Samstag, 19. November 2011

Die Wahrheit als Panne

Das Volk ist in der Demokratie der Empfänger von Macht, nicht ihr Ursprung
 
Was Wahrheit letztendlich und eigentlich ist, ob es überhaupt eine gibt und wenn ja, ob wir diese je erkennen können, und - falls wiederum ja - wie diese Wahrheit nun genau aussieht - darüber haben sich Generationen von Philosophen Gedanken gemacht. Eine Lösung hat bislang offensichtlich noch keiner gefunden, denn hätte es einer, so gäbe es nur noch 1 Philosophie, und zwar die richtige.
Nach langem Grübeln über das Leben, das Universum und den ganzen Rest bin ich für mich zu dem Ergebnis gekommen, daß wir niemals hinter die Wahrheit kommen werden und daß das auch ganz gut ist. Ich bin zum Anhänger des Jameiismus geworden, welcher besagt: Ja mei, da kannst nix machen, es is halt wies is.

Daß die Frage nach der Wahrheit immer noch unbeantwortet ist, sollte niemanden mehr freuen als die Philosophen selber. Die ewige Suche nach der Wahrheit ist für einen berufsmäßigen Philosophen nämlich ein wesentlich günstigeres Geschäftsmodell als ihr Finden. Käme tatsächlich einer dahinter, woher wir kommen, wohin wir gehen und welcher Sinn in dem Schlamassel dazwischen steckt, und könnte er zudem seine Antwort auch stichhaltig und unwiderleglich beweisen, so wäre die Luft aus aller Philosophie und Theologie heraus.
Aus, Äpfel, Amen. "Laden zu vermieten - Wegen mangelnder Nachfrage mußten wir die Firma 'Sein & Nichts GbR - Sinn en gros und en detail' leider schließen."
Wer den verlinkten Wikipedia-Artikel durchliest, wird merken, daß meine Schlußfolgerung natürlich Unsinn ist. So klar und eindeutig kann eine Antwort gar nicht sein, daß sich nicht doch Leute fänden, die nach der Antwort hinter der Antwort suchen.
Douglas Adams hat sich mit seiner Episode vom Computer Deep Thought (siehe wiederum den obigen Link auf die Wikipedia) über die Sinnsucher lustig gemacht. Nach einer Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren liefert der Supercomputer die Antwort: 42. Diese Antwort aber, so verkündet der Computer, bleibe sinnlos, solange man nicht die dazu passende Frage genau formuliert habe. Im weiteren Verlauf des Romans kommt der Held des Romans zufällig hinter die passende Frage: "Wie viel ist neun multipliziert mit sechs?". Wer das kleine Einmaleins noch im Kopf hat, dem wird auffallen, daß die Frage nicht zur Antwort paßt. Klar, Adams macht sich über die Sinnsucher lustig.
Und was passiert? Adams hätte es sich absurder nicht ausdenken können: Rudel von Sinnsuchern versuchen, hinter das Geheimnis der von Adams formulierten Lösung 42 zu kommen. Sie bemühen Lewis Carroll [1], das 13er-Zahlensystem, die Weisheit tibetischer Mönche etc., um auf die Spur eines bewußt formulierten Unsinns zu kommen. Adams selbst merkt dazu an: "Die Antwort darauf ist ganz einfach. Es war ein Scherz. Es musste eine Zahl sein, eine gewöhnliche, relativ kleine Zahl, und ich entschied mich für diese. Binäre Darstellungen, Basis 13, Tibetische Mönche, das ist alles kompletter Unsinn. Ich saß an meinem Schreibtisch, blickte in den Garten hinaus und dachte ‚42 wird gehen‘. Ich schrieb es hin. Ende der Geschichte." Dem wahren Sinnsucher jedoch ist klar, daß das nur ein Täuschungsmanöver von Adams sein kann, eine Finte, um die eigentliche Wahrheit zu schützen.
Was lernen wir daraus? Wer bekannt genug ist, um überhaupt wahrgenommen zu werden, der kann sagen und schreiben, was er will, er kann sogar ausdrücklich hinzufügen, daß all das, was er geschrieben habe, ein übermütiger Scherz gewesen sei - es nützt nichts. Einer hermeneutet immer.

Aber, Leute, ich habe mich verschwatzt. Eigentlich nämlich wollte ich von Peter Gauweiler erzählen, der einmal aus Versehen die Wahrheit gesagt hat.
Um die Jahrtausendwende hatte die CDU mit einer der üblichen, routinemäßigen Finanz- und Spendenaffären zu kämpfen. Im Januar 2000 hat Peter Gauweiler der Passauer Neuen Presse dazu ein Interview gegeben.
Dabei ist ihm ein Satz entschlüpft, den der zuständige Redakteur für so wichtig hielt, daß er ihn als Überschrift zum Interview wählte:
"Wir müssen dem Volk wieder mehr Macht geben."
In diesem kleinen Satz eines kompetenten Menschen [2] ist die ganze Wahrheit über die politische Realität der Bundesrepublik Deutschland enthalten.
Im Grundgesetz findet sich der lakonische Satz: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." Der Dichter Bertolt Brecht hat diesen Satz einmal um eine Frage ergänzt: "Wo aber geht sie hin?"
Zu Peter Gauweiler und seinen Freunden in Politik und Wirtschaft geht sie hin. Das wissen wir zwar schon lange, aber die Mächtigen in diesem Lande blasen normalerweise empört die Backen auf, wenn einer dergleichen behauptet. Sie verdächtigen ihn, er wolle eine andere Republik, eine andere Demokratie und natürlich haben sie recht mit diesem Verdacht. Nun aber hat einer aus dem Inneren Zirkel der Macht sein Nähkästchen geöffnet und uns plaudernd bestätigt, was wir bereits wissen.
Denn eines ist klar: Nur wer die Macht hat, kann ein Stückchen davon dem Volk abgeben.
Ich habe damals einen Leserbrief an die Passauer Neue Presse geschrieben, der Leserbrief wurde nicht abgedruckt (sie haben damals die meisten meiner Leserbriefe abgedruckt, das nebenbei). Und einen Internetanschluß hatte ich seinerzeit noch nicht. Denn das Internet vermag, recht genutzt, einiges in Bewegung zu bringen, was sonst unbeweglich geblieben wäre.

Als seinerzeit Bundespräsident Köhler in einem Rundfunk-Interview ein streng gehütetes Staatsgeheimnis ausplauderte, wurde er unverzüglich aus dem Amt gemobbt. Das Staatsgeheimnis war, daß Deutschland nicht wegen der Menschenrechte in Afghanistan Krieg führt, sondern in Wirklichkeit zur Wahrung seiner wirtschaftlichen Interessen [3]. Dieses Geheimnis kennt zwar jeder, der sich fünf Minuten Zeit nimmt, drüber nachzudenken, aber unter Politikern war (und ist) es strengster Comment, darüber nicht öffentlich zu sprechen.
Köhler hatte ein Tabu gebrochen, er hatte die große Lebenslüge bundesdeutscher Außenpolitik in die allgemeine Diskussion gezerrt. Der Skandal war nicht, daß er etwas Falsches gesagt hätte, er hat im Gegenteil etwas sehr, sehr Richtiges ausgesprochen, was aus Sicht der politischen Klasse besser ungesagt geblieben wäre.
Ich darf an dieser Stelle an das bekannte Wort von George Bernard Shaw erinnern: "Die Lebenserfahrung, diese Wissenschaft nach Hausmacher-Art, lehrt die von ihr Befallenen, daß es nicht die gänzlich neuen, für alle völlig überraschenden Nachrichten und Erkenntnisse sind, die aufgeregten Wirbel verursachen. Verblüffende Neuigkeiten machen uns allenfalls staunen, wirkliche und nachhaltige Empörung hingegen lösen jene Tatsachen aus, die jedermann längst bekannt sind, die lediglich von irgend jemandem irgendwann einmal ausgesprochen werden."
Wobei der Verplapperer von Köhler zunächst mal gar keine Empörung, noch nicht mal Wirbel verursacht hat. Keiner von den bekannten oder weniger bekannten Kommentatoren in den großen oder weniger großen Zeitungen oder Rundfunkanstalten hat sich darüber aufgeregt oder die Aussage auch nur erwähnt. In den Medien wurden die Äußerungen Köhlers nicht weiter beachtet, man könnte auch sagen, sie wurden totgeschwiegen. Das ging so weit, daß der Deutschlandfunk, der das entsprechende Interview gesendet hatte, auf seiner Website zunächst eine komplette Version des gesendeten Interviews brachte, nach einigen Stunden jedoch war an dieser Stelle eine geschnittene Fassung des Interviews zu hören, in welcher der brisante Satz fehlte!
Lediglich im Internet haben einige Blogger (unter anderem ein gewisser mcmac im "Freitag") das Thema aufgegriffen und die Leute auf diese Äußerung aufmerksam gemacht. Erst als im Netz die Wogen der Empörung so hochkochten, daß man sie nicht mehr ignorieren konnte, griffen auch die Medien die Geschichte auf.
Man hat die Affäre sehr geschickt gelöst, indem man Köhler zum Rücktritt veranlaßte. Durch seinen Rücktritt wurde viel über den Rücktritt und das durch die Kritik an Köhler angeblich beschädigte Amt gesprochen. Das eigentlich Interessante an dieser Geschichte, der Satz nämlich, der letztlich zum Rücktritt geführt hatte, wurde dadurch überwirbelt und unsichtbar gemacht und ist nach anderthalb Jahren bereits so gut wie vergessen.

Was man aus der Geschichte um Peter Gauweiler lernen kann? Ich glaube, es war Hercule Poirot, der einmal sinngemäß sagte: Wenn man sich mit den Leuten lange genug unterhalte, sie einfach plaudern lasse und ihnen aufmerksam zuhöre, dann komme man hinter ihre verborgenen Geheimnisse. Irgendwann verplappere sich jeder.


[1]   Lewis Carroll ist der Verfasser von "Alice im Wunderland" und war im Zivilberuf Mathematiker.
[2]   Das meine ich jetzt ernst und gar nicht sarkastisch.
[3]   "Meine Einschätzung ist aber, daß insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, daß ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muß, daß im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern."

Mittwoch, 16. November 2011

Der Diktator als junger Mann

Die wenigsten werden es wissen, aber Muammar al Ghaddafi hatte in jungen Jahren schwer um seinen Lebensunterhalt zu kämpfen. Das ging so weit, daß er sich in Deutschland als Schauspieler verdingen mußte, um leidlich über die Runden zu kommen.
So was glaubt mir natürlich wieder mal kein Schwein, wie immer. Ich aber, wahrlich ich sage euch, ich habe Beweise.
Im Tatort "Kurzschluß" [1] spielt Ghaddafi, unter dem Künstlernamen Dieter Laser einen Bankräuber.



[1]        Regie Wolfgang Petersen, Klaus Schwarzkopf als Kommissar Finke, Günter Lamprecht als Landpolizist, und auch ansonsten hervorragend besetzt. Ein Juwel der Filmkunst, das meine ich ernst.

Dienstag, 8. November 2011

Vom Schreiben und vom Reden

1997 hielt der aus Film, Funk und Fernsehen wohlbekannte Philosoph Prof. Dr. Peter Sloterdijk auf dem 71. Bachfest der Neuen Bachgesellschaft e.V., Freiburg, einen ca. dreiviertelstündigen Vortrag mit dem Titel "Über das Hören". Der Vortrag wurde vom Südwestfunk aufgezeichnet und in der Tele-Akademie ausgestrahlt. Die Rede ist auch auf YouTube zu hören. Mir wurde diese Rede über einen Link anempfohlen und ich habe sie mir angehört.

Nein, ich will nicht lügen. Ich habe diese Rede nur an-gehört und dann, nach wenigen Sätzen, wieder aufgehört mit Hören.
Das lag nur zum geringeren Teil daran, daß Prof. Sloterdijk, im Gegensatz zu den Professoren, mit denen ich in Regensburg zu tun hatte, ganz offensichtlich kein begnadeter Vortragskünstler ist. Ich habe Mitleid mit seinen Studenten, die wohl oder übel in seine Vorlesungen gehen müssen. Einen derart einschläfernden Tonfall habe ich lange nicht mehr gehört, nicht mal der bayerische Wirtschaftsminister Zeil (und der ist ein Schlafmittel der Sonderklasse) kann hier mithalten.

Es war der Inhalt, der mich aufschreckte, und am Einschlafen hinderte. Der Vortrag beginnt nämlich mit folgenden Sätzen:
"Unter den Gebärden des Rechts auf Ergreifendürfen tritt von alters her die Macht als Wahrheit auf. Jedoch - in der Verweigerung der Ergriffenheit kommt die mühevoll erworbene strategische Klugheit zur Geltung, die weiß, daß durch das gutgläubige Ohr auch die Lügen gehen. Durch Widerstand wird das Subjekt geboren, als Kraftpunkt einer Nichtergriffenheit. Nach den psychohistorischen Standards der letzten zweieinhalb tausend Jahre kann als erwachsen zunächst nur gelten, wer sich einem umfassenden Defaszinationstraining unterworfen hat. In dem soll das Subjekt bis an die Schwelle gebracht werden, an der für es ein unergriffener Umgang mit einverständnisfordernden rhetorischen und musischen Verführungen möglich wird."
Leute, jetzt mal ganz im Ernst, kein Scheiß: Wenn ein Vortrag so beginnt, dann ist es Zeit, aufzustehen und in die nächste Kneipe zu gehen. Hohleres Geschwätz werdet ihr dort auch nicht hören, die Gäste mögen so besoffen sein, wie sie nur wollen.
Sicher, in der Kneipe wird das Geschwätz nicht auf diesem hohen sprachlichen Niveau wie bei Sloterdijk sein, es wäre denn, ich geriete zufällig in eine Intellektuellenkneipe. Intellektuelle sind auch mit hohen Promillewerten noch in der Lage, so zu sprechen, daß du als Nüchterner nichts, aber auch überhaupt nichts, verstehst. Dabei ist klar, daß eine solche Sprache, Promille hin oder her, eine Kunstfertigkeit voraussetzt, die auf Universitäten oder im Selbststudium mühsam erworben werden muß. Hat man sich diese sprachliche Kunstfertigkeit aber einmal angeeignet, dann wird die Verwendung dieser Sprache zu einer Methode, eigene gedankliche Schlamperei zu verbergen. Denn, machen wir uns nichts vor, kompliziert zu formulieren ist eine schnelle Sache für einen mit allen Salben geriebenen Akademiker, so etwas wird ihm zumindest in den Sozial- und Geisteswissenschaften antrainiert. Und weil der komplizierte Jargon auch noch so wunderhübsch klingt, dir jeder Kollege auf die Schulter klopft und "Toll, ganz toll, das" murmelt, kannst du dir einreden, du hättest alles ganz wunderbar durchdacht.
Nach meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall: In der Oberstufe des Gymnasiums, als die Mathematik allmählich doch kompliziert wurde, habe ich für Klassenkameraden, die also auf gleichem Vorbildungsniveau waren wie ich, mit der Infinitesimalrechnung und Analytischen Geometrie aber nicht so gut zurande kamen (kostenlose) Nachhilfe gegeben. Manchmal habe ich lange geredet und keinen Durchbruch erzielt, es blieb Verständnislosigkeit zurück. Ich habe dann meine Erklärungen immer einfacher formuliert und irgendwann hat's dann doch "klick" gemacht und die anderen hatten verstanden. Und genau an diesem Punkt hat's auch bei mir "klick" gemacht - plötzlich hatte ich selbst verstanden, wirklich verstanden, was ich zuvor den anderen zu erklären versucht hatte.
Später, wenn ich einen nicht ganz platten Gedanken niederzuschreiben hatte, bestand die erste Fassung meines Textes in aller Regel aus langen, in viele Nebensätze verschachtelten Sätzen, die viele komplizierte Begriffe enthielten. Diese Fassung, die niederzuschreiben für mich relativ einfach war, wäre für andere nur schwer und mit großer Konzentration zu verstehen gewesen. Im Zuge der Überarbeitung wurden die Sätze kürzer, die Nebensätze wurden zu eigenen Sätzen, die komplizierten Wörter wurden durch einfachere ersetzt und nicht zu vermeidende komplizierte Begriffe sauber und möglichst einfach erklärt. Diese Überarbeitung kostete mich Mühe, manchmal große Mühe, das Ergebnis aber war nun angenehm zu lesen und relativ leicht zu verstehen.
Was mir dabei aufgefallen ist: Vorher war ich zu dieser einfachen Formulierung nicht imstande, denn am Anfang meines Schreib- und Denkprozesses hatte ich das, was ich mitteilen wollte, selber noch nicht richtig verstanden. Und das heißt: Je besser ich eine Sache verstehe, desto einfacher, sprich: verständlicher, kann ich sie darstellen.
Einfacher Stil ist also nicht nur ein Service am Leser, sondern auch ein Dienst an mir als Autor. Erst wenn die Sache einfach dasteht verstehe ich selber, was ich mir so gedacht hatte. Das ist keine Koketterie, sondern aus der Selbstbeobachtung abgeleitet.

Ich übersetze die ersten beiden Sätze von Sloterdijk so in Alltagsdeutsch: "Wer die Macht hat, behauptet von sich gerne, er habe und sage die Wahrheit. Wir aber wissen aus Erfahrung, daß das auch gelogen sein kann." Dagegen läßt sich nichts einwenden.
Die folgenden zitierten Sätze sind dagegen eine freche Lüge. In keiner Bildungseinrichtung, von der Grundschule bis zur Universität, wird systematisch ein Defaszinationstraining angeboten. Ganz im Gegenteil: Hast du Glück, verdammt viel Glück, dann bekommst du für eine gewisse Zeit einen Lehrer, der dich zur Skepsis gegenüber genau jener Ergriffenheit heischenden Imponiersprache anleitet, die Sloterdijk im Vortrag selber anwendet. Im Normalfall aber hast du kein Glück, du lernst vielmehr, den Blähsprech von Sloterdijk und anderen Großdenkern für gedankentief zu halten und als Philosophie zu verehren.
In meinen Studentenzeiten kannte ich einen Kommilitonen, der mir auf die Frage, was ich von einem bestimmten Buch eines bestimmten Autors [1] zu halten hätte, antwortete: "Ganz hervorragend, das Buch, ich habe kein Wort verstanden." Nein, Leute, tut alle Hoffnung ab, das war nicht ironisch gemeint von ihm.

Gegen Sloterdijks erste beiden Sätze läßt sich, wie gesagt, nichts einwenden, denn sie formulieren eine in ihrer Plattheit nicht zu bestreitende Wahrheit. Das ist kein Sarkasmus meinerseits, denn natürlich läßt sich nicht prinzipiell etwas gegen das Aussprechen von Plattheiten sagen. Manchmal, und gar nicht mal so selten, ist es schlicht notwendig, in einer Argumentation einige Selbstverständlichkeiten zusammenzufassen, um dann, von diesen Plattheiten ausgehend, einen differenzierten und vielleicht sogar neuen Gedankengang zu entwickeln. Die ausgesprochenen Plattheiten dienen dazu, Einverständnis herzustellen, bzw. zu überprüfen, ob Einverständnis besteht: Hier, auf dieser niedrigen Ebene, sind wir uns noch alle einig, jetzt schaumermal, ab wann sich Widerspruch zum von mir Vorgetragenen einstellt.
Nichts gegen Plattheiten also, die werfe ich Sloterdijk gar nicht vor. Was ihm vorzuwerfen ist der Umstand, daß er diese Plattheiten so formuliert hat, als handele es sich um kostbare Wahrheiten. Er hat die Todsünde jedes Menschen begangen, der einen Text schreibt: Er hat seinen Text komplizierter formuliert als es unbedingt nötig gewesen wäre.

Ich weiß nicht, ob Sloterdijk den vorgetragenen Text ursprünglich für die Veröffentlichung als Buch oder Zeitschriftenbeitrag verfaßt hat, oder ob es sich von vorneherein um ein Redemanuskript handelt. Es spielt auch nicht die wirklich große Rolle. Wichtig ist nur, daß ihm klar war, klar sein mußte, daß er diesen Text zu einem bestimmten Zeitpunkt als Rede halten würde.
Schon zu meiner Studentenzeit, die inzwischen auch schon wieder geraume Zeit zurückliegt, war es unter Kommunikationswissenschaftlern eine... hmnja, Plattheit, daß eine Rede keine Schreibe ist. Das heißt, es ist eine völlig andere Kommunikationssituation ob ich einen geschriebenen Text in einer Zeitschrift oder einem Internet-Forum veröffentliche oder ob ich ihn als gesprochenen Text einem anwesenden Publikum vortrage.
Habe ich einen geschriebenen Text vor mir, so kann ich zum einen meine Lesegeschwindigkeit selber bestimmen; bestimmte Passagen lese ich einfach locker weg, bei anderen muß ich erst mal - und seien es nur wenige Sekunden - drüber nachdenken, ehe ich sinnvoll weiterlesen kann. Dieses Innehalten um nachzudenken ist manchmal auch bei einem einfach formulierten, also sorgfältig durchdachten Text nötig, schlicht deshalb, weil die Sache selbst nicht so ganz einfach ist.
Zum anderen kann ich bei einem geschriebenen Text nach Belieben zurück oder nach vorne blättern, wenn mir etwas unklar bleibt. Bei einem Vortrag ist das nicht möglich [2]. Kompakte Formulierungen, bei denen der Inhalt dichtestmöglich zusammengedrängt ist, Sätze, die lang und verschachtelt sind, sind für einen Vortrag tödlich.
Geschriebene Sprache kann redundant sein, also dasselbe mehrmals auf verschiedene Weise - einmal etwa abstrakt, das andere mal anhand von Beispielen - erklären. Redundanz macht einen Text angenehm zu lesen, und ein angenehm zu lesender Text ist eine Geste der Höflichkeit und Wertschätzung des Schreibenden gegenüber dem Leser. Ein Vortrag muß redundant sein, ansonsten ist er nur für Zuhörer geeignet, die ohnehin bereits wissen, was der Vortragende sagen wird. In diesem Falle aber ist der Vortrag überflüssig.

Ich verstoße allerdings selber gerne gegen die an sich beherzigenswerte Formel, daß eine Schreibe keine Rede sei. Geschriebenes formuliere ich oft so, als säße mir der Leser gegenüber und ich würde mit ihm von Angesicht zu Angesicht sprechen. Ich gestehe, daß dies eine ausgesprochen egoistische Gewohnheit ist. Zum einen möchte ich über dem Korrekturlesen nicht einschlafen, sondern ein gewisses Vergnügen daran haben. Zum anderen aber - und dies vor allem - möchte ich das, was ich schreibe, selber verstehen.
Ich weiß, ich verlange viel.


[1]   Ich habe Gott sei Dank vergessen, um welches Buch, um welchen Autor es sich handelte.
[2]   Allenfalls, wenn ich ihn als Aufzeichnung höre.

Dienstag, 1. November 2011

Der Wimmer Dammerl über Ehe und Krieg

Thomas Wimmer (1887 - 1964) war von 1948 bis 1960 Oberbürgermeister von München. Er hatte 1913 geheiratet, nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er 1938 erneut.
1939 soll er gesagt haben: "Jedesmal, wenn ich heirate, bricht's Jahr drauf der Krieg aus."

Der Verlauf der Geschichte hat uns gelehrt, daß Thomas Wimmer kein drittes Mal geheiratet hat. Und wir alle sollten uns freuen, daß die Wimmersche Heiratsregel nicht für Gerhard Schröder oder gar Joschka Fischer gilt.

Samstag, 22. Oktober 2011

Literaturkritik als Feuerwehr

Im Juni 1965 wurde im Zürcher Fernseh-Studio eine Diskussion zwischen dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, dem Literaturprofessor Hans Mayer und dem Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt über die Funktion der Literaturkritik und über die Rolle der Kritiker aufgezeichnet.
Die drei Herren sitzen gemütlich da, vor ihnen Kaffeetassen, Wein- und Likörgläser, auf dem Tisch einige Flaschen, die ersichtlich kein Mineralwasser enthalten und bereits zu Beginn der Diskussion nicht mehr ganz voll sind. Hans Mayer spricht mit nacktem Mund, während Reich-Ranicki und Dürrenmatt eifrig Zigarren rauchen.
Und dann bricht ein Brand im Aschenbecher aus. Der Schriftsteller und Brandstifter Dürrenmatt bleibt gelassen, während sich die Kritiker zum Löschen verpflichtet fühlen.


Wer sich - kehren wir zurück zu Aristoteles - nicht nur für Sitcoms interessiert, sondern sich die ganze Diskussion anschauen möchte, der kann das hier tun:

In seinem Buch "Theaterprobleme" schreibt Dürrenmatt: "Die Literatur muß so leicht werden, daß sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nicht mehr wiegt. Nur so wird sie wieder gewichtig."

Freitag, 21. Oktober 2011

Kaputtsgorod

In Berlin brennen die Autos. Bis heute dachte ich, das sei eine Sache der jüngsten Zeit; bis ich auf diese Seite stieß
und mich belehren lassen mußte, daß das schon seit 2007 läuft. Man beachte, daß die Website seit einem Jahr nicht mehr aktualisiert wird, bis Oktober 2010 hatten die emsigen Leutchen 633 abgebrannte Autos gezählt.

Na, wie auch immer...
Andere Länder, andere Sitten. In Berlin macht die aus Film, Funk und Fernsehen unbekannte Firma Irgendwelchechaoten Autos kaputt, in Vilnius in Litauen macht das der Bürgermeister.


"Schtznpnzr" hätte Ernst Jandl gedichtet.
siehe auch hier.
Anmerkung: Ja, ich weiß, daß in Litauen nur 10 % der Bevölkerung Russisch sprechen.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Krieg der Sprachen

Es ist nicht mehr zu übersehen: Die Türken unterwandern die deutsche Sprache.



Auch Gülühwein und Gümüse wurden schon gesichtet.

Wahrscheinlich ist das die Rache für die deutschen Wörter, die im Laufe der Zeit in die türkische Sprache eingesickert sind:
şalter, şinitsel, aysberg, otoban, şivester (Krankenschwester), fertik (Abfahrtssignal bei der Eisenbahn),  erzats,  Şibidak und haymatloz. ([1])

Obacht: Wenn jetzt irgendein Germanist daherkommt und mir erzählt, es bestehe ein fundamentaler begrifflicher Unterschied zwischen Fehlschreibungen wie "Gümüse" einerseits und Fremdwörtern wie "otoban" andererseits, dann werde ich ihn mit einem zusammengerollten Manuskript feinsinnigster Gedichte verjagen. Und jedesmal, wenn ich mit dem Manuskript nach seinem Kopf schlage, werde ich rufen "Weiß ich selber!".


[1]        Wer sich jetzt frägt, was einige Wörter wohl bedeuten mögen, sollte sich klarmachen, daß das "Ş" mit dem Hakerl unten wie "Sch" ausgesprochen wird, das "z" wird ganz weich ausgesprochen, fast wie ein "s".

Dienstag, 18. Oktober 2011

Pauschal

Ein Hinweis, der sich pauschal an alle richtet:
Wenn in einer Argumentation, gleich welcher Art und politischer oder philosophischer Ausrichtung das Wort "pauschal" auftaucht (vor allem im Zusammenhang mit "Verunglimpfung", "Verurteilung" oder deren Synonymen), so nimm dies als einen fetten Hinweis darauf, daß der Argumentierende ratlos ist. Irgendwie ist ihm die zu kritisierende Meinung zuwider, aber er weiß eigentlich nicht so recht, wie er dagegen argumentieren soll.
Das glaubst du nicht, das scheint dir zu pauschal? Dann achte mal drauf, wenn dir das nächste Mal das Wort "pauschal" in einer Argumentation unterkommt.

Montag, 17. Oktober 2011

Herr Nachbar, willkommen auf meinem Computer

Es kann natürlich sein, daß ich wieder mal nichts vom Wesen der Dinge verstehe und deshalb Probleme sehe, wo keine sind. Vielleicht. Aber vielleicht kann mir einer, der was von der Sache versteht, mit seiner Sachkenntnis weiterhelfen.
Die Sache, das ist der Bundestrojaner. Nein, mir geht es nicht drum, noch eine weitere Diskussion zu eröffnen über die Frage, ob die Polizei oder sonstige Behörden das Recht haben, auf elektronischem Wege in die Computer Verdächtiger einzudringen und wenn ja, wie weit sie dabei gehen dürfen.

Im Radio habe ich gehört, das Trojanerprogramm, das die bayerischen Behörden verwendet haben, sei von der hessischen Software-Firma Digitask an die Bayern verkauft worden. Das heißt, diese private Firma hat das Programm entwickelt, ob nun auf eigene Initiative oder im gezielten staatlichen Auftrag.
Und da ist das Programm nun. In Privatbesitz. Unkontrolliert, da unkontrollierbar. Der Chef der Firma hat Zugang zu diesem Programm, sein Prokurist, die beteiligten Programmierer. Natürlich, ganz selbstverständlich dürfen sie das Programm nicht mit nachhause nehmen, um es dort auf ihrem privaten Computer zu installieren. Aber, natürlich, ganz selbstverständlich, können sie dies.
Die Lebenserfahrung lehrt uns, daß Dinge, die gemacht werden können, weil sie nicht gegen die Naturgesetze verstoßen, irgendwann von irgendwem auch gemacht werden, früher oder später. Meistens früher und ab da ziemlich oft.
Von Libyen (oder war's Ägypten?) her wissen wir, daß an die frühere dortige Regierung Spionageprogramme verkauft worden sind, ich glaube, von einer deutschen Firma. Dort sind sie nun. Und - eine Firma lebt vom Verkauf ihrer Produkte - wahrscheinlich auch in Tansania, Indien, Rußland oder Österreich. Das sind die legalen Verkäufe.
Illegale Geschäfte sind möglich und, da sie möglich sind, werden sie auch getätigt, ständig, weltweit und in riesigem Umfang. Wer immer also ein gesteigertes Interesse daran hat, seinen Nachbarn oder Konkurrenten oder wie auszuspionieren kann sich, so er bereit und in der Lage ist, eine Stange Geld anzulegen, diesen Spaß gönnen.

Gehe ich recht in der Annahme, daß die paar Überwachungen Verdächtiger durch deutsche Behörden im Vergleich dazu ein Muckenschiß sind?

Sonntag, 16. Oktober 2011

Mein Gott, muß das sein?

Ich will jetzt gar nichts gegen Gott im allgemeinen sagen, ich bin zwar Atheist aber nicht nachtragend. (Er hoffentlich auch nicht.)

Aber manchmal... Manchmal ist Gott wirklich kleinlich; und nicht nur das, sein Humor ist auch manchmal sehr... ich sag mal: von kindlichem Gemüt.
Da haben die Biermösl Blosn ein halbes Leben lang gegen die CSU im allgemeinen und Stoiber im besonderen gesungen und sich damit manch Verdienst erworben.
Und was macht Gott, der Witzbold? Gott läßt den Ältesten der Well-Brüder, Hans Well, im Laufe der Jahre immer mehr wie den Stoiber Edmund ausschauen.
 Herrgott noch mal, seriös ist das nicht.

Freitag, 14. Oktober 2011

Zonenmensch

Der Franze hat gsagt, der Zonenmensch wär voller Vorurteile. Deswegen, sagt er, kann er den Zonenmenschen nicht ausstehen.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Meisterwerke aussortiert

Über Original, Kopie und Schönheit
In den neunziger Jahren hatte ein gewisser Ely Sakhai ein interessantes Geschäftsmodell entwickelt. Er verschaffte einer kleinen, handverlesenen Schar von Kunstfreunden ein exquisites ästhetisches Vergnügen bereitete, ein Vergnügen, das diese Kunstfreunde allerdings mit einem herben finanziellen Verlust bezahlen mußten.
Sakhai kaufte Meisterwerke der klassischen Moderne, die durch Echtheitszertifikate als Originale beglaubigt waren. Anschließend ließ er von diesen echten Werken jeweils eine hervorragende Kopie anfertigen und verkaufte diese Kopie als echtes Bild an Kunstsammler - das originale Echtheitszertifikat hatte er ja. Die Kopien waren damit zu Fälschungen geworden. Das echte Gemälde verkaufte er bei nächstpassender Gelegenheit wieder weiter. Die Masche funktionierte mindestens ein Dutzend mal, ehe Sakhai im Jahr 2000 aufflog: Ein von ihm weiterverkauftes Original und eine seiner Fälschungen wurden gleichzeitig bei zwei Auktionen in London und New York angeboten.
Diese Art von Betrug - nämlich das Fälschen tatsächlich existierender Werke bekannter Künstler - funktioniert natürlich nur bei den weniger bekannten Werken der großen Meister, bzw. bei Werken weniger bekannter Künstler. Die berühmtesten Werke der ganz großen Meister kann man nicht als Fälschung anbieten. Auch ein wenig sachkundiger Sammler wird sich nicht die "Mona Lisa" oder das "Nachtcafé" von Van Gogh andrehen lassen, weiß er doch, wo die jeweiligen Originale hängen.

Eine ganz andere Art von Betrug im Kunstgeschäft ist die Stilfälschung. Das heißt jemand fertigt ein völlig neues Bild an, das so aussieht - und auch so verkauft wird - als ob es ein bislang nicht bekanntes Bild eines sehr bekannten Künstlers wäre.
Gerard Vaughan, Direktor der Natio­nal­ga­le­rie des südaustralischen Bundesstaates Victo­ria, mußte 2006 in dieser Hinsicht eine böse Erfahrung machen.
1940 hatte die Nationalgalerie in Melbourne das Gemälde "Kopf eines Mannes" von Vin­cent Van Gogh erworben. Es war eine gute Inve­sti­ti­on, über 65 Jahre lang haben Mil­li­o­nen von Kunst­freunden das Gemälde be­wun­dert, es war das Pracht­stück des Museums. Der "Kopf eines Mannes" hat heute einen Schätz­wert von 15 bis 20 Millionen Dollar - das heißt: hatte.
Denn im Sommer 2006 lieh die Galerie das Gemälde an ein Museum in London aus. Dort untersuchten Kunst­sach­verständige von "Art Watch UK" das Gemälde und fanden "zahlreiche Hin­­weise, dass es sich um ein übermaltes Werk han­dele. Das Bild sehe Gemälden des Nie­der­län­ders nur ähnlich." Bitterer Kommentar von Vaughan: "Wenn es ein falscher Van Gogh ist (...) verliert dieses Stück Leinwand all seinen Wert."
Inzwischen ist der Fall entschieden. Auf der Website des Van-Gogh-Museums in Amsterdam (www.vggallery.com) wird das Bild zwar noch aufgelistet, allerdings mit dem lakonischen Zusatz: "Note: No longer attributed to Vincent van Gogh. Artist unknown".

Nun sind Fälschungen keine Randerscheinungen des Kunstbetriebs, die halt immer mal wieder passieren. Eher könnte man sagen, Fälschungen bildeten das Kerngeschäft des Kunsthandels.
Die Kunsthistorikerin Fiona Seidler schreibt auf der Website Artfiler.de: "Im Durchschnitt ist jedes zweite am Markt angebotene Werk eine Fälschung. Zu dieser Erkenntnis kommen Fachleute von internationalem Rang: Hans. A. Lüthi, ehemals Leiter des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft, oder Thomas Hoving, früher Direktor des New Yorker Metropolitan Museums, schätzen beispielsweise, dass zwischen 40 und 60 Prozent des am Markt kursierenden Kunstgutes falsch seien. Christian Herchenröder, Marktbeobachter des Handelsblattes, rechnet hoch, dass auf jede entdeckte Fälschung neun weitere kommen."
Sachkundig gemachte Fälschungen sind nämlich schwer zu entdecken und manchmal... ja manchmal weigert sich die Fachwelt auch schlicht, eine Fälschung als Fälschung zu erkennen.
Der Holländer Han van Meegeren hatte während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg das Bild "Christus und die Ehebrecherin" von Jan Vermeer van Delft für einen ziemlich hohen Preis an Reichsmarschall Hermann Göring verkauft. Nach dem Krieg, bereits Ende Mai 1945, wurde Van Meegeren als Kollaborateur und Veräußerer nationalen Kulturgutes der Niederlande an den Feind verhaftet. Ihm drohte eine langjährige Zuchthausstrafe und so gestand er ziemlich bald, daß er diesen und weitere Vermeers gefälscht habe. Man hielt dieses Geständnis für eine allzu durchsichtige Schutzbehauptung und glaubte ihm nicht. So also mußte Van Heegeren in der Untersuchungshaft innerhalb von drei Monaten einen weiteren Vermeer malen, "Jesus unter den Schriftgelehrten".
Das Gericht setzte darüber hinaus eine siebenköpfige internationale Kommission ein, welche zwei Jahre lang die Vermeer- und Frans-Hals-Bilder, die Han van Meegeren als seine Fälschungen benannt hatte, nach allen Regeln der Kunst und Wissenschaft untersuchte, um abzuklären, ob die Gemälde zeitgenössische Fälschungen sind. Mikrochemische Untersuchungen ergaben schließlich, daß die verwendeten Farben mindestens zwei Substanzen enthielten, die eindeutig erst im 20. Jahrhundert hergestellt wurden. Dennoch blieben die Untersuchungsergebnisse noch lange Zeit umstritten, ehe neuere Untersuchungstechniken sie 1967 bestätigten.

Die Nationalgalerie von Melbourne und Hermann Göring sind betrogen worden und wenn sie darüber empört sind, wird man ihnen die Bitternis gut nachfühlen können ([1]), denn sie haben einen herben betriebswirtschaftlichen Verlust er­lit­ten. Sie hatten für viel Geld einen geldwerten Gegenstand erwor­ben, der nun nach seiner Enttarnung als Fälschung nahezu wertlos geworden ist.
Nun sind aber Kunstsammler und Museumsdirektoren nicht nur Kaufleute und Geldverwalter, sie sind auch und vor allem - worauf viele von ihnen großen Wert legen - Kunstfreunde. Und für einen Kunstfreund, der sich an der Schönheit und gelungenen Gestaltung von Kunstwerken erfreut, hat sich durch die Entlarvung eines falschen Picasso, eines falschen Van Gogh eigentlich nichts geändert. Das schöne Bild ist immer noch das gleiche schöne Bild wie zuvor, nichts hat sich dran verändert. War es zuvor schön, ist es das jetzt immer noch. War es zuvor ein Meisterwerk, so ist es das immer noch. Kein Pinselstrich hat sich verändert.
Zwar ist im Falle des "Kopf eines Mannes" ein Gemälde von Van Gogh aus der Liste seiner Werke verschwunden, andererseits ist das meisterhafte Bild eines noch unbekannten Künstlers in der internationalen Kunstwelt erschienen. Der Kunstmarkt hat ein wertvolles Handelsobjekt verloren, der Kunstwelt ist ein wunderbares Bild Werk erhalten geblieben; offenbar ein Meisterwerk, da es ansonsten nicht 65 Jahre lang als Van Gogh durchgegangen wäre.
Und: Nicht ein Kunstexperte hat aufgrund seines Sachverstandes den falschen Van Gogh entlarvt. Niemand ist aufgestanden und hat sein geschultes ästhetisches Empfinden ins Spiel gebracht: "Das kann kein Van Gogh sein, dem Bild fehlt die Faszination der Bilder des großen Niederländers." Es blieb der Naturwissenschaft vorbehalten, das Bild als Fälschung zu entlarven.
Ja klar, wenn die Fälschung oder falsche Zuschreibung einmal enttarnt ist, dann kommen die Experten daher und behaupten, es im Grunde immer schon gewußt zu haben.

Was der Louvre in Paris für Frankreich ist, das ist der Prado in Madrid für Spanien. Und was die Mona Lisa für den Louvre ist, das ist "Der Koloß" von Francisco Goya für den Prado. "Der Koloß" gilt als das Meisterwerk Goyas, der uns so viele andere Meisterwerke hinterlassen hat. Das Bild ist das Schmuckstück des Prado und es zählt zu einem der am meisten von der Fachliteratur behandelten Gemälde.
Alles Vergangenheit, dies. Denn, wie es im Leben manchmal so geht: Vor einiger Zeit entdeckte man in einer Ecke des Bildes ein verstecktes Kürzel, das von den Experten als die Initialen "AJ" identifizierten. Das Bild ist inzwischen 200 Jahre alt und der Laie frägt sich natürlich, wieso diese Entdeckung in einem Bild, das schon Legionen von Experten sehr, sehr genau untersucht haben, nicht schon längst gemacht worden ist.
Wie auch immer:
Das Kürzel "AJ" deutet nicht auf Fran­cis­co Goya hin, das wurde selbst den Ex­per­ten klar, sondern vielmehr auf Asen­sio Juliá, einen Schüler Goyas, der - klar - auch in Goyas Werkstatt ge­ar­bei­tet hat.
Und nun gingen den Experten die Augen auf: Das Prado-Museum veröffentlichte ein Gutachten, das ein Team von Experten verfaßt hatte, welche den "Koloß" mehre Monate lang untersucht hatten. Das Werk passe nicht zum Stil Goyas, hieß es dort und: "Es gibt markante Unterschiede zwischen dem "Koloss" und den Meister­wer­ken Goyas, deren Urheberschaft doku­men­tiert ist. (...) Bei richtigem Licht be­­trach­tet wird deut­lich, dass die dürf­ti­ge Tech­nik, das Licht und die Farbtöne nicht dem Niveau Goyas entsprechen." Die Gutachter hoben ferner hervor, dass das Gemälde perspektivische Fehler aufweise, die einem Perfektionisten wie Goya niemals unterlaufen wären.
Das sind starke Worte, kühne Worte. Dem großen Meisterwerk Goyas, das zu den bedeutendsten Meisterwerken der Malerei gezählt wurde, wird nun auf einmal "dürftige Technik" nachgewiesen, man findet jetzt plötzlich Fehler in der Perspektive, die einem Perfektionisten wie Goya niemals unterlaufen wären. Waren die Leute vorher alle blind?
Als Van Meegeren bewiesen hatte, daß die Bilder (Motiv, Bildkomposition und Details) von ihm waren, war der ganze Zauber aus den Bildern raus. Nix mehr von wegen der großartige Vermeer usw. sondern nur noch - Kujau. Als der "Koloß" nicht länger Goya zugeschrieben wurde, hatte das Bild plötzlich handwerkliche Mängel, wie sie angeblich einem Maler von minderem Rang passieren.
Dabei hatten die Bilder selbst sich in der Zwischenzeit überhaupt nicht verändert. Was nichts anderes heißt, als daß bei der Bewertung von Kunstwerken durch Betrachter, Schöngeister oder Experten das Kunstwerk selber nur ein Faktor ist und offensichtlich noch nicht mal der entscheidende. Entscheidender ist das Drumherum, das Gewese, Getue, die Legende. Etwas, das im Kopf des Betrachters vorhanden ist und seine Empfindung mehr lenkt als das Werk selbst.


[1]  Gut, bei Hermann Göring dürfte sich die Betrübnis über den Betrug in Grenzen gehalten haben, er war damals bereits Gefangener der Alliierten und hatte andere Sorgen. Er wurde später zum Tode verurteilt und beging noch vor der Hinrichtung Selbstmord.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Kritik des Dichters anhand seines Hauses

Die Fotografin Lillian Birnbaum hat über etliche Jahre hinweg immer mal wieder den Schriftsteller Peter Handke in dessen Haus in der Nähe von Paris besucht. Bei diesen Gelegenheiten hat sie - so sind's, die Fotografen - viele Bilder von Handkes Haus gemacht.
Jetzt hat sie einen Bildband über Handkes Haus herausgebracht, "Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit". In der Wochenzeitung "DER FREITAG" hat Alexander Schimmelbusch, selber Schriftsteller und 36 Jahre alt, eine Kritik des... nein, nicht des Buches sondern des Hauses von Peter Handke geschrieben
Peter Handke lebt, so erfährt man, in einem verfallenen Häuschen zwischen einer Bahnlinie und einer Landstraße an der Pariser Peripherie. Sobald die Dämmerung über die Vorstadt fällt, huscht Handke in die nahen Wälder, auf der Suche nach Pilzen, Nüssen, Eicheln, Ästen, Federn, Schwämmen, Moosen und Flechten, die er in großen Mengen zusammenklaubt, um sie in seinem Haus zu horten.
Die Fotografien im Buch offenbaren (...) eine beklemmende Verwahrlosung, als sei der Komposthaufen auf einer Woge aus Weltschmerz in die Wohnräume hinein geschwappt. Seit Jahren schon hat nach Schimmelbuschs scharfsinniger Analyse der Dichter nicht mehr zum Scheuerlappen gegriffen. Nirgends im Haus ist ein Abfalleimer zu sehen, das Haus selbst ist der Abfalleimer. Es sieht aus wie bei einem auf sich selbst gestellten Pensionär, dessen Rente zum Erwerb herkömmlicher Lebensmittel nicht ausreicht, sodass er zum Überleben auf öffentliche Waldflächen angewiesen ist. Auf staubigen Tischplatten drängen sich Schalen mit Nüssen und Pilzen und Schnecken und diversen Nachtschattengewächsen in unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Eines ist ihm sicher: kein Besen hat Handkes Hexenhäuschen in den letzten Jahren von innen gesehen.
Ich habe mir einige der Bilder aus diesem Buch, soweit sie im Internet zugänglich sind, genauer angeschaut.

Dies vorab: Ich bin kein Fan von Peter Handke, genau genommen könnte man sogar sagen, daß ich ihn nicht mag. Wahrscheinlich liegt das daran, daß ich so gut wie nichts von ihm gelesen habe. Und das kam so: Als er damals, 1966, mit seinem Stück "Publikumsbeschimpfung" groß herauskam, war er öfter mal im Fernsehen, lange Haare, sensibles Gesicht und sanfte Sprache.
 Nun ist es so, daß mich damals Sensiblinge mit sanfter Sprechweise ziemlich aggressiv gemacht haben (heute bin ich da deutlich milder in meinem Urteil). Ich mochte ihn halt nicht. Punkt. Gelegenheiten, ihn, das heißt sein Werk, später kennenzulernen habe ich nicht genutzt.
Das ist natürlich pures Ressentiment und sagt viel über mich und letztlich gar nichts über Peter Handke aus. Erwähnt habe ich das nur deshalb, damit klar ist, daß ich kein Handke-Verehrer bin. Imponiert hat mir allerdings, daß er damals, als aus deutschen Supermärkten die Serbische Bohnensuppe verschwand und als Bohnensuppe nach Balkan-Art (so etwa bei Aldi) gehandelt wurde... daß er also damals die serbische Sicht der höchst unerfreulichen Dinge einem verhetzten Publikum zu erklären versuchte.
Soweit das.

Als ich den Artikel von Alexander Schimmelbusch zum ersten Mal gelesen hatte, war mir klar, daß er nicht ernst gemeint sein konnte. Eine völlig abseitige Vorstellung, die Kritik an einem Künstler am Zustand seiner Wohnung festzumachen. Wer hätte dergleichen bei einem Saufkopf wie Charles Bukowski unternommen? Ganz klar, das ist Satire. Wenn aber Satire, wogegen richtet sie sich und vor allem, wo ist der Witz? Also doch ernstgemeint.
Handke sollte ausreichend verdient haben, sich eine anständige Behausung zu leisten. Wenn er jetzt in einem verfallenen Haus, zwischen Bahndamm und Landstraße lebt, in der Dämmerung durch die Wälder schleicht, dort Pilze und Nüsse zu sammeln, von denen er sich nährt, dann kann das nur heißen, daß Handkes psychischer Zustand nicht sehr stabil ist, gelinde gesagt. Ich war schon etwas erschüttert, zu erfahren, daß aus Handke inzwischen ein wirrer alter Mann geworden ist. Die Beschreibung von Schimmelbusch hatte ich nämlich so genommen, wie er sie hingeschrieben hat (ich bin manchmal ziemlich einfältig, ich weiß), der Artikel enthält ja nur ein einziges, noch dazu kleines, schlecht auflösendes Bild.
Dann aber schaue ich mir das Bild etwas genauer an und ich sehe einen Tisch mit weißer Tischdecke. Trotz des Umstands, daß der Hausherr gerade mit seinen "ledrigen Literatenhänden" an Pilzen rummacht ist der Tisch bemerkenswert sauber. Ein verkommener Haushalt sieht anders aus, denke ich mir. (Und ein 69jähriger darf schon mal ledrige Hände haben.)
Jetzt wollte ich es wissen und ich habe im Netz nach Bildern aus diesem Buch gesucht und habe dann den Text noch einmal gelesen.
"Verfallenes Haus", das hört sich nach Wind an, der durch Fensterritzen pfeift, nach Schimmel an den Wänden, undichtem Dach. Und dann sehe ich das verfallene Haus
und denke bei mir "Mein Gott, was für ein wunderschönes Haus, ein Traumhaus." Ich sehe den Garten
und bin hin und weg. Was für ein gemütliches Fleckchen. Auf den ersten Blick ein wenig schlampig, sieht man genauer hin merkt man, daß der Garten durchaus mit Liebe und Sachkunde gepflegt ist.
Und dann die beklemmend verwahrloste Wohnung, "als sei der Komposthaufen auf einer Woge aus Weltschmerz in die Wohnräume hinein geschwappt."
Mir ist schon klar, daß Handke mit dieser Anordnung nicht den Ehrenpreis der Zeitschrift "schöner wohnen" bekommen wird. Ich habe dergleichen Unordnung schon oft gesehen (und verursacht!) und mir geht das Herz auf, wenn ich dergleichen sehe. Dinge, die man mag, will man sehen, man versteckt sie nicht in Schränken; Bücher, man immer wieder braucht, verräumt man nicht in Regale. 
Bleibt zum Schluß die Sache mit Besen, Scheuerlappen und Abfalleimer, Dinge, an welche die ordentliche deutsche Hausfrau - gleich welchen Geschlechts - höchste Maßstäbe anlegt.
Ich weiß nicht, wie es bei Schimmelbusch ist, in den meisten Haushalten dürfte der Abfalleimer dezent versteckt unter der Küchenspüle stehen. "...eines ist sicher: kein Besen hat Handkes Hexenhäuschen in den letzten Jahren von innen gesehen.
Nun schaue man sich mal das Bild mit den Bücherstapeln nochmal an: Auf der braunlackierten Ablage links im Bild ist keinerlei Spur von Staub zu sehen. Läge dort Staub, dann hätte die horizontale Fläche eine deutlich mattere Farbe als die vertikale. Auch auf dem Teppich sind keine Staubflöckchen zu sehen und es wären welche zu sehen, wenn dort eine Woche oder gar 14 Tage nicht mehr gesaugt oder gekehrt worden wäre. Staub neigt zur Flöckchenbildung und diese lagern sich in einem bewohnten Raum vor allem an den Rändern und Ecken ab.
Und hier:
Ich erwähne nur kurz das Schäufelchen an der Eingangsstiege, das auf säubernde Hände schließen läßt und lenke die Aufmerksamkeit auf das kleine Stück Fliesen am Eingang. Und? Sieht hier einer Dreck?
Ich lebe selber auf dem Land, und weiß, wovon ich rede. Wenn du jetzt im Herbst, wo es oft regnet, das Haus verläßt, dann patscht du unvermeidlicherweise in Dreck. Kommst du zurück ins Haus, dann schleppst du auch dann, wenn du dir gleich hinter der Haustür die Schuhe ausziehst, eine Menge Dreck ins Haus. Eines ist sicher: In einem Hexenhäuschen, das "in den letzten Jahren kein Besen von innen gesehen" hat, müßte der Eingangsbereich vor Schmutz nur so starren. Tatsächlich aber ist er blitzsauber.

Wenn ich mir das eben Geschriebene nochmal durchlese, dann stelle ich mit einiger Erbitterung fest, daß ich soeben eine Wohnungskritik geschrieben habe, in Form der Kritik einer Wohnungskritik eines Anderen. Ich hoffe, es passiert mir nie wieder, daß ich öffentlich die Wohnung eines anderen Menschen durchhechele.

Damit ich es nicht vergesse - Handke trägt wirres langes Haar, wirft ihm Schimmelbusch vor.
Mal abgesehen davon, daß zum einen das Haar gar nicht wirr ist, daß sich zum anderen bei den meisten Männern in Handkes Alter die Frage nach gefälliger Frisur längst von selbst in Wohlgefallen aufgelöst hat - was ist das für eine Zeit? Damals, als Schimmelbusch noch nicht mal angedacht war, hat meine Generation von den Eltern und Großeltern herbe und herbste Kritik an ihrer Haartracht hinnehmen müssen. Nach einer Weile hat sich das gelegt, jetzt wirst du von einem 35jährigen Schriftsteller (!) gescholten, wenn du nicht so schön und adrett gekämmt bist wie der Staubflöckchenkritiker des FREITAG:

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Der Leingschwendner Sepp

Der Grieche.
Ja mei, der Grieche. Seit diesem... wie heißt er noch? Genau, Homer. Seit diesem Homer also spinnt doch der Grieche. Später haben sich die Römer die Griechen gekauft und seither spinnt der Römer. Und dann ham die Römer die Firma "Christliches Abendland GbR" gegründet und seither spinnt... Genau.

"Ihr seids alles Spinner", hat seinerzeit der Leingschwendner Sepp gerufen und hat dann in seinem Suff versucht, die Venus von Milo zu begatten. Sie ham ihn dann allerdings aus dem Lou Fre hinausgeschmissen und seither schimpft er gegen die Franzosen.
Mei, der Leingschwendner Sepp. Er weiß es halt nicht besser, hat es nie besser gewußt und wird es nie besser wissen.
"Ja, wenn das so ist", sagt der Franze, "wieso ist er dann nicht Bundeskanzler?"
Stimmt, wieso eigentlich nicht?

...und links, zwei, drei...

Gespräch mit dem Verkehrsexperten Volker Völz

Herr Völz, seit einigen Jahren sind auf deutschen Autobahnen die notorischen Linksfahrer zu einem echten Problem geworden.

Linksfahrer sind nicht neu. Seit es Autobahnen gibt, halten sich manche Autofahrer nahezu ausschließlich auf der linken Spur auf.

Inzwischen aber sind die notorischen Linksfahrer zu einem ausgesprochenen Massenphänomen geworden. In schöner Regelmäßigkeit kann man sie auf zwar dicht befahrenen, vom Kollaps aber noch ein Stück entfernten Autobahnabschnitten beobachten. Während die rechte Fahrspur nur von einigen Lkw und Kleinst-Pkw benutzt wird, drängeln sich auf der linken Überholspur die Wagen - und keiner kommt mehr richtig voran, weil die Autobahn künstlich verstopft ist, da sie nur noch zur Hälfte genutzt wird. Ist doch verrückt, so was.

Das Wort "verrückt" erklärt nichts. Wer es benutzt, weigert sich, über die Gründe für ein bestimmtes Verhalten nachzudenken.

Dann erklären Sie mir bitte die möglichen Gründe für so ein "ver­rück­tes" Verhalten der Linksfahrer.

Alle verhalten sich "verrückt", weil alle es für wahnsinnig "ver­rückt" halten, wie sich alle verhalten.

Entschuldigen Sie, aber ein Paradox zu verwenden, ist mindestens genauso ausweichend wie die Verwendung des Wortes "verrückt".

Also gut: Wenn Sie als Autofahrer auf eine solche halb genutzte...

...halb verstopfte...

...Autobahn kommen - was machen Sie dann?

Ich ärgere mich.

Das ist Ihr Gemütszustand. Was aber tun Sie? Welche Spur benutzen Sie?

Die linke natürlich.

Natürlich, weil die linke Spur die immer noch schnellere ist.

Nun, eigentlich... eigentlich ist sie das irgendwann nicht mehr.

Dann könnten Sie aber "eigentlich" auf die rechte Spur wechseln. Die ist, wenn nicht schneller, so doch immerhin sicherer, wegen der größeren Abstände zwischen den Wägen.

Nun...

Aber Sie tun es nicht. Richtig?

Richtig. Jetzt, wo Sie das sagen... Eigentlich merkwürdig.

Versuchen wir, der Sache auf die Spur zu kommen. Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf einer noch normal funktionierenden Autobahn. Weil Sie entschlossen sind, sich an Vernunft und Straßenverkehrsordnung zu orientieren, fahren Sie rechts und halten die empfohlene Richtgeschwindigkeit von 130 km/h ein. Bevor Sie den Lkw vor Ihnen überholen, blinken Sie - und werden von einer sich ungemein rasch nähernden Lichtorgel angeflammt. Die Lichtorgel entpuppt sich als 7er-BMW, der gerade sein Menschenrecht auf 260 km/h wahrnimmt.

Rücksichtslos, wie solche Leute sind, läßt er mich natürlich nicht raus.

Der ist nicht rücksichtslos, sondern einfach wahnsinnig schnell. Der könnte Sie gar nicht mehr reinlassen, selbst wenn er wollte.

Ich verstehe.

Ist der BMW vorüber, können Sie den Lkw überholen, um anschließend brav auf die rechte Spur zurückzukehren.

Ein einfacher Vorgang.

Schon. In Wirklichkeit aber gibt es auf einer gutbesuchten Autobahn viele Wägen, die teils erheblich schneller sind als Ihre 130 km/h, denn wegen der fehlenden Geschwindigkeitsbeschränkung auf deutschen Autobahnen liegen die gefahrenen Geschwindigkeiten sehr weit auseinander, irgendwo zwischen 70 km/h und Gebrüder Schumacher. Alle schnelleren Wägen sind logischerweise häufiger am Überholen als Sie selbst. Sie werden also bei jedem Überholversuch erst mal mehrere schnellere Wä­gen vorbeilassen müssen.

Ärgerlich, so was.

Mehr als das. Denn während Sie drauf warten, daß Sie auf die linke Spur wechseln können, fahren Sie notgedrungen mit der langsameren Geschwindigkeit Ihres Vordermannes. Ihre Durchschnittsreisegeschwindigkeit sinkt dadurch um ein gutes Stück. Was machen Sie?

Was soll ich schon machen?

Sie sind ein geduldiger Mensch, ich weiß. Andere sind nicht so geduldig wie Sie. Was werden die machen?

Sie werden... Ich beginne zu verstehen: Sie werden länger auf der linken Spur bleiben, um den Vorteil des schnelleren Fahr­wegs nicht so rasch wieder zu verlieren.

Und dabei werden sie merken, daß Links­­fahren eine gute Idee ist. Noch.

Woraus folgt, daß sie sich auf der linken Spur festsetzen werden.

Richtig. Was für Sie auf der rechten Spur heißt, daß Sie wegen der nunmehr dichter befahrenen linken Spur noch länger warten müssen, ehe Sie endlich überholen können. Das kann, wenn Sie Pech haben, jedes Mal Minuten dauern. Ihre Durchschnittsreisegeschwin­digkeit sinkt weiter drastisch ab. Was werden Sie machen?

Hm, irgendwann ist der Punkt erreicht, wo ich die Geduld verliere.

So ist es. Irgendwann verliert jeder die Geduld. Und dann macht er das, was die ungeduldigeren schon längst vor ihm gemacht haben.

Auch er setzt sich auf der linken Spur fest.

Wodurch - bei leerer und leerer werdender rechter Spur - die linke Spur immer mehr verstopft. Die Geschwindigkeit dort wird zwangs­­läufig immer niedriger.

Warum aber läßt mich dann, wenn die Geschwindigkeit ohnehin schon gesunken ist, keiner von rechts nach links rüberfahren?

Weil die anderen im Recht sind. Wer grad am Überholen ist, hat Vorfahrt.

"Grad am Überholen" ist gut. Diese Art von "Überholen" zieht sich über viele Kilometer.

Ich sehe, Sie haben die Spielregel kapiert. Zig Kilometer Vorfahrt - gibt's Schöneres für einen Autofahrer?

Demnach sind diese Leute also doch rücksichtslos?

Wenn Sie es unbedingt moralisch sehen wollen. Aber es ist natürlich auch eine Frage der Sicherheit. So langsam man immer auf der linken Spur fährt, man ist, bezogen auf die Abstände zwischen den einzelnen Autos, immer noch zu schnell dran, um sich unnötige Bremsmanöver leisten zu können.

Aber dadurch ist nur die halbe Autobahn ausgelastet.

Bedauerlicherweise.

Und es bleibt nichts mehr zum wirklichen Überholen.

Weswegen viele Strecken dreispurig ausgebaut sind.

Damit dort die linke und die mittlere Spur voll sind.

So ist es.

Das ist doch Wahnsinn.

Nein, sondern tragische Unausweichlichkeit.

Das glaube ich nicht. Wenn diejenigen, die gerade links fahren, jene, die vor ihnen zum Überholen nach links wechseln wollen, herausließen, dann würde die Situation gar nicht entstehen.

Dann müßte jener aber von vorneherein langsamer sein, damit er überhaupt noch reagieren kann.

Ja und?

Auf der Autobahn will jeder so schnell fahren, wie er nur kann.

Hm. Insgesamt gesehen kommt er so aber langsamer voran. Es wäre demnach vorteilhafter für ihn, auf sein Recht zu verzichten und vor ihm Überholende rauszulassen.

Vorteilhaft wäre es nur dann, wenn es alle machen würden. Solange nur er es macht, zahlt er drauf.

Warum machen es nicht alle?

Weil keiner damit anfängt. Gehe ich zu weit, wenn ich behaupte, daß man auf deutschen Autobahnen deshalb so langsam vorankommt, weil man auf deutschen Autobahnen so schnell fährt?

Sonntag, 2. Oktober 2011

Muschi, Maria Theresia und Fotze

Als die Grünen 1987 erstmalig in den Bundestag einzogen, war unter den Neulingen im Hohen Haus auch der Kreuzeder Hias, ein damals 38jähriger Biobauer aus der Nähe von Freilassing [1]. Kreuzeder ist längst nicht mehr bei den Grünen, was ihn ehrt. Zur konstituierenden Sitzung war er in landestypischer Lederhose erschienen, in der Messertasche den Hirschfänger. Bei seiner ersten Rede sprach er Bairisch, und zwar nicht so wie im "Tatort" aus München, sondern so, wie er auch daheim auf seinem Hof gesprochen hätte. Auf den Hinweis der irritierten Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger hin, er möge doch bitte Hochdeutsch sprechen, meinte Kreuzeder trocken, es sei nicht seine Schuld, wenn einige im hohen Haus Bildungslücken hätten. "I versteh euer Preißisch ja aa", sagte er und setzte seine Rede auf Bairisch fort.

Heimlich kichert der Preiß über Roman Herzog, weil der zwar Hochdeutsch spricht, aber halt mit leichtem landshuterischen Akzent und bairischer Sprechmelodie. Er selber aber...
Er selber sagt, ohne mit der Wimper (oder was immer zu zucken) im Bundestag oder im Fernsee: "Was Sie uns hier zum Thema Flejeversicherung auf den Tüsch geleecht haben ist unertreechlich. Damit können Sie allenfalls der Anaacho-ßene imponieren" und glaubt dann allen Ernstes, er habe eben Hochdeutsch gesprochen.
Daß er kein "i" und kein "pf" in "schümfen" hinbringt, veranlaßt den Preißn nicht, sich in logopädische Behandlung zu begeben. In Rhetorik lernt er es auch nicht, weil der Rhetoriklehrer selber 1 Preiß ist und nicht weiß, wie man spricht.
So ist der Preiß gebaut: Wenn ihm einer was verzählt, was er nicht versteht, dann ist nicht er, der Preiß, schuld, daß er keine Ahnung nicht hat, sondern der Verdacht liegt erst mal beim anderen, weil der Sachen sagt, die über den Horizont eines Preißn hinausgehen.

Was hat man nicht seinerzeit gelacht über den Stoiber Edmund, weil der erzählt hatte "...ich habe es mir auch angewöhnt, daß ich jeden Tag in der Früh in den Garten schaue und vielleicht eine Blume hinrichte oder aufrichte. Ja, und ein bißchen mähen tu' ich. Und ansonsten sag' ich meiner Frau, was ich alles tun würde. Und dann macht sie es bzw. mit dem Gärtner zusammen." Gar kein Ende wollte die Heiterkeit nehmen, als Stoiber bei anderer Gelegenheit seine Frau Karin "Muschi" nannte. "Der Stoiber hat einen Schlag", sagte sich der Preiß und kam in seiner Einfalt gar nicht auf die Idee, daß vielmehr das Problem seine eigene Unkenntnis bairischer Semantik sein könnte.
Was ich sagen will: Daß der Preiß nicht weiß, wie man in Bayern spricht, ist ja nicht weiter verwunderlich, das kann ihm keiner vorwerfen. Bemerkenswert ist jedoch, daß er gar nicht auf die Idee kommt, er könnte irgend etwas nicht wissen. Wenn ihm etwas merkwürdig oder auch nur ungewohnt vorkommt, dann stutzt der Preiß nicht, und denkt oder frägt dann nach, wie es ein verständiger Mensch machen würde. Nein, er hält erst mal den Anderen für einen Idioten und lacht dabei wie ein Depp.

Sodala, das war jetzt die routinemäßige Preißnbeschimpfung, jetzt kommt der pädagogische Teil:
Ein schiefes Ding, Blume oder Bild oder was, hinrichten (also in die gewünschte Ordnung bringen) ist ganz normaler Sprachgebrauch in Bayern. "Richten" überhaupt als Bezeichnung für Reparieren ist geläufig, trotz des Reparaturverbots in der Bibel: "Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet".
"Muschi" ist im Bairischen nichts anderes als die kosende Bezeichnung für eine Katze, ähnlich dem englischen "pussy". Abgeleitet davon ist es auch die kosende Bezeichnung für eine Frau oder ein Mädchen, und zwar für eine Frau in toto. Ich kannte einst ein Mädchen, das von ihrer Familie und all ihren Bekannten ganz selbstverständlich "Muschi" gerufen wurde und kein Schwanz hat sich etwas Obszönes dabei gedacht. Daß "Muschi" auch das weibliche Geschlechtsteil bezeichnet, ist ein relativ später Import aus dem Norden, womöglich indirekt aus dem Englischen.
Auch dieses "es mit einem machen" und dabei unter "es" den Geschlechtsverkehr verstehen, ist aus dem Norden importiertes Schwiemeldeutsch. Der Baier führt da eine geradlinigere Sprache, er spricht von gamsen, schnackseln, pudern [2]. Der Preiß aber is a Sau, die bei allem möglichen dreckig lacht und der Baier muß es ausbaden.
Es ist 1 Schande, daß ich auf meine Alten Tage jetzt noch den Stoiber verteidigen muß.

Seit einiger Zeit jedoch ist die Muschi Zug um Zug bis nach Österreich gedrungen.
Wer hier singt ist Elisabeth (Lisl) Gehrer, ehemalige österreichische Kultusministerin.
Sie hat das Lied vor ihrer Karriere als Politikerin aufgenommen, als sie noch Sängerin und dann Darstellerin in Soft-Porno-Filmen von Franz Antel war: "Frau Wirtin hat auch einen Grafen", "Frau Wirtin bläst auch gern Trompete", "Liebe durch die Hintertür" oder "Wenn Mädchen zum Manöver blasen".
Tu felix austria.
Daß irgendwann eine ähnliche Aufnahme von Ursula von der Leyen auftaucht, wird wohl ein Traum bleiben. Für solche bezaubernden Inkonsequenzen und Brüche ist der Preiß viel zu geradlinig. ("Ich versteh das nicht, ich bin aus Hannover" - Bülent Ceylan.)

Man erinnert sich vielleicht an den "Prinzen von Homburg" (von Kleist). Dieser handelt als Truppenführer einem Befehl des Kurfürsten zuwider; aus schlafwandlerischer Verwirrung heraus, nicht aus aufsässiger Gesinnung heraus, wie oft geschrieben wird. Er gewinnt mit diesem befehlswidrigen Handeln die Schlacht und wird vom Kurfürsten zum Tode verurteilt. Befehl ist Befehl und Kotzequenz unser Gott.
In Österreich gab es den Maria-Theresia-Orden. "Er war bis zum Ende der Habsburgermonarchie die höchste Tapferkeitsauszeichnung des Landes." (...) "Diese besondere Auszeichnung wurde für aus eigener Initiative unternommene, erfolgreiche und einen Feldzug wesentlich beeinflussende Waffentaten, die ein Offizier von Ehre hätte ohne Tadel auch unterlassen können, verliehen."
Das heißt, der höchste militärische Orden im alten Österreich wurde an den verliehen, der ohne Befehl oder gar befehlswidrig handelte und damit Erfolg hatte. Völlig inkonsequent, die Sache. Österreichisch halt, bairisch, mediterran.
Oder nimm die Geschichte mit Peppone (den aus den Don-Camillo-Geschichten). Als sein kleiner Sohn auf den Tod liegt kauft dieser Kommunist und Atheist eine riesige Kerze, schleicht nachts in die Kirche und entzündet die Kerze vor der Madonna (ausdrücklich nicht vor ihrem Sohn, denn der hält es zu sehr mit der Reaktion). Ein völlig irres Verhalten für einen konsequent denkenden Menschen. Peppone aber hat es in diesem Moment geholfen.
Der Balkan fängt irgendwo in der Gegend von Tirschenreuth an, die nördliche Küstenlinie des Mittelmeers liegt in der Gegend von Regensburg. Wer nördlich davon aufgewachsen ist, wird die charmanten Inkonsequenzen dieser Lebensart nie wirklich verstehen können, es wäre denn, eine südliche Muse hätte sich einst verflogen und ihn in der Wiege schon sanft auf die Stirne geküßt.

Und weil ich schon dabei bin und es jetzt auch nicht mehr drauf zammkommt: Das bairische Wort "Fotzn" hat ebenfalls nichts mit dem weiblichen Geschlechtsteil zu tun, es meint das Antlitz, lateinisch "facies" (ja, der Baier ist vornehm, hier spricht noch der letzte Kuhhirte Latein), beziehungsweise einen Schlag in dieses Antlitz.


[1]   Nein, Freilassing ist nicht das neudeutsche Wort für Amnestie.
[2]   Poppen ist Disco-Doitsch.

Freitag, 30. September 2011

Love Story

Neulich habe ich einen Leitenden Angestellten eines großen Buchverlags mit angeschlossener Filmproduktion besucht. "He, Leitender Angestellter", sagte ich, "ich hab da eine wahnsinnig gute Idee für einen Roman oder ein Drehbuch."
"Aha", sagte der Leitende Angestellte, "erzählen Sie mal."

Einem lebensweisen Menschen ist klar, daß mein Besuch in diesem Verlag eine erfundene Geschichte sein muß. Kein Leiter oder auch nur Halbleiter eines Medienunternehmens wird einem Unbekannten, der vorgibt, eine gute Idee zu haben, zum Weitersprechen ermuntern. Jeder Angestellte eines Medienunternehmens träumt zwar davon, einmal im Leben ein neues Genie zu entdecken, aber niemand will das wirklich. Genie-Entdecken ist wie Goldsand-Sieben, die Mühe macht sich keiner mehr, der einen festen Arbeitsvertrag hat.

Wie auch immer: Ich trage also dem erfundenen Leitenden Angestellten meine Idee vor:
"Die Geschichte handelt von einer Nonne", sage ich und sehe, wie der Leitende Angestellte im Stuhl zusammensackt. "Diese Nonne verliebt sich in einen Arzt, wird seine Geliebte, verläßt das Kloster und heiratet ihn."
Der zusammengesackte Medienmann richtet sich in seinem Chefsessel auf und sieht mich an, wie man einen völlig Verrückten anschaut, von dem man nicht genau weiß, ob er eine Pistole bei sich trägt.
"Äh", sagt er in sanftem Ton, um mich nicht zu provozieren, die eventuell vorhandene Pistole zu ziehen, "diese Geschichte gibt es schon. 87mal als Roman und 218mal als Film."
"Ja, schon", antworte ich, "aber meine Geschichte handelt von einer 63jährigen Äbtissin und einem 72jährigen Arzt. Der Arzt ist seit kurzem verwitwet, sucht im Kloster Trost und Beistand und verliebt sich dabei..."
Der Leitende Angestellte hat inzwischen meine Kleidung mit den Augen abgetastet und ist jetzt sicher, daß ich keine Pistole bei mir habe.
"Hören Sie mal", sagt er, "Seniorengeschichten laufen inzwischen ja recht gut, auch über Seniorensex ließe ich mit mir reden. Aber Ihre Geschichte ist so was von an den Haaren herbeigezogen, so unrealistisch, so ein hanebüchener Scheißdreck, daß es nicht zu sagen ist."
Er atmet schwer, wahrscheinlich ist ihm grade eben der Gedanke gekommen, daß ich vielleicht einen winzigen Colt Derringer bei mir haben könnte.
"Ach, übrigens", fügt er hinzu und spielt mit einem langen, scharfgeschliffenen Brieföffner, "die Tür ist zwei Meter hinter ihnen."

In diesem Moment bedauere ich es aufs Höchste, meinen Colt Derringer nicht eingesteckt zu haben und verlasse das Büro.


Donnerstag, 29. September 2011

Verbotene Liebe

Es ist inzwischen gute 10 Jahre her, damals wohnte ich aus beruflichen Gründen vor­übergehend bei meiner Mutter.
Ich hocke also eines Tages beim Abendessen in der Küche, während meine Mutter im Wohnzimmer gerade eine Vorabendserie mit Werbeumrahmung guckt. Plötzlich höre ich vom Fernseher einen Sprecher fröhlich quaken: "Verbotene Liebe mit Maggi-To­ma­ten­ket­chup macht einfach Spaß".
Eine ganze Weile sitze ich da wie vom Donner gerührt, entschließe mich dann aber, das Ganze auf einen Hörfehler meinerseits zu schieben, zu unglaublich erscheint mir das Gehörte. Tags drauf jedoch, gleiche Szene, gleicher Spruch. Und diesmal habe ich mich mit Sicherheit nicht verhört.

Ich möchte mich jetzt nicht weiter drüber auslassen, wie "verbotene Liebe mit Maggi-Tomatenketchup" rein technisch aussehen könnte, gestatte mir in diesem Zusammenhang lediglich die Anmerkung, daß es für den männlichen Maggi-Liebhaber möglicherweise - im Wortsinne - sehr eng werden könnte. Aber gut: Jeder Erwachsene kann und muß wissen, was er macht und vielleicht ist in diesen Zeiten von AIDS der Sex mit Tomatenketchup tatsächlich die gesündere Alternative zu promiskem Geschlechtsverkehr mit Frauen oder Männern, gleich welchen Geschlechts.

Kann sein.

Was ich aber nicht - und zwar überhaupt nicht - verstehen kann, ist die Tatsache, daß man einen dermaßen frivolen Werbespot im Vorabendprogramm bringt, zu einer Zeit also, da viele Jugendliche, ja Kinder, noch fleißig am Gucken sind. Man muß die Kids doch wirklich nicht auf derartige Gedanken bringen!
Es gab mal Leute - und es gibt sie dem Vernehmen nach immer noch - die Tomatenketchup essen. Vielleicht sollte die Firma Maggi ihre Kunden mal darauf aufmerksam machen.


Apropos Schweinereien und Maggi. Der Dramatiker und Lyriker Frank Wedekind hat in den Stücken "Lulu", "Frühlingserwachen" und "Der Marquis von Keith" die Grenzen seiner Zeit bei der Darstellung von Sexualität ausgereizt und mehr als einmal überschritten.
Die meisten werden das wissen.
Was viele vermutlich nicht wissen ist, daß Wedekind als junger Mann (als Schriftsteller noch völlig unbekannt) der erste Werbechef der Firma Maggi war, wahrscheinlich einer der ersten Menschen überhaupt, die in der Konsumartikelwerbung arbeiteten. Firmenchef Julius Maggi war begeistert von ihm und seinen Werken.
Diesem Gedicht etwa:
"Vater, mein Vater!
Ich werde nicht Soldat,
Dieweil man bei der Infanterie,
Nicht Maggi-Suppen hat."

"Söhnchen, mein Söhnchen!
Kommst du erst zu den Truppen,
So ißt man dort auch längst nur
Maggi's Fleischconservensuppen."

Man kann also auch ohne Schweinereien für Maggi Reklame machen.

Dienstag, 20. September 2011

Freitag-T-Shirt

Seit einiger Zeit wird auf der Website der Wochenzeitung FREITAG das neueste T-Shirt der FREITAGs-Kollektion angeboten, das folgendes Motiv vorne drauf hat:

Leute, ich werde dieses T-Shirt nicht kaufen.
Zum einen trage ich grundsätzlich keine Botschaften spazieren, die ich nicht verstehe. Für mich sind die Inschriften in der Karikatur schwerer zu entziffern als die Namen böhmischer Dörfer.
Zum anderen ist der Strich des Karikaturisten so was von uninspiriert und plump. Wäre ich Chefredakteur, so würde ich einen Karikaturisten, der mir öfter so was abliefert, rauswerfen.
Zum dritten schließlich... Ich kann wie gesagt, die Inschriften nicht entziffern, vermute aber, es handelt sich bei der Gestalt des Bilderbuchzuhälters mit seiner Feuermelder-Fresse [1] um die Allegorie des ägyptischen Volkes, welches einem mickrigen Mubarak Bescheid stößt. Und dieser Mubarak...
Als ich das Bild zum ersten Mal sah, war - noch ehe mir der Zusammenhang des Bildes klar war - mein erster spontaner Gedanke: Was für eine miese antisemitische Hetzkarikatur. Die Auflösung des Bildes ist nicht besonders gut, ich habe keine bessere im Netz gefunden, aber der kleine Herr links sieht mit seiner Hakennase und den Riesenohren aus wie der Haßjude in den Karikaturen der Naziblätter.
Nun unterstelle ich dem ägyptischen Zeichner keinen Antisemitismus, Araber sind ja selber Semiten und Mubarak ist kein Jude. Die Karikatur mag in Ägypten unschuldig wirken, da sie vermutlich dort keine Assoziationen weckt. In Deutschland dagegen sollte man genauer hinschauen und sensibler sein.
Ginge ich mit diesem T-Shirt spazieren, dann könnte es mir passieren, daß mich einige Glatzen - die den Entstehungszusammenhang der Karikatur ja nun gar nicht kennen (können) - schulterklopfend auf ein Bier einladen.



[1]        Zur Erklärung: Feuermelder-Fresse - Reinhauen und weglaufen.

Montag, 19. September 2011

Sicherheitskräfte

Im Deutschlandfunk hörte ich in den 18.00 h-Nachrichten, im Jemen hätten die Sicherheitskräfte heute 24 Demonstranten getötet.

Sicherheitskräfte.

Wie sich die jemenitischen Unsicherheitskräfte aufführen, will ich gar nicht erst wissen.

Samstag, 17. September 2011

OTSAPPHTIS

Amerikanische Wissenschaftler (wer sonst?) haben festgestellt, daß der griechische Gott Dionysos, der Gott der Sinnenfreude und des rauschhaften Lebensgenusses in archaischen, vorklassischen Zeiten noch den Namen OTSAPPHTIS trug.

Nun, wir wissen es alle, die griechische Kultur und Religion ist untergegangen. Im heutigen Griechenland lungern bärtige Popen in zweifelhaften Kaschemmen, die sie "Kirchen" nennen, herum, vorbei die Alten Zeiten.

Aber... was die Wenigsten wissen werden: Nördlich der Alpen gibt es ein Millionendorf, das der Tarnung halber nach Mönchen benannt ist. Einmal im Jahr findet dort ein Fest statt, auf welchem dem Alten Gotte Dionysos gehuldigt wird. In einem, dem Christen obszön anmutenden Ritual eröffnet der Häuptling dieses Dorfes das Fest. Mit einem schweren Holzschlegel rammt er einen symbolischen Penis, Zapfhahn(!) genannt, in die ebenso symbolische Vagina einer symbolischen Frau, Banzen genannt, und läßt damit 15 Tage lang den Lustsaft fließen.

Wie letztes Jahr so hat auch heuer, also heute, der Häuptling nur zwei Schläge gebraucht, den Banzen zu entjungfern. Ist die Hierogamie, die Heilige Hochzeit, der... äh, Anstich, vollzogen, dann reckt der Häuptling den Schlegel triumphierend in die Höhe und ruft laut den uralten Namen des Gottes in den Saal:
Otsapphtis!

Anschließend füllt er zwei tönerne Krüge, reicht, als Geste allwährender Versöhnung, den ersten Krug dem König des Umlandes, auf daß dieser den ersten Schluck tue. Gemeinsam plaudernd leeren dann Häuptling und König ihre Krüge.