) eine der drei Hexen gespielt und der Regisseur habe den Einfall (!) gehabt, die Hexen nackt auftreten zu lassen (ja, gut, ich nehme das Ausrufezeichen wieder zurück, vielleicht war das damals noch originell). Sie habe sich furchtbar geschämt, so berichtete Frau C. weiter, splitternackt auf der Bühne rumzustehen und habe den Regisseur (ich weiß den Namen nicht mehr, es war ein recht bekannter Name, aber ich komm nicht mehr drauf) gebeten, wenigstens ihre Stöckelschuhe anbehalten zu dürfen, sie fühle sich dann nicht mehr so ganz nackt. Man habe sich schließlich drauf geeinigt, daß sie einen Stöckelschuh habe tragen dürfen.
Ich habe die Geschichte deshalb so ausführlich erzählt, um klarzumachen, daß es hier überhaupt nicht um Theater, Regie oder Regietheater ging.
Was kann man aus dieser kleinen Geschichte schließen? Frau C. war es ausgesprochen widerlich, nackt auf der Bühne aufzutreten, aber sie hat es nicht gewagt, sich schlicht zu weigern. Sie wäre aus diesem Stück rausgeflogen und sie hätte ganz, ganz schlechte Karten für künftige Engagements gehabt - das schließe ich daraus.
Und Michael Kehlmann ist im Laufe der Diskussion um die Rede seines Sohnes unter anderem autoritäres Verhalten auf der Bühne vorgeworfen worden...

BvG schreibt: "Ohne eine möglichst werkgetreue und historisch möglichst authentische Darstellung würden Interpretationen, Aktualisierungen überhaupt nicht wahrgenommen und verstanden."

Nun, nun. Noch gibt es Theaterstücke auch zum Lesen. Noch bin ich nicht auf mein jeweiliges lokales Theater angewiesen, um mir ein Stück reinpfeifen zu können.

"Ohne eine zeitgemäße oder gar individuelle Interpretation würden viele Werke langweilig und unverständlich bleiben..."

Also, wenn ein Theaterstück vom Text her nur noch zum Gähnen reizt, dann sollte man es lieber doch im Regal stehen lassen, zum gelegentlichen Gebrauch durch Studenten, die sich das antun müssen, um einen akademischen Abschluß zu erwerben.

"Die Entscheidung, das eine oder das andere zu tun, ist sicher eine ästhetische Entscheidung, auch eine kommerzielle. Sie sollte aber nicht durch Können begrenzt werden."

Ganz ernsthaft: Was spräche dagegen, einen Hamlet auf Müller-Möhrenschneider-Art als "Hamlet von Hans Müller-Möhrenschneider, nach einer Idee von W. Shakespeare" auf die Bühne zu bringen? Hmnja, ich versteh schon, das liebe Geld. Wer würde sich dergleichen dann schon anschauen wollen?
Mein Vater war Metzger und vielleicht bin ich deshalb ein bisserl eng in meinen Anschauungen: Wenn irgendwo Leberkäs drin ist, dann sollte, so denk ich mir, auch "Leberkäs" draufstehen und nicht "Leberpastete". Auch einem Schauspielerscheucher stünde ein wenig Handwerker-Ethos nicht schlecht an.

Walter H. Krämer schrieb: "Angesichts des Todes von Jürgen Gosch, Peter Zadeck und Pina Bausch finde ich die Diskussion um das “Regietheater” beschämend..."

Du lieber Heiland, nur weil jemand gestorben ist, herrscht Diskussionsverbot? Für wie lange? Und wenn die Frist um ist, stirbt womöglich der Nächste. Braucht man jetzt schon Särge, um Barrikaden zu errichten?

Damit eines klar ist: Ich habe nichts gegen angedeutetes oder echtes Ficken auf offener Bühne, das hat man im "Salambo" auf der Reeperbahn schon in den sechziger Jahren gemacht, wenn ich recht informiert bin. Ich habe auch nichts gegen Striptease, Blutverspritzen, Kotzen etc. auf der Bühne, selbst eine Kombination von all dem tätert mich nicht wirklich vom Stockerl hauen. Man brüht ab im Lauf der Jahre.
Daß ein Theaterstück, das zunächst ja nur ein Text ist, für jede Aufführung interpretiert werden muß, versteht sich. Wenn da steht "Erwin geht ab", dann wird sich der Regisseur seine Gedanken machen müssen, wie er den Erwin abgehen läßt. Und wenn da steht "Erwin reißt seinen Mantel auf, deutet auf seinen erigierten Schwanz und kichert irr. Neun nackte Nymphen treten aus dem Wandschrank und tanzen wild. Die siebte Nymphe schraubt sich den Kopf ab und aus dem Halsstumpf spritzt ihr Blut und saut die Bühne voll. Angewidert geht Erwin ab", dann wird der Regisseur sich etwas einfallen lassen müssen, dies zu gestalten. Wenn dergleichen aber nicht im Text steht, dann geht Erwin halt einfach nur ab.
Zuviel verlangt? Langweilig? Verstaubt? Geht's denn ohne Bierzelt-Gaudi überhaupt nicht mehr?