Sonntag, 22. Dezember 2013

Und die Bibel hat doch recht

Whistleblowing: Manning, Assange, Snowden und all die anderen - gerechtfertigt vor Gott.


Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was ihr hört in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
Matth. 10,27

Freitag, 16. August 2013

Ein toter Fisch in der Seilbahn

Pulcinella bavarese  - So tot kann doch kein Fisch sein, daß ich ihm lange nachwein... Ein völlig belangloser Beitrag


Gemeinhin wird in Liedern das herzallerliebste Schatzilein (männlich oder weiblich) besungen, ein Sonnenauf- oder -untergang oder Lützows Wilde Verwegene Jagd.
Manchmal aber - selten, aber gelegentlich eben doch - ist ein toter Fisch das Objekt des Interesses.

So, und jetzt frägt sich wahrscheinlich so mancher, woher er die Melodie kennt.

Tudelu - wer kommt drauf?

Bevor einer vor lauter Ich-komm-nicht-drauf platzt...

Das Lied wurde 1880 aus Anlaß der Eröffnung der Seilbahn (der funiculare) auf den Vesuv geschrieben.

So schlecht schaugt der Pulcinella mit Lederhosen doch gar nicht aus. Oder?
http://theodor-rieh.de/heinrich/Bilder/Napoli-Bavaria.gif
"I Bavaresi sono i napoletani di Germania. È sempre il Sud." (Giancarlo Magalli)
Übersetzung: Die Bayern sind die Neapolitaner Deutschlands. Es ist immer der Süden (der geringschätzig betrachtet wird).

Samstag, 6. Juli 2013

Im Paradies

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Das alleine wäre auf Dauer langweilig gewesen, so daß er in den folgenden Tagen jeweils einen draufsetzte, was zur Schaffung von Tag und Nacht, Land und Meer, Pflanzen und Tieren, Adam und Eva führte.
Gott besah sich das Geschaffene und er sah, daß es gut war.
Es war eine still verträgliche Welt, die Gott da erschaffen hatte. Man lebte friedlich mit- und nebeneinander, keiner fraß den Anderen auf.
"Ja, hier läßt es sich wohlsein", sagte die eng an einen Löwen gekuschelte Gazelle. "Doch, nicht schlecht hier", stimmte der Löwe zu, genüßlich an einer Banane kauend.
"Hm, recht ordentlich", brummte auch Adam zufrieden. "Besser kann's nirgends sein."
"Ob das nicht ein bißchen vorlaut ist?" meinte Eva spitz. "Wo du doch keine Ahnung hast, wie's anderswo aussieht?"
Sie hatte noch eine weitere Bemerkung auf der Zunge, aber ein flammender Blick Gottes brachte sie zum Schweigen.
Gott nämlich, der eben in lächerlichen sechs Tagen einen ganzen Kosmos aus dem Nichts erschaffen hatte, verspürte keine Lust, sich die Nörgeleien einer Menschin anzuhören, die nichts geleistet hatte, außer Löwen zu kraulen, Bananen zu essen und sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen.
"Dir..." Gott drehte sich zornig in Richtung Eva und richtete den Zeigefinger auf sie, dann auch auf Adam. "Und dir. Euch sage ich folgendes: Eßt von diesen Pflanzen, wann immer ihr hungrig seid!" Dabei deutete er mit einer ausgesprochen aggressiven Geste auf Gräser, Büsche und Bäume.
"Danke schön", sagte Adam, während Eva ein renitentes "Na ja, nun" murmelte.
"Aber", fuhr Gott fort, "von diesem..." Unschlüssig drehte er sich um die eigene Achse, entschied sich dann und deutete auf einen Apfelbaum: "Ah, genau: von diesem Baume jedoch sollt ihr nicht essen."
"Warum nicht?" fragte Eva.
"Darum nicht!" schnappte Gott entnervt und ging, seinen wohlverdienten Nachschöpfungsschlaf zu halten.

Geraume Zeit ging ins Land; Zeit, die sich dank der perfekten und deshalb ereignislosen Harmonie des Paradieses schwer in Monaten oder Jahren ausdrücken läßt.
Eva und Adam lagen im Gras, kauten gemächlich an einer Banane und betrachteten konzentriert ein Wölkchen, das über einen ansonsten blauen Himmel zog.
Ein leises Rascheln im Gras ließ sie träge zur Seite blicken. Eine Riesenschlange kam geschäftig auf sie zugekrochen.
"Wer bist denn du?" fragte Adam.
"Je nun. Eine Schlange, denke ich."
"Ich dachte mehr an deinen Namen."
"Ach, Namen. Namen! Äh, genau: Meier."
"Tach, also, Meier", sagte Adam, wandte sich von der Schlange ab und vertiefte sich weiter in den gemächlichen Verzehr seiner Banane.
"Äh, ja, warum ich gekommen bin..." wanzte sich die Schlange Meier an Adam ran, "...ist Folgendes: Diese Dinger da..." Die Riesenschlange machte eine unbestimmte Bewegung in Richtung auf einige herumstehende Bäume. "Diese... äh, Äpfel schmecken absolut köstlich."
"Wir sind im Paradies, Meier", mischte sich Eva in das Gespräch ein. "Alles schmeckt hier absolut köstlich."
"Freilich... äh, ...freilich. Nur: Diese Äpfel dort schmecken besonders köstlich."
"Wenn alles hier absolut köstlich schmeckt, dann können deine Scheiß-Äpfel nicht besonders gut schmecken."
"Eben, eben, Eva. Wenn..."
Das war mehr, als Eva vertragen konnte. "Hör zu, du Kriechtier! Ich, Eva, die Einzige, habe seit weiß Gott wie langer Zeit alles an Früchten durchprobiert, was nur irgend wächst im Paradies. Und ich sage dir, Meier: Alles, aber auch wirklich alles, schmeckt gleich köstlich! Absolut köstlich!"
"Richtig, Eva. Alles - bis auf die Äpfel dort."
"Sagst du!"
"Sage ich, der ich sie probiert habe", trumpfte Meier auf. "Eine Erfahrung, die dir fehlt."
"Weil Gott es uns verboten hat, du Schwachkopf."
"Ich weiß," flötete die Schlange. "Und warum, meinst du, hat er es euch verboten, hm?"
"Mein Gott, weil er sauer war."
"Von wegen 'sauer'! Er hat euch diese Äpfel deshalb verboten, weil sie bei weitem das Allerbeste sind, was in diesem Paradies an Eßbarem zu haben ist. So sieht's aus."
"Und warum", mischte sich Adam ein, "hätte er das machen sollen? Wo er doch ein Paradies für uns erschaffen hat, in dem es sich leben läßt und wir die Krone der Schöpfung sind."
"Er ist manchmal etwas eigen. Ist euch das noch nicht aufgefallen?"
"Ich bleibe dabei: Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum ausgerechnet die Äpfel dieses einen Baumes besser sein sollen, als alle anderen Früchte."
"Es gibt auch keinen vernünftigen Grund für das Verbot, solange man annimmt, daß alle Früchte gleich gut sind."
Die Wucht dieser Argumentation hatte Eva die Sprache verschlagen.
"Du meinst... ?"
Die Schlange nickte. "Probieren geht über studieren."
"Das aber ist uns verboten."
"Dadurch kommt ihr natürlich nie dahinter, was euch entgeht, gell? Raffiniert eingefädelt vom Alten."
Nach einer langen, zergrübelten Pause stand Eva schließlich mit einem energischen Ruck auf. "Also, ich will es jetzt wissen. Ich hole mir einen Apfel."
"Nein, das wirst du nicht tun!"
Es dauerte einige Lidschläge lang, ehe Adam klar wurde, daß die Worte, die ihm aus dem Herzen gesprochen waren, gar nicht von ihm gekommen waren.
Sondern von einem großen, dicken, rosafarbenen Schwein mit schwarzem Hut.
Unbeachtet von der diskutierenden Dreiergruppe hatte das Schwein hinter einem Strauch gelegen, hatte mit den Augen die vorbeiziehenden Wolken betrachtet und mit den Ohren die hinter ihm sich entspinnende Unterhaltung verfolgt. Ernst, aber gelassen kam es näher.
"Keinen einzigen dieser Äpfel", wandte es sich an Eva, "wirst du vom Baum pflücken..."
"Werd' ich doch!" schnappte Eva.
"...geschweige denn essen."
"Und wer will mir das verbieten?"
"Ich, Eberhard Pirzer, verbiete dir das", meinte das Schwein, um dann hinzuzufügen: "Und Gott, der Herr, natürlich."
"Das!" brüllte nun Eva wütend, "werden wir ja sehen." Und sie erhob sich in all ihrer hutlosen Nacktheit, wütend über das dreiste Schwein.
Eberhard Pirzer blickte auf die grünen und stillen Büsche der Umgebung, steckte die Pfote in seine Schnauze und gab einen kurzen, schrillen Pfiff von sich.
Die Büsche blieben auch nach Eberhards Pfiff grün, hatten aber aufgehört, still zu sein. Ein Rascheln war hinter dem einen Busch zu hören, ein Scharren hinter einem anderen. Ein Rascheln und Scharren, das rasch anwuchs und schließlich die grünen Büsche rosa färbte, indem sie sich teilten. Heraus kamen Schweine; wahnsinnig viele große, rosafarbene Schweine mit schwarzen Hüten.
Eberhards weitläufige Mischpoke.
Ein Wink Eberhards und die ganze, rosafarbene Bande war beim Apfelbaum. Die schlankeren, wendigeren Schweine schwangen sich auf die Äste und kletterten behende wie Affen in der Krone herum. Andere, stämmigere, packten herunterhängende Äste und schüttelten sie, was das Zeug hielt. Es dauerte keine fünf Minuten und der schöne, große Apfelbaum war ratzekahl leergefressen.
Die Schlange Meier machte, daß sie davonkam.

Noch heute sagt man zu jemandem, der vor großem Unglück bewahrt wird, er habe Schwein gehabt.

Dienstag, 25. Juni 2013

Kaspar Hauser + 17. 12. 1833

Eine Fußnote zur Weltgeschichte

Vor fast 180 Jahren, am 17. 12. 1833, erlag Kaspar Hauser, Findling von Beruf, in Ansbach den Verletzungen, die ihm drei Tage zuvor bei einem Messerattentat im ansbachischen Hofgarten zugefügt worden waren.

Mein Name ist Hauser, ich weiß von nichts


Fünfeinhalb Jahre zuvor, am 26. 5. 1828, ist besagter Kaspar Hauser vom Licht dieser Welt erblickt worden, dergestalt nämlich, daß er Gegenstand eines amtlichen Aktenvermerkes wurde; eine Aufmerksamkeit, welche dem damals ca. 16 Jahre alten Halbwüchsigen niemals zuvor zuteil geworden war.
File:Kaspar hauser.jpg
Der sechsundzwanzigste Mai des Jahres Achtzehn­hun­dert­achtundzwanzig war ein wunderschöner Frühlingstag und Pfingstmontag dazu. Welche beiden Umstände dazu führten, daß die weiland Freie Reichsstadt Nürnberg - eine im Verhältnis zu ihrer damaligen Bevölkerung (ca. 30.000 Einwohner) ohnehin sehr weitläufige Stadt - am Nachmittag recht wundersam still und menschenleer war, allweil der große Teil der Einwohner auf das Land und in die umliegenden Ortschaften sich zerstreute.
An diesem faulen Feiertagsnachmittag - so gegen 16.00 Uhr - tritt eine merkwürdige Gestalt auf zwei Nürnberger Schuhmachermeister zu, die am Unschlittplatz - unweit der Pegnitz und der westlichen Stadtmauer gelegen - einen müßigen Plausch halten, und spricht sie an. Wobei "treten" und "sprechen", genau besehen, schon zuviel gesagt ist. In "höchst auffallender Haltung des Körpers" vielmehr stand der Ankömmling da und mühte sich, einem Betrunkenen ähnlich, zu gehen, ohne dabei aber seine Füße in der üblichen Zweibeinerweise regieren zu können. Die beiden Handwerker gehen der merkwürdigen Gestalt entgegen, welche ihnen einen versiegelten Brief entgegenhält und etwas brabbelt von "Neu-Tor" und "A söchtener Reiter möcht i wähn, wia mei Votta wähn is". Auf Fragen antwortet er mit "woaß nit", "hamweisen" und den bereits genannten Worten. Auch greift er einzelne Worte aus der Rede der Schuster auf und plappert sie in mehrfachen Wiederholungen nach. Mehr ist aus dem seltsamen Vogel vorerst nicht rauszubringen, so daß man ihn zur Torwache an besagtem Neu-Tor geleitet. Auch dort wird man mit diesem Fall nicht recht glücklich. Der versiegelte Brief - soviel stellt man fest - ist adressiert "An Tit. Hr. Wohlgebohner Rittmeister bey der 4ten Esgataron (Eskadron) bey 6ten Schwolische (Cheveaulègers = leichte Kavallerie) Regiment in Nierberg". Nachdem man den Unbekannten eine Zeitlang vergeblich zu verhören versucht hat, schickt man ihn zu besagtem Rittmeister, einem Freiherrn von Wessenig, welcher ganz in der Nähe des Neuen Tores wohnt. Der öffnet den Brief und findet darin folgenden, in gotischer Frakturschrift verfaßten Text:
                   Von der Bäiernschen Gränz
                  Daß Orte ist unbenannt
1828

    Hochwohlgebohner Hr. Rittmeister!
 Ich schücke ihner ein Knaben der möchte seinen König getreu dienen
   Verlangte Er, dieser Knabe ist mir gelegt worden. 1812 den 7. Ocktober, und ich selber ein armer Taglöhner, ich Habe auch selber 10 Kinder, ich habe selber genug zu thun, daß ich mich fortbringe, und seine Mutter hat mir um Die erziehung daß Kind gelegt, aber ich habe sein Mutter nicht erfragen Könen, jetz habe ich auch nichts gesagt, daß mir der Knabe gelegt ist worden, auf den Landgericht. Ich habe mir gedenckt ich müßte ihm für mein Sohn haben, ich habe ihm Christlichen Erzogen, und habe ihm Zeit 1812 Keinen Schrit weit aus dem Haus gelaßen daß kein Mensch nicht weiß da von wo Er auferzogen ist worden und Er selber weiß nichts wie mein Hauß Heißt und daß ort weiß er auch micht, sie derfen ihm schon fragen er kan es aber nicht sagen, daß lessen und schreiben Habe ich ihm schon gelehrte er kan auch mein Schrift schreiben wie ich schreibe, und wan wir ihm fragen was er werde so sagte er will auch ein Schwolische werden waß sein Vater gewessen ist. Will er auch werden, wer er Eltern häte wir er keine hate wer er ein gelehrte bursche worden. Sie derfen im nur was zeigen so kan er es schon. Ich habe im nur bis Neumark geweißt da hat erselber zu ihnen hingehen müßen ich habe zu ihm gesagt wen er einmal ein Soldat ist, kome ich gleich und suche ihm Heim sonst häte ich mich Von mein Hals gebracht
Bester Hr. Rittmeister sie derfen ihm gar nicht tragtiren er weiß mein Orte nicht wo ich bin, ich habe im mitten bei der nacht fort gefürth er weiß nicht mehr zu Hauß.
Ich empfehle mich gehorsamst
Ich mache meinen Namen nicht
Kuntbar den ich Konte gestraft
werden
Und er hat Kein Kreuzer geld nicht bey ihm weil ich selber nichts habe wen Sie im nicht Kalten so müßten Sie im abschlagen oder in Raufang auf henggen
Diesem Brief des Aussetzers beigelegt ist ein Zettel, auf welchem in lateinischer Schrift zu lesen steht:
   Das
Kind ist schon getauft
sie Heist Kaspar in Schreib
name misen sie im selber
geben das Kind möchten
Sie auf Zihen sein Vater
ist ein Schwolische gewesen
wen er 17 Jahr alt ist so
schicken sie im nach Nirnberg
zu 6ten Schwolische
Regiment da ist auch sein
Vater gewesen ich bitte um
die erzikung bis 17 Jahre
gebohren ist er am 30 Aperil
1812 im Jaher ich bin ein
armes Mägdlein ich kan
das Kind nicht ernehren
sein Vater ist gestorben

Eine rührende Story mit Haken


Eine rührende Story, welche die beiden Briefe hier erzählen. Da ist ein armes Mägdlein von einem Soldaten geschwängert worden, welcher alsbald starb und die ledige Mutter hilflos mit dem Kind zurückließ. In ihrer Not legt das Mägdlein einem nicht minder armen Taglöhner das Kind vor die Tür. Dieser - ein zehnfacher Vater, den die Not selber arg bedrängt - nimmt das Kind tatsächlich auf, zieht es groß, verheimlicht seine Existenz aber vor den Behörden und vor den Nachbarn, läßt es all die langen Jahre eingesperrt im Haus, bringt es nunmehr in die menschliche Gesellschaft zurück.
Noch ehe man von Kaspar Näheres über die Umstände seines Vorlebens erfahren kann, machen die Schriftstücke stutzig. Zum einen ist die Handschrift beider Botschaften - wenngleich in verschiedenen Schriftarten verfaßt - einander recht ähnlich. Später gemachte graphologische Gutachten erhärten diesen Verdacht. Das Papier ist von gleicher Beschaffenheit bei beiden Schriftstücken, vom äußeren Eindruck her ist es auch die gleiche Tinte (chemische Analysen wurden damals natürlich nicht gemacht; heute sind uns nicht mehr die Originale, sondern lediglich - angeblich gut gemachte - Faksimile-Kopien erhalten). Der Mägdleinszettel, der von sich behauptet, 1812 verfaßt und dem Baby beigegeben worden zu sein, war mitnichten vergilbt, vielmehr kaum älter als der eigentliche Brief. Zudem war dieser Zettel in lateinischer Schrift abgefaßt, einer Schrift also, welche damals in den Volksschulen gar nicht gelehrt wurde. Die übliche Schrift war noch die gotische Fraktur der Luther-Zeit (nicht, wie oft angenommen wird, die eckige Sütterlin-Schrift, welche noch unsere Eltern und Großeltern lernten. Ludwig Sütterlin, 1865 - 1917, erfand seine Schrift erst sehr viel später). Überdies lag 1812 das 6. Cheveaulègers-Regiment noch nicht in Nürnberg.
Der Hochwohlgebohne Hr. Rittmeister jedenfalls dürfte froh gewesen sein, daß es auch damals schon zuständige Behörden gab, denen man das Rätselkind andrehen konnte, die sich um eine - wie immer geartete - Weiterverfolgung des Falles nicht herumdrücken konnten.

Gepflegter Körper mit Impfnarbe


Kaspar landete also auf dem Polizeirevier, allwo man das Verhör der Neu-Tor-Wache wiederholte und fortsetzte. Was man zu hören bekommt, sind die bereits bekannten Worte und Satzteile, ergänzt durch Echolalien (Wortwiederholungen) ab und zu. Bedrängt man ihn, weint er, weist auch auf seine schmerzenden Füße. Gibt man ihm eine Münze zum Spielen, wird Freude erkennbar, ruft er "Roß! Roß!" Aus der willkürlichen, zufälligen Art seines Wortgebrauches läßt sich erschließen - und spätere Äußerungen Hausers stützen diese Annahme -, daß er mit den Worten keinen Sinn verbindet, daß er Geräusche in Wortform produziert, nach Art eines Papageis. Furcht, Befremden oder Verlegenheit zeigt er nicht, macht vielmehr einen äußerst stumpfen, blödsinnigen Eindruck. Als man ihm ein Glas Bier und ein Stück Fleisch anbietet, weist er dies mit Zeichen größten Abscheus von sich, ißt dann aber mit großem Appetit trocken Brot, trinkt frisches Wasser. Als man ihm - weil der Brief ja behauptet hatte, der Knabe könne schreiben - Feder, Tinte und Papier vorlegt, nimmt er die Feder recht geschickt in die Hand und schreibt in festen, leserlichen Zügen einen Namen:
KASPAR HAUSER
Dieses Schreiben aber - wiewohl recht geschickt und ordentlich - geschieht in der Manier eines mechanischen Automaten. Verstanden hat Kaspar das, was er da schrieb, offensichtlich nicht.
Seine Kleidung war nicht besonders gut, nicht mal nach damaligen Begriffen (Kleidung war damals - als der mechanische Webstuhl seine Karriere in Deutschland gerade erst begann - eine Kostbarkeit, selbst für Wohlhabende). Sein Körper aber war bei seiner Ankunft in Nürnberg reinlich und gepflegt gewesen; keineswegs verwahrlost, wie oft zu lesen steht oder in Werner Herzogs Hauser-Film zu sehen ist. Er war damals ca. 1,45 m groß und wog etwas 140 Pfund, wird auch als "sehr wohl beleibt" beschrieben. An beiden Oberarmen sind deutlich die Narben einer Pockenschutzimpfung erkennbar. Ein ausgesprochen interessanter Umstand, wenn man in Rücksicht stellt, daß die Pockenschutzimpfung erst 1796 erfunden worden war, daß sie lange Zeit noch freiwillig und kostenpflichtig und also den höheren Ständen vorbehalten war.
Wie selbst aus der Niederschrift noch zu erkennen ist, sprach Kaspar die wenigen wirren Worte in altbairischem Dialekt. Aus welchem Umstand man aber keine weitgehenden Schlüsse ziehen darf. Die Akten der ersten Hauser-Zeit sind äußerst schlampig und nachlässig geführt worden (wie schon Anselm von Feuerbach, Präsident des Appellationsgerichtes in Ansbach und also vom Fach, rügte). Was genau der neuangekommene Merkwürdling sagte, wird niemals mehr zu rekonstruieren sein. In den ersten Wochen nach seiner Ankunft aber wurde er in der Familie des Gefängniswärters Hiltel betreut, dessen Frau altbayerischen Dialekt sprach. Hier erst mag sich Kaspar dialektmäßig infiziert haben.
Außer dem Brief trug Kaspar noch ein Gebetbuch bei sich, einen Rosenkranz, einen Schlüssel, ein gefaltetes Papier mit einer geringen Menge Goldsand (das aber auch gestoßenes Opium gewesen sein könnte) und eine Menge religiöser Broschüren und Schriften, deren eines den schönen Titel trägt: "Kunst, die verlorene Zeit und übel zugebrachten Jahre zu ersetzen."

Das Biedermeier bekommt einen Medien-Star


Was nun tun mit Kaspar? Man tat, was auch heute noch in ähnlichen Fällen üblich ist: man sperrt ihn erstmal ein. Schafft ihn auf den "Luginsland", einen der Türme der alten Nürnberger Burg, der als Gefängnis für kriminellen Kleinkram dient. Dort bleibt Kaspar einige Wochen, bis zum Juli 1828. Wird betreut von Wärter Hiltel und seiner Familie, wird begafft von Nürnberg und der ganzen Welt. Binnen kurzer Zeit wird der mysteriöse Findling zu  d e m  Medienereignis dieser Jahre. (Napoleon ist seit 13 Jahren aus der Weltgeschichte verschwunden, die Revolutionswirren von 1848 liegen noch in der Zukunft; der repressive Friede der metternichschen Restaurationsepoche ist unter'm Strich halt doch recht langweilig.)
Der Wirbel erreicht einen ersten Höhepunkt, als Nürnbergs Bürgermeister Binder am 14. Juli 1828 ("Allons enfants de la patri-hi-je!") in einer "Bekanntmachung" einem großen Publikum Einzelheiten aus Kaspars Vorleben unterbreitet.

Geschichten aus der Einzelhaft


Dieser Bekanntmachung zufolge hat der damals ca. 16jährige Kaspar sein ganzes bisheriges - ihm bewußtes - Leben in einem kleinen, engen und - versteht sich - niedrigen Kerkergemach verbracht, ohne die mindeste menschliche Gesellschaft.
Das Gemach muß zu ebener Erde oder im Keller sich befunden haben, da der Boden aus festgestampfter Erde bestand, welche zum Teil mit Stroh bedeckt war. Die Decke bestand aus Holzbrettern. Zwei kleine Fenster knapp unterhalb der Decke ließen das immergleiche dämmerfahle Licht herein, was Kaspar später zu der Vermutung bringt, die Fenster seien mit Holz verschlichtet gewesen. Ein Ofen in Form eines Bienenkorbes, offensichtlich von außen beheizbar, sorgte dafür, daß es im Verließ immer gleich und - wie Kaspar meinte - behaglich warm war Nicht nur menschliche Gesellschaft mußte Kaspar in den Jahren im Kerker entbehren - selbst Ungeziefer jeglicher Art schien sich von diesem eigentümlichen Raume fernzuhalten Noch nicht mal Geräusche der lebendigen Natur drangen in Hausers Kerker, kein Vogelzwitschern, Grillenzirpen; kein prasselnder Regen und nicht mal das Donnern eines Gewitters.
Zu Essen bekam er Wasser und Brot und nur dieses und nichts sonst, welches beides er nach dem Aufwachen regelmäßig und ohne Ausnahme vorfand. Hunger litt er nie, wohl aber Durst, da der Krug recht klein gewesen war. Gelegentlich auch hat das Wasser einen eigentümlich bitteren Beigeschmack gehabt und Kaspar wurde daraufhin stets unbezwingbar müde, statt wie sonst vom Wasser erfrischt zu werden. Kaspar erwähnte diesen Umstand, nachdem er jenen Geschmack wiedererkannt hatte in einem Wasser, das ein Arzt zu Versuchszwecken mit wenigen Tropfen Opiumtinktur versetzt hatte. (Opium, das nur nebenbei, war damals von jedermann wohlfeil zu erwerben.)
Gedanken, woher dies Brot und Wasser käme, hat er sich nie gemacht, gedachte, es käme von selber. (So wie auch der gesellige Mensch der Kultur Wissenschaft erst dann treibt, wenn irgend etwas nicht stimmt. Wirtschaftswissenschaften - um nur ein Beispiel zu nennen - hat man erst getrieben, als der simple Tausch von Produkten naturwüchsig und spontan so recht nicht mehr funktionieren wollte.)  Wenn der Krug leer war, hat er ihn wieder und wieder an die Lippen gehoben, in der Hoffnung, es käme irgendwann wieder Wasser nach. Eine Verknüpfung zwischen dem Schlaf und neuerlicher Speise ist ihm nie aufgegangen.
Seine Ausscheidungen hat er in einen Kübel entleert, welcher in einer Bodenvertiefung stand und mit einem Deckel versehen war (den Kaspar auch stets und gewissenhaft nach getanem Geschäft wieder drauftat.) Das muß ihn jemand gelehrt haben; Kaspar aber kann sich daran nicht mehr erinnern. Seine Hose mußt er sich auch beim Kacken niemals ausziehen (wie auch sonst nie), da im Schritt ein langer Schlitz sich befand. Von Körperpflege wußte Kaspar nichts, war aber dennoch immer sauber und adrett.
Kaspars Haupt- und einzige Beschäftigung (wenn man vom Stoffwechsel absieht) war das Spielen mit Holztieren, zwei Pferden und einem Hund. Wobei dies "Spielen" sich darin erschöpfte, den Holztieren bunte Bänder anzulegen, sodann wieder abzunehmen, anzulegen usw., usf. Er gab ihnen auch zu essen und zu trinken, unterhielt sich auch mit ihnen (über welche Themen auch immer), bewegte sie aber nimmermehr von der Stelle, die ganzen, langen Jahre nicht. Obwohl die Pferde Räder hatten, ist Kaspar niemals lauf die Idee gekommen, sie fortzubewegen. Sogar Unbequemlichkeiten in der eigenen Körperhaltung hat er auf sich genommen, um den Dingern auszuweichen. Diese Unbeweglichkeit der Pferde findet sich wieder bei Hauser selbst. Niemals ist er aufgestanden, hat sich stets nur in hockender Stellung auf dem Boden rutschend fortbewegt, hat weder je die Wände berührt, noch gar versucht, aus dem Fenster zu sehen. Nicht mal beim Schlafengehen hat er diese Haltung aufgegeben, hat immer mit angelehntem Rücken und sitzend geschlafen. Liegen kam für ihn nicht in Frage. Diese merkwürdige Gewohnheit war allerdings auch in der allerersten Zeit seines Nürnberger Aufenthaltes nicht beobachtet worden, zumindest ist keinem der Zeugen dergleichen berichtenswert. (Und es wäre ihnen berichtenswert erschienen, wenn sie dergleichen beobachtet hätten.)
Krank war Kaspar niemals in seiner Kerkerzeit, kann sich auch an keinerlei körperliche Schmerzen erinnern. Auch hat er nie geträumt, hat dies erst nach einiger Zeit in Nürnberg gelernt.

Glaub' ich nicht - Gibt's nicht - Kann nicht sein


So bewegend und mitleiderregend diese Kerkergeschichte auch ist, bei näherem Hinsehen wird man Haken daran finden.
Hauser hätte, seinen Schilderungen zufolge, in einer extrem künstlichen Umwelt leben müssen; einer Umwelt, die in ihrer Künstlichkeit damals einfach technisch nicht machbar war. Heute wären Gehirnwäsche-Zentren denkbar, in denen dieser Grad an Perfektion erreichbar wäre - im Biedermeier nicht.
Immer wenn Hauser aufwachte, fand er frisches Wasser und neues Brot. Daraus würde folgen, daß Kaspar Hauser entweder dauernd beobachtet wurde, was einen enormen Personalaufwand bedeutet hätte (zu welchem Zweck denn? Einen lästigen Menschen wegsperren kann man viel einfacher.) Oder aber Kaspar hätte einen sehr regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus haben müssen. Dazu aber fehlten ihm die Tageszeiten als Taktgeber. (Heute wissen wir, daß die Lebensrhythmen in einem Isolierbunker absolut nicht synchron zum 24-Stunden-Takt laufen.)
Womit wir beim zweiten Problem wären: volles Tageslicht bekam Kaspar zwar nie zu sehen (der Holzstoß vor dem Fenster), andererseits aber war es im Kerker auch nie ganz dunkel. Bei der damaligen recht beschränkten Möglichkeit künstlicher Beleuchtung kann dies nur bedeuten, daß Kaspar Hauser immer am Tage - und nur am Tage - wach war. Und dies - wohlgemerkt - ganz spontan, ohne Fremdeinwirkung. (Das Opiumwasser kann in dieser Hinsicht nicht als Regler gewirkt haben. Dies Wasser trank er nach dem Aufwachen und schlief dann immer sofort wieder ein; wahrscheinlich deswegen, damit der Zimmerservice ungestört Kaspar und den Kerker reinigen konnte.) Angesichts der großen Unterschiede in den Hell-Dunkel-Perioden über die Jahreszeiten hinweg, kann sich hier aber kein entsprechender Rhythmus, der für Sommer und Winter gleichermaßen passen würde, einpendeln.
Auch die immergleiche behagliche Wärme dürfte in einem Raum mit scheibenlosen Fensterluken bei den enormen Frösten unserer Breiten kaum herzustellen sein.
Kein Außengeräusch ist zu Kaspar gedrungen. Nichts. An die Gewitter, die ängstigenden Donner wenigstens, müßte er sich erinnern können, spätestens, als er in Nürnberg erneut solche Naturerscheinungen erlebte.
Kein Kleingetier ist Kaspar aufgefallen, kein Ungeziefer hat ihn je belästigt, noch entzückendes Geziefer erfreut. Ein Unding dies, vor der Erfindung der Insektizide. Dr. Preu, einer der Ärzte, die Hauser untersucht haben, schlug hierfür die Erklärung vor, Kaspar sei durch die lange und extrem reizarme Isolierung auf die Stufe eines Kleinkindes zurückgefallen und könne sich deshalb nicht mehr dran erinnern, so wie wir die Geschichte unserer frühen Kindheit nicht mehr aus eigenem Erleben kennen. Wenn dem so wäre, dann müßten ihm aber auch die meisten anderen Details aus dieser Zeit entfallen sein.
Kaspar Hausers strenge und einseitige Diät - Brot und Wasser und dies in so radikaler Ausschließlichkeit, daß es lange Zeit brauchte, ihn Schritt um Schritt an Normalkost zu gewöhnen - würde kein Mensch, geschweige ein Kind und Heranwachsender, so lange Zeit durchhalten. Das völlige Fehlen von Vitamin C in seiner Kost hätte ihm den Skorbut an den Hals gehext, das ebenfalls fehlende Vitamin A hätte zu Nachtblindheit und schließlich Hornhauterweichung führen müssen. Kaspar aber konnte - wie noch zu zeigen sein wird - nachts geradezu gespenstisch gut sehen. Bei seiner Ankunft in Nürnberg war von Mangelkrankheiten indes nichts zu sehen. Kaspar war im Gegenteil von überreichlichem Ernährungszustand (wie man heute Übergewicht schonend formuliert): 70 kg auf 1,45 m Körpergröße, ein rechter Pummel also. Nach der medizinischen Wissenschaft dürfte Hauser eine langjährige Brot- und Wasser-Diät nicht überleben. Kaspar aber überlebte nicht nur, er blieb bei alledem auch bemerkens- und beneidenswerter gesund. Keine Art körperlichen Schmerzes ist ihm aus der langen Kerkerzeit erinnerlich.

Alles nur ein gigantischer Schabernack?


Diese Ungereimtheiten sind anderen Leuten natürlich auch schon aufgefallen. Kurze Zeit, nachdem in der Öffentlichkeit Einzelheiten über Kaspar Hauser allgemeine Verbreitung gefunden hatten, kursierten die ersten Pamphlete, in denen kluge Leute und Wichtigtuer den nachweise für die These versuchten, es sei Kaspar Hauser nichts weiter als ein Betrüger. Es hätte sich demnach ein Stritzi die ganze Geschichte lediglich aus den Fingern gesogen.
Warum aber? Um sich von den Nürnbergern durchfüttern zu lassen? Sicher ein ange­nehmeres Leben als die Arbeit auf dem Feld oder in der Fabrik; setzt aber nahezu totale und allgegenwärtige Selbstkontrolle voraus. Also auf Dauer doch wieder ein Scheiß-Job. Überdies war keinesfalls mit hinreichender Sicherheit voraus­zusetzen, daß Bürgerschaft und Behörden so reagieren würden, wie sie's dann tatsächlich taten. Hätte Kaspar nicht, bei aller Tumbheit und Unbeholfenheit einen solch gewinnenden Charme ausgestrahlt, wie er dies in hohem Grade tat, so wäre er vermutlich dort gelandet, wo unnütze Blödel für gewöhnlich landeten: im Arbeits- oder Irrenhaus. Im übrigen waren - wie noch zu zeigen sein wird - an Hauser Eigenschaften zu beobachten, die kaum simuliert werden können.
Ein gewisser Kurt Kramer hat (in einem faktenreichen, oft aber auch ärgerlichen, weil wichtigtuerischen Buch) die These vertreten, es sei Kaspar Hauser mitnichten lange Jahre in diesem Kerker gehockt, sondern kurze Zeit nur. Durch Hypnose habe man bei Kaspar Hauser eine künstliche Amnesie (Gedächtnisschwund) erzeugt, habe ihm jegliche Erinnerung an sein Leben vor dem - wahrscheinlich nur kurzfristigen -Kerkeraufenthalt durch einen posthypnotischen Gedächtnisblock geraubt. Als Motiv für diese aufwendige Aktion nimmt Kramer politische Motive an. Jene alte - schon 1832 von Feuerbach in einem streng vertraulichen Brief an die Königinmutter (von Ludwig I.) Karoline von Bayern formulierte - These nämlich, es sei Kaspar Hauser der legitime Erbe des badischen Thrones gewesen und aus dynastischen Gründen aus dem Weg geräumt worden. Später davon mehr; mehr von der Hyp­nose, mehr vor allem vom badischen Herrscherhaus.

Die trüben Quellen der Kerkergeschichte


Eine dritte Möglichkeit, die Ungereimtheiten der Kerkerschilderung aufzulösen (welche sich aber mit der Hypnose-Theorie keinesfalls zu beißen braucht), bietet sich an, wenn man die Quelle dieser Schilderung etwas näher untersucht.
Die Kerkerstory des Kaspar Hauser wurde in seinen Grundzügen und wesentlichen Einzelheiten schon in der bereits erwähnten "Bekanntmachung" von Bürgermeister Binder festgeschrieben, welche - verfaßt am 7. 7. - am 14. 7. 1828 (andert­halb Monate nach Hausers Erscheinen in Nürnberg) veröffentlicht worden war. Alle darin enthaltenen Informationen über Kaspars Kerkerzeit kann Binder nur von Kaspar selbst erhalten haben.
Nun war Kaspars Artikulationsfähigkeit bei seinem Erscheinen - wie wir gehört haben - gleich null. Er vermochte zwar Geräusche in Wortform zu produzieren, konnte sogar seinen Namen schreiben, tat aber beides offensichtlich und unzweifelhaft ohne die mindeste Vorstellung davon, was Buchstaben und Worte jeweils bedeuteten. Kaspar machte nun zwar in der Folgezeit enorm rasche Fortschritte im Erlernen von Sprache und Schrift (im November 1828 verfaßte er schon eine recht passable erste Fassung seiner Lebensgeschichte; wir werden auf diese verdächtig schnelle Lernfähigkeit noch zurückkommen). Am 11. 7. 1828 (also nachdem Binder seine Geschichte bereits geschrieben hatte) wurde Kaspar erstmalig von Paul Anselm von Feuerbach im "Luginsland" besucht.
Johann Paul Anselm Ritter von Feuerbach
Paul Anselm Ritter von Feuerbach war - neben von Savigny in Preußen - der be­deutendste Jurist und (liberale) Rechtstheoretiker und -reformer seiner Zeit. 1814 hatte er das Bayerische Strafgesetzbuch verfaßt, hatte auch die Abschaf­fung der Folter durchgesetzt, ehe ihn die ultrakonservative Hofkamarilla in München aus dem Justizministerium als Präsident an das Appellationsgericht in Bamberg, wenig später nach Ansbach abschob. Einer der kompetentesten Menschen, die sich intensiv mit Kaspar Hauser beschäftigt haben.
Dieser Feuerbach also - von dem man annehmen darf, daß er im Verhören auch schwieriger Zeugen seine Erfahrungen gehabt hat - berichtet über Kaspars sprachlichen Ausdruck zum Zeitpunkt seines ersten Besuches, es habe der Findling die wenigen Worte, die er sagen konnte, bestimmt und deutlich, ohne Stocken oder Stammeln gesprochen. An eine zusammenhängende Rede sei bei ihm jedoch nicht zu denken gewesen. Kaspars Sprache sei so dürftig gewesen wie der Vorrat seiner Begriffe. Ein und dasselbe Wort habe er häufig in den verschiedensten Bedeutungen gebraucht. Es sei unerhört schwer gewesen, ihm etwas verständlich zu machen. "Alles, was ich aus ihm herausbringen konnte, war ein so kauderwelsches, verworrenes, unbestimmtes Zeug, daß ich, mit seiner Sprechweise noch nicht vertraut, das meiste nur erraten, vieles gar nicht verstehen konnte."
Und aus diesem Zeugen hat Binder die detaillierte Gefängnisstory herausgeholt. Es darf vermutet werden, daß Kaspar das meiste davon nicht positiv selbst formu­liert hat, daß man ihm vielmehr eigene Vermutungen - getragen von herzlicher Anteilnahme an seinem Geschick - vorgelegt hat, Kaspar sie dann bestätigt hat, bzw. man glauben zu müssen meinte, aus irgendwelchen Worten eine Bestätigung herauslesen zu dürfen. (Wir erinnern uns, daß Kaspar dazu neigte, zu echolalieren, also Worte, die ihm ein Anderer vorsprach, die er aus dessen Rede heraushörte, ein- oder mehrmals nachzusprechen).
Der Argwohn, es sei in dieser frühen Phase dem extrem spracharmen Kaspar Hauser allzuviel (aber keineswegs in Fälscherabsicht, vielmehr aus unkritischer Dis­tanzlosigkeit heraus) in den Mund gelegt worden, wird auch nicht dadurch ent­kräftet, daß Kaspar später - als er längst ordentlich zu sprechen gelernt hatte, ja sogar einen passablen schriftlichen Ausdruck sich erarbeitet hatte - die Binderschen Angaben durchaus bestätigte. Man weiß heute - durch raffinierte Experimente im psychologischen Labor und durch leidvolle Erfahrung aus Gerichts­sälen - recht genau, in welch großem Umfang selbst kritische Zeugen durch sugges­tive Fragen zu beeinflussen sind, wie die Erinnerung an ein Geschehnis durch nachträglich erhaltene Informationen verzerrt und verfälscht werden kann.
(Man fragte Versuchspersonen, die im Film einen Unfall mit einem blauen Auto gesehen hatten, ob es gelb gewesen sei und erhielt einige Wochen später bei einer Nachbefragung die Antwort, es sei grün gewesen - die Mischfarbe also von gelb und blau. Oder: Läßt man die Augenzeugen eines Auffahrunfalles - im Film - die Geschwindigkeit des auffahrenden Autos schätzen, so hängt die Antwort ganz entscheidend davon ab, ob in der Fragestellung von "sich berührenden" oder von "aufeinander aufprallenden" Autos die Rede ist. Bei den Versuchspersonen dieser Experimente nun handelt es sich um erwachsene, kritikfähige Menschen, die mitten im Leben stehen; die in emotionsfreier Atmosphäre Dinge zu sehen bekamen, die ihnen wohlvertraut waren.)
Hauser, der bei seinem Erscheinen fast nichts von früher wußte und dieses Wenige noch dazu nicht ausdrücken konnte, war beim Erwachen (Wiedererwachen?) seines Verstandes, seiner Ausdrucksfähigkeit längst auf die Bindersche Geschichte vom Kerkeraufenthalt fixiert. Zu fixiert, als daß er sie noch aus kritischer Distanz heraus hätte würdigen und sachgerecht modifizieren können.

Ein wenig Bildung wird vermittelt


Es war die Bekanntmachung des Nürnberger Bürgermeisters Binder auf scharfe Mißbilligung der bayerischen Behörden gestoßen. Gerügt wurde - nicht zuletzt von Gerichtspräsident von Feuerbach - die große Voreiligkeit dieser Maßnahme, welche eine ordnungsgemäße und kunstgerechte Verfolgung dieses mysteriösen Fal­les sehr erschwere. Zwar versuchte man, die Zeitungen, in denen die Bekannt­machung erschienen war, zu beschlagnahmen, kam damit aber zu spät. Bald schon wurde die Geschichte von Kaspar Hauser in der Binderschen Version durch Zeitungen in ganz Europa (und selbst in Übersee) verbreitet. Es wurde darin auch die Geschichte von Kaspars Verbringung nach Nürnberg erzählt.
Eines Tages also kam ein Mann von mittelgroßer Statur in Kaspars Einsamkeit, war einfach da. So wenig wie Kaspar sein Verschwinden registriert hat, so wenig weiß er von einem Eintreten des Mannes zu berichten. Mit einem Male war er da. Punkt.
Nie zuvor war er eines menschlichen - ja eines lebendigen - Wesens ansichtig geworden, hatte als Welt nur sich selbst und die kümmerliche Umwelt seines Kerkers erfahren. Dennoch - und auch dieser Umstand verdient als zweifelweckende Merkwürdigkeit festgehalten zu werden - nimmt Kaspar diese dramatische Er­weiterung seines Weltbildes gelassen hin, erschrickt nicht über den Eindring­ling, wundert sich nicht. Noch nicht einmal Anstalten macht er, den so plötz­lich Erschienenen genau anzusehen; er blickt ihm bei insgesamt dreimaliger Ge­legenheit kein einziges Mal in's Gesicht. Als wenn es nie anders gewesen wäre, läßt er es geschehen, daß der plötzlich hinter ihm stehende Mann einen niedrigen Schemel vor ihn stellt, einen Bogen Papier darauf ausbreitet, auf welchen er mit einem Bleistift einige Buchstaben malt. Indem er zunächst Kaspars Hand führt, später ihn selbständig kritzeln läßt, lehrt er Kaspar, diese wenigen Buchstaben schließlich alleine "schreiben" zu können. (Was er in Nürnberg dann ja auch mit Bravour erledigte, als er auf der Polizeiwache seinen Namen schrieb.) Es kommt dem Manne bei seinem pädagogischen Unterfangen Kaspars große Freude an dieser Tätigkeit, am schwarzen Produkt auf weißem Grund, sehr entgegen. Kaspar nämlich macht, als der Mann längst wieder weg ist, mit Aus­dauer Hausaufgaben, übt sich selbständig im Schreiben, ohne dabei aber - wie gesagt - eine Vorstellung von der Schrift, ja auch nur von Sprache zu haben.
Einige Tage mochten vergangen sein, als der Mann zurückkehrte. Diesmal legt er ein Buch (!) vor Kaspar hin, deutet mit dem Finger auf eine Stelle im Buch. Er spricht Kaspar einen Satz vor (vermutlich jenen mit dem Wunsche nach kavalleristischer Ausbildung) und animiert ihn, diesen Satz nachzusprechen. Auch hier erweist sich Kaspar als gelehriger Schüler beim Nachmachen von (für ihn) sinn­losen Sachen.

Aus dem Kerker in die Stadt


Abermals einige Tage später erscheint der Mann zum dritten Male und diesmal wird es ernst für Kaspar. Der Mann weckt ihn mitten in der Nacht, nimmt ihn huckepack auf den Rücken und trägt ihn aus dem Verlies und zunächst einen hohen und langen Berg hinan. Unter'm Tragen schläft Kaspar wieder ein.
Sie gehen einen Weg, der Träger und sein menschliches Paket, einen einsamen Weg. Kein Mensch begegnet ihnen unterwegs, Häusern und gar Dörfern weichen sie aus, wenngleich sie durchaus auf Sichtweite in ihre Nähe kommen. Unterwegs bekommt Kaspar neue Kleidung verpaßt, lernt auch das aufrechte Stehen und - obwohl ihm das ob der weichen Fußsohlen sehr beschwerlich wird - das Gehen über 40 - 50 Schritt. Nach Kaspars späterer Einschätzung kann der Weg in die Stadt nicht länger als 2 Tage gedauert haben (was aber nichts besagt, da sein Schlaf künstlich verlängert worden sein kann). Nach Binders Darstellung zieht der Mann - dem Kaspar auch jetzt noch kein einziges Mal in's Antlitz geblickt hat - in der Nähe von Nürnberg den versiegelten Brief aus der Tasche, händigt ihn Kaspar aus und erläutert ihm dann (dem sprachunkundigen Kaspar!) den wei­teren Weg nach Nürnberg hinein. Nach Kaspars späterer Darstellung allerdings wurde er nach Nürnberg hineingeführt, unmittelbar an den Unschlittplatz, wo ihn sein gesichtsloser Führer dann, mit einigen Versprechungen auf Wiederkehr, stehen läßt.
Niemand allerdings - Niemand! - hat Kaspar und seinen Begleiter vor seinem offiziellen Auftauchen gesehen, noch nicht einmal die Wachen an den Stadttoren. Und dies, obwohl eine beträchtliche Summe für die Aufklärung des Hauser-Rätsels ausgesetzt war, jedem Zeugen in Sachen Kaspar Hauser darüber hinaus beträchtliche Publicity winkte.

Vom lauten Turm auf die stille Insel


Kaspars Leben auf dem Luginsland war für ihn keineswegs angenehm. Jeder, der wollte, hatte Zutritt zu ihm, konnte den merkwürdigen Bub besichtigen, begaffen, durfte wohl auch derbe Späße mit ihm treiben. Ein heilloser Kontrast zu Kaspars extrem reizarmem Vorleben; heillos selbst dann, wenn man die Geschichte vom Kerker mit Skepsis betrachtet. Das zu Erwartende tritt dann erstaunlicherweise auch tatsächlich ein (ein logischer Widerspruch, dieser Satz, der aber psychologisch durchaus einen Sinn macht. Ähnliche Mechanismen menschlicher Verdrän­gung des Unangenehmen sind auch - z. B. - beim Thema "Waldsterben" zu beob­achten): Kaspar wird krank, ein heftiges Nervenfieber packt ihn und Freiherr von Feuerbach wagt die Prognose, es würde Kaspar binnen kurzer Frist sterben oder wahnsinnig werden, wenn er nicht schleunigst in andere, private Umgebung käme.
Der Magistrat hat ein Einsehen und Kaspar wird dem - wegen Kränklichkeit in den Ruhestand versetzten - Gymnasialprofessor Georg Friedrich Daumer (damals 28 Jahre alt) zur Pflege anvertraut. (Der kränkliche Daumer wird dann immerhin noch 75 Jahre alt.) Bis zum Januar 1830 bleibt Kaspar bei Daumer.
Dieser Daumer war keineswegs ein Plattkopf, ein gebildeter und vielseitig interessierter Mensch vielmehr. Von humanistischer Denkungsart war er ein Anhän­ger der damals gerade aufgekommenen Homöopathie, liebäugelte wohl auch ein bißchen mit dem Okkultismus, schrieb Gedichte (etliche davon hat später Brahms vertont). Daumer war ein Junggeselle, lebte mit seiner Mutter und seiner eben­falls unverheirateten Schwester in einem verwutzelten Häuschen auf der Insel Schütt in der Pegnitz (mitten in Nürnberg allerdings, um von vornherein irgend­welche Vorstellungen von wildromantischer Einsamkeit zu zerstreuen). Kaspar wird - versteht sich - zum Objekt homöopathischer Experimente, erlebt aber auch menschliche Wärme und Anteilnahme und findet in Daumer einen kompetenten Lehrer für alle Künste menschlicher Zivilisation.

Zäher Speichel, tiefe Knie


Kaspars neues Leben hinterlaßt deutliche Spuren in seinem Antlitz. Während sein Ausdruck anfangs als "sehr gemein" und, wenn es in Ruhe war, "fast als ohne Ausdruck" geschildert wurde, was ihm ein "fast tierisch stumpfes Aussehen" verlieh, so ist er nach wenigen Monaten "kaum wiederzuerkennen". Von Feuerbachs früher Wunsch, man möge doch von Kaspar eine Porträtzeichnung anfertigen lassen, wurde nicht erfüllt, so daß die Nachwelt die dramatische Veränderung seiner Physio­gnomie nicht mehr nachvollziehen kann. (Das bekannte Bild Kaspars mit dem Brief in der Hand vermittelt angeblich keinen rechten Eindruck von seinem Gesicht.)
Zu "Luginslands" Zeiten war Kaspars Speichel von ungewöhnlich zäher Beschaffen­heit gewesen; in solchem Maße klebrig, daß er Bilder - die ihm von den Besuchern ge­schenkt worden waren - dadurch an die Wand kleben konnte, daß er einfach mit der Zunge darüberfuhr. Beim späteren Abziehen blieben regelmäßig Teile des Papiers an der Wand haften.
Eine weitere körperliche Absonderlichkeit wurde bei Kaspar von mehreren untersuchenden Ärzten konstatiert: seine Kniescheibe lag bei ausgestrecktem Unter­schenkel in einer beträchtlichen Vertiefung, statt, wie üblich, etwas hervorzu­treten. Wenn er mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden saß, so ging unter seiner Kniescheibe kaum noch ein Blatt Papier durch, so fest und dicht lagen die Kniekehlen auf dem Boden an. Wenn dies keine angeborene Fehlbildung der Beine war - Orthopäden könnten hier Auskunft geben -, so würde dieser Umstand die Annahme stützen, daß Kaspar doch lange, sehr lange Zeit in der beschriebe­nen hockenden Haltung zugebracht hat. Und wenn diese Fehlbildung erworben war, dann muß er sie zu einer Zeit erworben haben, als seine Knochen noch weich und formbar - also kindlich jung - waren.

Scharfe Sinne mit Magnetismus


Seine sämtlichen Sinne sind in der ersten Zeit von ganz bemerkenswerter Schärfe.
"Was das SEHEN betrifft, so gab es für ihn keine Dämmerung, keine Nacht, keine Finsternis. Im Dämmerlicht sah er sogar weit besser als am hellen Tage." Was seine Ursache darin gehabt haben dürfte, daß er sehr lichtempfindlich war, am hellen Tage ihn also die Überfülle des Lichtes blendete. Feuerbach berichtet unter anderem, daß Kaspar, bei Gelegenheit sorgfältig mit ihm angestellter Versuche, in völliger Nacht Farben, selbst verschiedene dunkle Farben, wie grün und blau, voneinander unterscheiden konnte. Auch beim Sehen in die Ferne vermochte er Einzelheiten zu erkennen, die einem unbewaffneten Auge normaler­weise verborgen bleiben.
Gleiches wird vom GEHÖR berichtet. Aus sehr großer Entfernung konnte er bei ei­nem Spaziergang die Tritte mehrerer Wanderer hören, unterschied diese auch nach der Stärke ihrer Tritte. Verständlich, daß ihn der Lärm einer großen Stadt anfangs sehr peinigte.
Sein feiner GERUCHSSINN machte ihm am meisten zu schaffen. Nahezu alle Arten von Gerüchen waren ihm widerlich, verursachten ihm Unbehagen. Beim Spaziergang über die Felder wurde ihm oft schlecht vom starken Geruche der blühenden Felder. Von einer in etlicher Entfernung geöffneten Weinflasche wurde er beschwipst; Friedhöfe mied er, weil ihn der Totengeruch gar zu unangenehm berührte.
Wer weiß, daß der GESCHMACK meist aus Geruch besteht, wundert sich nicht, daß Kaspar auch mit allerlei Speisen seine liebe Not hatte. Ganz allmählich nur - in sehr langsam sich steigernden Verdünnungen - vermochte man ihm andere Kost als Wasser und Brot attraktiv zu machen. Besonderen Abscheu hatte er vor Fleisch und Gewürzen aller Art. Mit einer Ausnahme: eine Mischung aus Kümmel, Koriander, Anis und Fenchel, mit welchem sein Brot versetzt war. Es sei auch seine gewohnte Gefängniskost mit dieser Mischung versetzt - bzw. bestreut - gewesen. (Alternative Brotbäcker haben mich aufgeklärt, daß dies eine alther­gebrachte und früher gar nicht seltene Brotwürzmischung sei.)
Das Merkwürdigste aber war wohl Kaspars Empfänglichkeit für MAGNETISMUS, den er fühlen konnte, wie in ausgeklügelten (und mißtrauischen) Experimenten nachgewiesen wurde. "Hielt Prof. Daumer den Nordpol gegen ihn, so griff Kaspar in die Gegend der Herzgrube und zog seine Weste auswärts, indem er sagte so ziehe es ihn, es gehe wie ein Luftzug von ihm aus. Der Südpol wirke weniger stark auf ihn, und er sagte von ihm: er wehe ihn an." Selbst bei Experimenten, bei denen man ihn bewußt zu täuschen suchte, konnte er stets den magnetischen Nordpol vom Südpol unterscheiden. Er konnte sogar, an der Verschiedenheit und Stärke des Zugs, den die Metalle auf seine Fingerspitzen ausübten, unterschei­den, aus welchem Stoff und von welcher Form die Gegenstände waren, die unter einem Bogen vor ihm verborgen lagen.
Im Laufe des Jahres 1828 verlor sich diese Überempfindlichkeit Kaspars bis hin zum nahezu völligen Verschwinden. Seine Sinne wurden stumpf, vor allem seit er an Fleischkost gewöhnt worden war, wie Dr. Preu in seinem ärztlichen Gut­achten schrieb. Bevor die Vegetarier nun aber zu heftig und freudig aufschreien, sei zu bedenken gegeben, daß die Fleischkost keineswegs die Ursache seiner Abstumpfung zu sein braucht, vielmehr beide Entwicklungen schlicht parallel liefen, zu gleicher Zeit stattfanden und nicht das Eine aus dem Anderen folgte. An Fleischkost konnte man ihn schließlich erst gewöhnen, als sein Geschmacks- und Geruchssinn schon weitgehend zu einem Normalmaß zurückgefunden hatte.

Die Schule des Sehens


Vorhin war von Kaspars enormer Scharfsichtigkeit die Rede gewesen, welche auch winzige Einzelheiten noch in der Ferne wahrzunehmen vermochte. Als Feuerbach Kaspar erstmalig auf seinem Turm besuchte, bat er ihn, doch einmal aus dem Fens­ter zu sehen und die wundervolle Aussicht auf die sommerliche Landschaft zu genießen. Kaspar tat ihm den Gefallen, fuhr aber sogleich mit dem Ausdruck großer Abscheu wieder zurück. Drei Jahre später fragte ihn von Feuerbach nach diesem Ereignis und Kaspar erklärte ihm: "Wenn ich nach dem Fenster blickte, sah es mir immer so aus, als wenn ein Laden ganz nahe vor meinen Augen aufge­richtet sei, und auf diesem Laden habe ein Tüncher seine verschiedenen Pinsel mit weiß, blau, grün, gelb, rot, alles bunt durcheinander, ausgespritzt. Ein­zelne Dinge darauf, wie ich jetzt die Dinge sehe, konnte ich nicht erkennen und unterscheiden."
Lange Zeit vor Feuerbach hat ein Chirurg namens Cheselden eine ähnliche Beob­achtung gemacht, als er nämlich einem jungen Mann, der von Geburt an blind ge­wesen war, den Star genommen hatte. Auch dieser Blinde mußte erst in langwieriger Übung lernen, ganz normal zu sehen. Er mußte Dinge berühren können, im Raum umhergehen, um allmählich - indem er seine übrigen Sinneserfahrungen mit dem Bild auf der Netzhaut in Zusammenhang brachte - aus den Farbflecken im Hirn ein geordnetes sinnvolles Bild zusammensetzen zu können.
Recht besehen, könnte dieser Umstand ein Indiz für die Richtigkeit der Kerkergeschichte sein. Er zeigt auch, daß Binder seinerzeit beim Verfassen seiner Bekanntmachung recht voreilig gewesen war, als er davon gesprochen hatte, Kaspar sei auf seinem Weg nach Nürnberg mehrfach in Sichtweite von Häusern und Dörfern gekommen.

Von der Mühe, die Welt zu ordnen


Wie dies ähnlich auch bei Kindern zu beobachten ist, vermochte Kaspar anfangs nicht zwischen lebenden Wesen und toter Materie zu unterscheiden. Er spricht mit dem Ofen in seinem Zimmer, mit dem Brot, hält hölzerne Pferde für ebenso lebendig wie die richtigen Rösser. Als er in einer Kirche ein Kruzifix sieht, ist er zu Tode erschrocken, bittet inständig, man möge den armen Mann doch aus seiner mißlichen und - am Ausdruck erkennbar - schmerzhaften Lage befreien. Bewegte Objekte - z. B. rollende Kugeln - hält er für lebendig, glaubt, es müsse diese Bewegung aus den Objekten selber kommen. (Bei Naturvölkern ist Ähnliches zu beobachten.) Erst durch längere, persönliche Erfahrung kann er vom Gegenteil überzeugt werden.
Zwischen Tieren und Menschen macht er keinen anderen Unterschied als den der verschiedenen Gestalt, glaubt beide von gleicher Art; die Katze möchte er vom Gehen auf zwei Beinen überzeugen, Pferden vermerkt er es übel, daß sie einfach auf die Straße scheißen, anstatt, wie er selber, ordentlich den Abtritt aufzu­suchen. Vom organischen Wachsen hat er lange Zeit überhaupt keine Vorstellung, hält alle Dinge für von Jemandem gemacht; die Blätter an den Bäumen z. B. müsse wohl irgend jemand daran befestigt haben.
Träume gar waren für ihn eine gänzlich neue Erfahrung, die er in seinem Verlies entbehren mußte. Folgerichtig hat er seine liebe Not, Traum und Realität ordent­lich auseinander zu halten, hält lange Zeit Geträumtes für tatsächlich Erlebtes. Auch hiervon kuriert ihn nur dauernde persönliche Erfahrung.

Verdächtige Fortschritte


So primitiv - und eigentlich gar nicht vorhanden - sein anfänglicher Wortschatz ist, so rasche Fortschritte macht er gerade auf diesem Gebiet. Im Novem­ber 1828 beginnt er seine Memoiren zu schreiben, ein Vierteljahr später schreibt er schon recht ordentlich. Er geht hierbei sehr handwerklich vor, überarbeitet den Text immer wieder, bis er ihn zu befriedigen vermag. (Es möchte so mancher Schmierant heutiger Zeit sich dies zur Mahnung nehmen.) Eine kleine Kostprobe: "Ich stand eine Zeitlang an der nämlichen Stelle, an welcher mich der Mann verlassen hat, bis derjenige Mann meinen Brief abnahm und mich in das Haus des Rittmeisters brachte. Als ich in dem Hause ankam, empfand ich von einer starken Stimme, die ich dort hörte, heftige Schmerzen in dem Kopf. Der Bediente setzte mich auf einen Stuhl und suchte mich auszufragen, doch ich konnte nicht mit andern Worten antworten, als mit denjenigen, die ich gelernt hatte und die ich ohne Unterschied gebrauchte, um Müdigkeit und Schmerzen auszudrücken." Und wiederum ein Vierteljahr später weiß er sein einjähriges Hiersein ganz artig zu bereimen:

Mein erstes Jahr begrüß ich heut
In Dank und Liebe hocherfreut,
Von vieler Noth und Last gedrückt,
Von heute an genieß ich was mein Herz entzückt,
Und fühl auch jetzt mich neu beglückt...

Gar nicht schlecht für Jemanden, der vor Jahresfrist noch ein lallender Idiot gewesen war.
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/32/Hauser_Kreul.jpg/220px-Hauser_Kreul.jpg
Bald auch vermag er hervorragende Bilder zu zeichnen, Aquarelle zu malen; in so guter Technik jedenfalls, einen öden Krakler wie mich vor Neid erblassen zu lassen.
Es sind diese Fortschritte so groß und sind so rasch aufgetreten, daß längeres Nachdenken darüber wohl angebracht erscheint. Mit dem Umstande, daß Kaspar mit gereiftem Körper und entwickeltem Gehirn an den Start ging, vor dem sich entwickelnden Kleinkind also einen Vorteil hatte, läßt sich diese enorme Be­schleunigung jedenfalls nicht zur Gänze erklären. Der Verdacht liegt nahe, daß Kaspar in Nürnberg nichts Neues gelernt hatte, vielmehr bereits Erlerntes, Ver­schüttetes wieder lernte. Welche Vermutung die weitere Frage nach dem Mechanis­mus dieses Wissensverlustes provoziert.
Seit etlichen Jahren schon gibt es Hauser-Forscher, welche sich in die Hypnose-Theorie festgebissen haben. Es sei, so meinen sie, bei Kaspar Hauser mittels Hypnose eine künstliche Amnesie (Gedächtnisverlust) erzeugt worden, man habe ihm suggeriert, er sei in die Zeit frühester Kindheit zurückgefallen (Regression). Einige Zeit habe man ihn dann tatsächlich im Kerker gehalten. Vor seiner Aus­setzung habe man ihm einen posthypnotischen Block suggeriert, welcher seinem Gedächtnis die Zeit vor seinem Kerkeraufenthalt unzugänglich gemacht habe. Im Traum, wo auch die hypnotische Zensur nicht immer funktioniert, hat Kaspar mehrfach von einem Schloß geträumt, von einem Wappen (zu einer Zeit, als er noch nie ein Schloß in Nürnberg von innen gesehen haben konnte).
Was immer dran ist: diese Hypothese ist wahrscheinlicher als die für bare Münze genommene Kerkerstory des Bürgermeisters Binder.

Ein Attentat


Mehr und mehr findet Kaspar seinen Platz in der Daumerschen Idylle. Er lernt mit Eifer und großer Wißbegierde, macht enorme Fortschritte auf vielerlei Gebieten. Seine ungewöhnlichen Sinnesleistungen bilden sich, je länger er dem normalen Reizpegel ausgesetzt ist, mehr und mehr zurück. Er wird zu einem fast normalen jungen Mann, nicht ganz so schlau wie die Meisten, nicht so kräftig und geschickt, immerhin aber ein artiger Zeichner und Reimer und guter Reiter dazu. Das Rätsel seiner Herkunft ist so wenig gelöst wie zu Beginn. Die Öffent­lichkeit beginnt, ihr Interesse an diesem merkwürdigen Findling zu verlieren, der Alltag geht auch in Nürnberg wieder seinen Gang. Kaspar indes kommt in eine pädagogische Wachstumskrise. Seine Wißbegierde schwindet, das Lernen fällt ihm immer schwerer. Er klagt über ein Gefühl eines schweren Druckes auf seine Stirn, welches ihn stark belastet. Regelmäßiger Unterricht ist kaum noch mög­lich.
Wir erinnern uns kurz an die Hypothese vom Wiedererlernen der durch Hypnose verlernten Fähigkeiten. Es könnte - im Rahmen dieser Hypothese - spekuliert werden, daß Kaspar nunmehr den alten Stand des Wissens wieder erreicht hatte, daß er ab jetzt tatsächlich Neues lernt. Es könnte auch der hypnotische Block in Bedrängnis geraten sein, das alte Gedächtnis vor dem Durchbruch gestanden haben. Der Druck im Kopf machte dann einen Sinn; denken Sie bloß mal an den eigenen Stress, wenn etwas quasi auf der Zunge liegt, partout aber nicht raus will aus dem Hirn.
All dies ändert sich schlagartig, als am 17. 10. 1829 ein Mordanschlag auf Kaspar Hauser verübt wird, mitten im Hause Daumer. Kaspar hatte sich in geschäft­lichen Angelegenheiten auf den Daumerschen Abtritt zurückgezogen, als ihm die besinnliche Ruhe des Stuhlgangs jäh gestört wurde. Ein Mann, ein großer schwarz­gekleideter Mann, reißt die Klotür auf und versetzt Kaspar einen Hieb quer über die Stirn, mit einem Instrument, das nach Kaspars Schilderung (und Zeich­nung) ein merkwürdiges Mittelding aus Rasiermesser und Fleischerbeil gewesen sein muß. Kaspar erleidet eine lange, heftig blutende Wunde an der Stirn, die sich aber bald als relativ harmlos herausstellt. Dieser Umstand und das nunmehr wieder zur alten Heftigkeit angewachsene Interesse der Öffentlichkeit ließen bald schon den Verdacht aufkommen, es sei das ganze Attentat nur ein plumper Bluff Kaspars gewesen um wieder in's Gerede und in die Schlagzeilen zu kommen.
Leute, die Kaspar persönlich kannten, halten wiederum dies für Unfug: es habe Kaspar viel zu viel Schiß gehabt, zuviel Angst vor körperlichen Schmerzen, als daß er solch ein Wagnis auf sich genommen hätte. Der Nürnberger Magistrat jedenfalls sah sich veranlaßt, Kaspar künftig einen Leibwächter mitzugeben.
Das Attentat zeitigte weitere Folgen: der Druck auf die Stirne war mit einem Male weg, die alte Wißbegierde, der Lerneifer stellte sich wieder ein. Und: Kaspar reagiert wieder auf Magnetismus, ein Teil der alten Hypersensibilität war erneut zu beobachten.
Möglicherweise - um nochmal auf die Hypnose zurückzukommen - hat die im Attentat liegende Drohung (das Attentat sollte offensichtlich nicht töten) den hypnotischen Block wieder stabilisiert; für einige Zeit.

Kaufmann, Freiherr, Lord


Kaspars Aufenthalt in der verwinkelten Idylle der Daumers erschien nicht mehr hinreichend sicher. So also kam Kaspar im Januar 1830 ins Haus des Nürnberger Kaufmanns Biberbach, nachdem zuvor Freiherr von Tucher zu Kaspars amtlichem Vormund bestellt worden war. Der Aufenthalt dort ist für beide Seiten nicht sehr erquicklich. Der erfolgreiche Kaufmann ist oft auf Reisen, kann sich Kaspar also kaum widmen. Seine Frau versucht dies umso mehr, sie stellt ihm sexuell nach, was wiederum den in diesen Dingen noch recht kindlichen Kaspar sehr verdrießt. Als ihn schließlich Frau Biberbach beim Magistrat als "entsetzlich lügenhaft" denunziert, nimmt ihn im Mai 1830 sein Vormund in sein eigenes Haus auf. Kaspar richtet sich bald und gut in diesem allervornehmsten Hause zu Nürnberg ein, bewegt sich gewandt und wohlerzogen in der guten und besten Gesellschaft. Der Handkuß geht ihm so locker von der Zunge wie irgendeine alberne Salon-Schmeichelei.
Im Mai 1831 nimmt Lord Philipp Henry Stanhope zum zweiten Male Aufenthalt in Nürnberg. Beim ersten Besuch hatte dieser Bilderbuch-Brite - groß, hager, reise­lustig ("Sir David Lindsay"! rufen jetzt die Karl-May-Kenner; "genau", murmle ich) - von Kaspar Hauser keinerlei Notiz genommen, obwohl dieser gerade damals - es war im Oktober 1829 - wegen des Attentats in aller Munde gewesen war. Nun aber bemüht sich der Lord mit auffallender Emphase und Hartnäckigkeit um den Salon-Findling. Er macht ihm Geschenke, teure Geschenke und beginnt einen - aus heutiger Sicht - reichlich schmalzig-empfindsamen Briefwechsel mit ihm. In Nürnberg beginnt man bald schon über das seltsame Paar zu tuscheln, das man oft auf gemeinsamen Ausflügen und Unternehmungen sehen kann. Trotzdem kann Stanhope im November 1831 seine gerichtliche Bestellung zum Vormund Kas­par Hausers durchsetzen.
Im Dezember 1831 übersiedelt Kaspar auf Stanhopes Wunsch nach Ansbach, wo er bei der Familie des Lehrers und Organisten Johann Georg Meyer wohnt. Lord Stanhope verläßt am 19. Januar 1832 Ansbach und kehrt nie wieder zurück. Seine Lordschaft verpißten sich. Zwar schrieb er weiter eine Menge empfindsamer (ein irgendwie unheimlich geiles Wort damals) Briefe an Kaspar, versprach auch mehrmals, Kasparn heimzuholen auf das Schloß seiner (Stanhopes) Ahnen, beließ es aber dabei. In einem der Briefe etwa schrieb er: "Die Empfindungen, die du mir schilderst, haben mich unendlich erfreut, und ich schätze mich sehr glück­lich, daß ich deine Zufriedenheit und dein Wohlsein, mein geliebter Pflegesohn, befördert habe. Ganz gewiß weiß ich, daß ich deine Liebe und Freund­schaft, die mir so sehr das Leben versüßen, immer genießen werde, wie auch, daß ich niemals aufhören werde, sie zu verdienen, und dein Glück wird immer das meinige vermehren." Später übrigens - Kaspar Hauser war noch keine 14 Tage tot - wurde Lord Stanhope einer der eifrigsten "Entlarver" Kaspars, darin unterstützt von J. G. Meyer. Er gab eine Dokumentation heraus, in welcher er nachzuweisen suchte, es sei dieser von ihm innig als Sohn geliebte Kaspar nichts weiter als ein gemeiner Betrüger gewesen.
Kaspar jedenfalls blieb in der Obhut des pedantischen und engstirnigen Pädagogen zurück. Er verkehrt auch in Ansbach locker in der feinen Gesellschaft, An­selm von Feuerbach verschafft ihm eine Stelle als Schreiber am Appellationsgericht.

Der Mordanschlag


Am 14. 12. 1833 um 9.00 Uhr morgens wird Kaspar auf den Stufen zum Gericht angesprochen. Der Mann richtet ihm schöne Grüße vom Hofgärtner aus, dieser lade ihn ein, heut nachmittag so gegen 3.00 Uhr in den Hofgarten zu kommen. Dort werde er ihm die verschiedenen Arten von Ton zeigen, die bei der Ausschachtung für einen Artesischen Brunnen angefallen seien.
Zur angegebenen Zeit findet sich Kaspar tatsächlich im Hofgarten ein, der um diese Stunde, der naßkalten Witterung wegen, von Spaziergängern verlassen ist. Nur ein Mann ist da, groß, mit schwarzem Backen- und Schnurrbart, welcher Kaspar am Denkmal des Dichters Uz erwartet. (Ohne diesen Umstand würde diesen bedenkmalten Lokaldichter Uz heute kein Mensch außerhalb Ansbachs mehr kennen. Es ist schon von einiger Ironie, auf welche Weise man schließlich doch noch unsterblich werden kann.) Der Mann tritt auf Kaspar zu, reicht ihm einen Beutel aus violettem Samt; Kaspar greift danach und in diesem Augenblick stößt ihm der Mann ein Messer durch alle dicke Winterkleidung hindurch tief in die Brust. Der Mörder flieht, Kaspar jagt in panischem Schrecken aus dem Hofgarten hinaus, läuft zu Lehrer Meyer. Meyer, der die Verwundung für die - harmlose - Folge eines von Kaspar selbst inszenierten Schau-Attentats hält, will mit ihm zum Tatort zurückgehen. Auf dem Weg dorthin aber bricht Kaspar doch noch zusammen. Dem herbeigerufenen Arzt Dr. Heidenreich genügt eine oberflächliche Untersuchung um die Wunde als lebensgefährlich zu diagnostizieren.
Die Polizei- und Justizbeamten, die Kaspar auf dem Totenbett verhören, teilen Meyers Skepsis. Auch sie haben erhebliche Zweifel an Kaspars Geschichte.
Am Tatort findet man am selben Tage noch jenen Beutel, von dem Kaspar gesprochen hatte. In dem Beutel liegt ein Zettel, auf dem in Spiegelschrift (und nicht in Kaspars Handschrift) geschrieben steht:
Abzugeben
Hauser wird es euch ganz
genau erzählen können, wie
ich aussehe, und woher ich bin.
Dem Hauser die Mühe zu ersparen
Ich komme - - - - - - -
Ich komme von von - - - -
der Baierischen Gränze - - -
Am Fluß - - - -
Ich will auch sogar noch den
Namen sagen: M. L. 0.
(Spiegelschrift ist übrigens recht einfach zu erzeugen: man schreibt mit der linken Hand von rechts nach links, denkt dabei an Normalschrift und läßt die linke Hand einfach laufen. Es wird von selber Spiegelschrift daraus. Allerdings: bei Rechtshändern sieht dies recht kraklig und unbeholfen aus; Linkshänder tun sich sehr viel leichter - siehe Leonardo da Vincis "Geheimschrift". Das Lesen des selbst Geschriebenen ist dabei sehr viel schwieriger - wenn nicht zur Gänze unmöglich - als das Schreiben selbst. Erst wenn man das Blatt umge­dreht gegen das Licht hält, sieht man, daß man doch was Vernünftiges geschrie­ben hat.)
Zwei Jahre später findet man unweit des Tatorts einen fest in die Erde gerammten Dolch, der dort schon längere Zeit gesteckt haben muß. Der Dolch paßt in sei­nen Maßen recht genau in die tödliche Wunde Kaspars.
Am 17. 12. 1833 erliegt Kaspar Hauser seinen Verletzungen.

K. H. - Ein Cousin des Walhalla-Wiggerls?


Das war's. Das war in etwa die Geschichte von Kaspar Hauser, die wir wissen. Der Rest ist - weiß Gott' - nicht Schweigen, vielmehr eine Flut von Publika­tionen zu diesem Thema, wovon die meisten es nicht bei einer Schilderung seines Lebens bewenden lassen, vielmehr mit Scharfsinn, großem Fleiß und auch etlicher Wichtigtuerei versuchen, das Rätsel Kaspar Hauser zu lösen. Ein gefun­denes Fressen für Schreibtisch-Detektive. (Ich will mich gar nicht lustig machen; es ist wirklich ein faszinierendes Spiel.)
Nahezu alle Theorien gehen davon aus, daß die in Hausers Begleitschreiben dargelegte Geschichte vom armen Mägdlein und vom kinderreichen Taglöhner nicht stimmen kann (aus den bereits skizzierten Gründen).
Die älteste und bis heute beliebteste Theorie geht davon aus, daß Kaspar Hauser in Wahrheit ein angeblich toter Erbprinz aus dem Hause Baden sei, den man aus Thronfolgegründen aus dem Weg geräumt habe. Schon kurze Zeit nach Binders Be­kanntmachung war ein anonymer Brief aus Karlsruhe in Nürnberg eingetroffen, in welchem ebendies behauptet wurde. Dem Hinweis wurde, eben weil er anonym war, nicht nachgegangen. Anselm von Feuerbach schließlich hat im Frühjahr 1832 in einer geheimen Schrift an die Königinmutter Karoline von Bayern (die aus dem Hause Baden stammte und - im Falle Feuerbachs These stimmte - die leibliche Tante von Kaspar Hauser gewesen wäre; ihr Sohn Ludwig I. wäre dann der Cousin des Nürnberger Findlings gewesen.) diese These ausführlich begründet. Feuerbach ist übrigens im Mai 1833 sehr plötzlich verstorben; sein Sohn Ludwig (der Philosoph) war überzeugt, sein Vater sei einem Giftanschlag zum Opfer gefallen, nachdem er die Prinzenschaft Kaspar Hausers entdeckt habe.

Dienstag, 11. Juni 2013

Armutsbericht

Armut ist gewiß etwas Schreckliches. Mir dürfert einer 10 Millionen hinlegen und mir sagen, daß ich dafür arm sein muß. Ich nehmerts nicht.
JOHANN NESTROY

Freitag, 7. Juni 2013

Das Pferd in der italienischen Musik

Aufklärung: Wer was weiß, soll es weitersagen

Selbst in musikalisch hochgebildeten Kreisen macht man sich allzu selten klar, welche eminent bedeutende Rolle das Pferd in der italienischen Musikgeschichte spielt.
Das geht los mit Gioachino Rossini (Joachim Pferdlein), setzt sich fort mit Ruggero Leoncavallo (Rüdiger Löwenpferd) und führt uns schließlich zum one and only king of the kings, Giuseppe Pferdi himself.
Nur, damit es nicht in Vergessenheit gerät, immer der Aufklärung verpflichtet.

Montag, 27. Mai 2013

Verdammte Ideologie!

Verbohrte Ideologie contra sachbezogene Vernunft

Neulich habe ich im FREITAG diesen Kommentar gefunden: "Könnten Sie ein Beispiel für einen gelungen linken, ideologiefreien Artikel geben?"
Ideologiefrei, so so.

Da ist sie wieder, die alte Legende vom neutralen, sachbezogenen vernünftigen Denken einerseits und der entsetzlichen Ideologie andererseits.
So wie die Bösen immer die anderen sind, so sind auch die Ideologen stets die anderen. Eine Ideologie ist, wie der Wortsinn nahelegt, ein System von einzelnen Ideen, also Vorstellungen. So ganz ohne ein solches Gerüst, also eine Ideologie, wirst du aber nicht durchs Leben kommen. Du kannst Ideologie überhaupt nicht vermeiden, du brauchst ein Ordnungssystem, nur um sprechen, nur um wahrnehmen zu können.
Dein eigenes Gerüst ist dir selbstverständlich, dasjenige anderer fällt dir als Ideologie auf. Und so sind "Ideologien" im abwertenden Sinne noch stets die hirnverbrannten Denkschemata der Anderen, während die eigenen nichts anderes sind als Gesunder Menschenverstand und sachbezogenes Denken. Ich erinnere nur an das sächsische Ehepaar, das nach einer Vorführung im Miesbacher Bauerntheater amüsiert das Theater verließ und schließlich meinte: "Schode daß mir geen Dialegd ham."
In einer Internet-Diskussion hat mir mal einer geantwortet: "Ideologen sind für mich Leute, die stets die Wahrnehmung (oder deren Interpretation) an das Ordnungssystem anpassen und nie umgekehrt."
Ich habe ihm so geantwortet:
Das ist wie mit der Definition von Rasern, die man in der MPU von Rasern hört: Raser sind Leute, die immer zu schnell fahren. Nun fährt (fast) keiner immer zu schnell, also ist auch der vor mir sitzende Raser kein Raser.
In der Psychologie gibt es den Begriff der "Kognitiven Dissonanz", den ich der Einfachheit halber kurz die Wikipedia definieren lasse:
"Kognitive Dissonanz ('Mißklang im Erkennen') ist in der Sozialpsychologie eine Theorie, die erklärt, wie durch miteinander unvereinbare Kognitionen, Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten innere Konflikte entstehen, die Vermeidungsreaktionen oder andere zur Verminderung dieser Konflikte geeignete Handlungen hervorrufen. Typischerweise treten kognitive Dissonanzen auf, wenn neu hinzutretende Erkenntnisse der bislang bestehenden eigenen Meinung widersprechen oder Zusatzinformationen eine Entscheidung als falsch entdecken. Das Widerstreben gegen Dissonanzen führt dazu, dass unpassende bzw. unangenehme Neuigkeiten missachtet und passende umso mehr geschätzt werden."
Das ist nun ein allgemein menschliches Phänomen und du hast enorme Schwierigkeiten, dein eigenes Schummeln zu erkennen, wenn du grad mitten drin im Dilemma steckst und mit der Dissonanz zu kämpfen hast. Wenn du eine Information liest, die deine Meinung bestätigt, nickst du zufrieden mit dem Kopf und blätterst weiter. Stößt du auf eine Information, die deine Meinung ins Wanken brächte, schreist du nach dem Beweis.
Widersprüche im System der anderen fallen dir sofort auf, die Widersprüche im eigenen System zu erkennen - da gehört viel Arbeit, Disziplin und vor allem Mut dazu.
Ideologen sind deshalb immer die anderen.

Auch Wissenschaft und rationales Denken schützt nicht vor den Fallstricken der Ideologie. Nun mag bei Wissenschaftlern das Weltbild wissenschaftlich geprägt sein, wobei auch sie nur einen winzigen Teil der wissenschaftlichen Theorien als Experten in ihr Weltbild einbauen. Theorien aus anderen Fächern bekommen auch Wissenschaftler nur oberflächlich mit und zu einem zünftigen Weltbild gehört mehr als das Verhalten fallender Steine oder die Reaktionen von Hunden auf Klingelsignale. Nämlich: Wie funktioniert menschliches Verhalten, wie menschliches Zusammenleben, wie regelt sich die Wirtschaft, die Politik. Warum sind die Ulwungus Dreckschweine, während die Kolmilken, zu denen ich mich zähle, brave Leute sind...

Das mit der Ideologie ist überhaupt so eine Sache. Entgegen anderslautenden Gerüchten richten sich Handlungen nämlich nicht nach Argumenten. Handlungen verstehen nur die Sprache der Bedürfnisse. Ich mache nicht das, was ich durch Nachdenken als richtig erkannt habe, sondern ich denke solange nach, bis ich das, was ich so oder so tun will, mir und anderen gegenüber als richtig und sinnvoll begründen kann. Das erklärt, warum es zum Beispiel so unendlich schwer ist, Könige von den Vorzügen des Republikanismus zu überzeugen. Erst kommen die meinen handfesten Interessen dienenden Handlungen, dann erst die meine Handlungen nachträglich legitimierende Argumentation.
Wenn eine Theorie, eine Ideologie, eine Behauptung, dazu geeignet ist, die bereits bestehenden Interessen einer hinreichend großen, hinreichend wichtigen Personengruppe zu legitimieren, dann darf in dieser Theorie, dieser Ideologie, dieser Behauptung alles drin sein, was man sich nur irgend vorstellen. Das kann der allergrößte Scheisendreck sein, macht nichts, Hauptsache, er stützt meine Interessen, mein durch die handfesten Interessen unausweichlich vorgefaßtes Wollen.
Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte mit den Juden, die sich seit den Römern durch die ganze abendländische Geschichte zieht. "Die Juden sind die Mörder unseres Herrn Jesus Christus."
Nun, all die, welche diesen Satz immer wieder äußerten, waren durch die Bank keine gewaltverachtenden Pazifisten, sie wußten die Wohltaten der Todesstrafe und Folter durchaus zu schätzen. Ihnen war natürlich - kraft ihres juristisch geschulten Verstandes - klar, daß es sich bei der Tötung Jesu um keinen Mord (also eine rechtswidrige Tötung) handelte, sondern um eine rechtlich einwandfreie Hinrichtung. Denn - wir wissen es seit der Erfindung des Rechtspositivismus, spätestens seit Filbinger - es kann nicht unrecht sein, was damals Recht war. Dann waren es natürlich nicht die Juden, sondern die damaligen Juden und von den damaligen Juden auch bloß ein paar und letztlich haben natürlich das Ganze sowieso die Römer veranlaßt.
Daß unser Herr Jesus Christus Jude war, daß - bis auf Pontius Pilatus - jeder der an der Passionsgeschichte Beteiligten Jude war, macht klar: es war eine Geschichte unter Juden und natürlich sind bei so einer judeninternen Geschichte auch die Schurken Juden.
Aber das Allerschärfste ist natürlich der wirklich rotzfreche und hirndumme Umstand, daß andererseits in jeder dritten theologischen Doktorarbeit, jedem x-beliebigen Katechismus zu lesen steht, erst durch Jesu Kreuzestod sei die Erlösung über uns gekommen und nur durch den Kreuzestod und ohne den Kreuzestod wäre immer noch keine Erlösung da; daß also das ganze Christentum (genauer: die ganzen Christentümer) darauf beruht, daß der Hohe Rat zu Jerusalem samt Pontius Pilatus so freundlich waren, das zu tun, was angeblich um des Heiles willen auf jeden Fall getan werden mußte.
Stell dir vor, der Kaiphas und all die hätten damals bei Pilatus um eine Begnadigung von Jesus Christus gebeten und Pilatus hätte ihren Wünschen entsprochen. Stell dir bloß mal vor....
Die Beschuldigung der Juden als Gottesmörder ist also der pure Widersinn, hinten und vorne und wo immer du an die Geschichte herangehen willst. Trotzdem ist sie bis auf den heutigen Tag ein absoluter Renner im Geschäft der Ideologien.
Oder nimm den Faschismus, den deutschen Faschismus gar.
Signor C., unser früherer direkter Nachbar in Castellabate ist ein pensionierter Carabiniere. Im Wohnzimmer der C.s hängt ein lebensgroßes Farbbild von C. in voller Carabinieri-Uniform, mit Mütze und Orden und allem Wichs. Neben dem Eingang zur Küche hängt ein Schwarzweiß-Foto von Mussolini, mit irgendeiner handschriftlichen Widmung. Ich hatte nur ein, zwei Sekunden Zeit, das Bild anzuschauen, so daß ich die Inschrift nicht lesen konnte.
Zunächst habe ich mich sehr geärgert, weil mir dieser Duce-Kult, den man in Italien viel häufiger und vor allem offener findet als den Hitler-Kult in Deutschland, furchtbar auf die Nerven geht. Dann hat es mich zum Nachdenken gebracht.
Der Faschismus ist ja eine wahre Religion des Sieges, der Sieger, der Stärke, der Schönheit. Der deutsche Faschismus ist speziell die Religion der blonden, großen, starken Schönheit. Und dann tauchen die Repräsentanten dieser Religion auf: der kleine, eher schmächtige und dunkelhaarige Adolf Hitler, der mit seinem Bärtchen noch dazu auftritt wie der damals schon weltbekannte (und auch in Deutschland wohlbekannte) Charlie Chaplin, der klumpfüßige, kleine, fistelstimmige Josef Goebbels, der fette Hermann Göring, die Karikatur des engstirnigen, flachbrüstigen Verwaltungsheinis Heinrich Himmler, der den Oberbefehlshaber der Blonden Bestien der SS gibt.
Und in Italien ist es eben der dicke, stiernackige, glatzköpfige Mussolini.
Was ebenfalls bemerkenswert ist: Der Faschismus hat den historischen Kampf um seine Existenz letztendlich verloren! Hitler und Mussolini haben den Krieg, den sie entfacht haben, verdammt noch mal verloren und nicht gewonnen.
Trotzdem hängen die Verehrer der Stärke und des Sieges immer noch an diesen Verlierertypen.

Donnerstag, 16. Mai 2013

Sexuelle Belästigung & Kunst

Ja, Herrgottsnein, muß denn immer 1 6 sein?

Wenn mich küsset meine Muse,
Küß ich zurück, auf ihren Buse.
Worauf ich eine Watschn fang,
Deshalb liest sich mein Gedicht auch so wahnsinnig unbeholfen.

Sonntag, 28. April 2013

Herr Plischke

Herr Plischke aus Hannover machte Urlaub im Bayerischen Wald. Er nahm Quartier in der Pension "Pirzer" in Zwiesel, wo er es sehr behaglich und ganz seinen Wünschen entsprechend fand.
Sein Wirt, ein großes, dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut erwies sich als überaus freundlich und zuvorkommend. Sowohl bei den Einheimischen als auch bei den Feriengästen war er bekannt und beliebt.
"Guten Tag, Herr Pirzer", riefen ihm fröhlich die Fremden zu, mit einem lockeren "Servus, Eberhard", wurde er von den Ortsansässigen begrüßt, die mit ihm auf vertrauterem Fuße standen.
Bald schon wurde Herr Plischke gewahr, daß jeder, wirklich jeder, der es mit Eberhard Pirzer zu tun bekam, diesen nicht nur begrüßte, sondern ihn auch mit seinem Namen anredete.
"Unser Wirt scheint hier im Ort eine bekannte Persönlichkeit zu tun," sagte er sich und sagte es tags darauf auch dem Postboten, der ihm Grüße von den Lieben daheim brachte.
"Ja, da ham's recht", bestätigte ihm der Postbote. "Unseren Eberhard kennt jeder."
"Beachtlich", sagte Herr Plischke, "wenn man bedenkt, daß Zwiesel eine gar so kleine Kleinstadt gar nicht ist."
"Schon richtig. Bloß: Unseren Eberhard, den kennt jeder. Net nur in Zwiesel."
"Auch im Umkreis?"
"Da sowieso. Ich mein: Überall."
Da aber der Postbote an diesem Nachmittag eine wichtige Verabredung mit einer gewissen Christiane hatte, zu welcher er keinesfalls zu spät kommen wollte, hatte er sich schon grüßend aufs Rad geschwungen, noch ehe ihn Herr Plischke fragen konnte, was er mit dem etwas sehr allgemeinen Wort "überall" nun genau gemeint hatte.
Am selben Nachmittage noch, just zu jener Stunde, da der Postbote krähend und aufgeplustert um seine Christiane gockelte, beobachtete Herr Plischke vom Kaffeetische aus, wie ein Reisebus aus Belgien vor der Pension "Pirzer" anhielt, und seine Insassen in den benachbarten "Zwieseler Hof" strömten. Jeder, buchstäblich jeder der belgischen Feriengäste winkte dem vor seinem Anwesen stehenden Schweine freundlich zu und begrüßte den - je nach Herkunft der Gäste - "Mon­sieur" oder "Mijnheer" Pirzer herzlich und namentlich.
Dies nun wollte dem mißtrauischen Herrn Plischke aus Hannover gar nicht recht einleuchten und er blickte sich unauffällig, aber gründlich um, ob er nicht irgendwo eine versteckte Kamera entdecken könne.
Da er es nicht konnte, sprach er seinen Pensionswirt direkt an.
"Freilich", meinte dieser, "es ist schon so. Wissen Sie, ich bin weit herumgekommen in der Welt. Ich kenne die Welt und die Welt kennt mich."
"Na ja, schon, aber keiner wird von jedem erkannt."
"Ja", meinte Herr Pirzer versonnen, "die Steppen Asiens sind groß und der Dschungel Brasiliens weitläufig. Vielleicht kennt mich wirklich nicht jeder."
Diese vorgeblich bescheidene Bemerkung machte den sonst so umgänglichen Herrn Plischke zornig, da sie ihm eingebildet dünkte.
Da Herr Plischke diese Bemerkung nicht einfach hinzunehmen gedachte, lud er seinen freundlichen, aber stolzen Pensionswirt für den Herbst zu einer Pilgerfahrt nach Rom ein.

Als der Herbst gekommen und die Pension "Pirzer" geschlossen war, stiegen Herr Plischke und Herr Pirzer in den Zug, der sie nach einigem Umsteigen nach Rom bringen sollte.
Mit einem gutgelaunten "Servus, Eberhard" zwickte ihnen der Schaffner im Zug nach München die Fahrkarten und ließ sich von dem großen, dicken, rosafarbenen Schwein mit schwarzem Hut Ziel und Zweck der Reise erläutern.
Als sie in München in den Fernzug nach Rom umstiegen, hörte Herr Plischke eilige Fahrgäste, schlendernde Passanten und müßige Herumsteher ihr "Guten Tag, Herr Pirzer" oder "Ser­vus, Eberhard" rufen.
 Daß sowohl der Schaffner als auch die Fahrgäste im Abteil das Zwieseler Schwein mit Namen anredeten, versteht sich inzwischen fast von selbst.
Sie fuhren über den Brenner, wo ihnen der italienische Schaffner mit einem herzlichen "Buon giorno, Signor Pirzer" die Fahrkarten zurückgab.
So richtig blaß aber wurde Herr Plischke auf der Stazione Termini in Rom, wo wahre Rudel wildfremder Italiener an ihnen vorbeiströmten, nicht ohne seinen Begleiter herzlich zu grüßen. "Buon giorno, Signor Pirzer", sagten die gediegeneren Römer mit Anzug und Krawatte, während es die etwas salopperen Typen bei einem "Ciao, Everardo" bewenden ließen.
Ein Taxifahrer, der während der ganzen Fahrt mit Eberhard Pirzer über dessen und seine Kinder plauderte und vergangener, gemeinsamer Tage gedachte, brachte sie durch das römische Verkehrsgewühl zum Petersplatz, auf dem sich eine große Menschenmenge in Erwartung des Heiligen Vaters eingefunden hatte.
"Wenn Sie mich bitte einige Minuten entschuldigen wollen", wandte sich Eberhard Pirzer an Herrn Plischke, nachdem er die vielen Begrüßungen der Umstehenden in mancherlei Sprachen erwidert hatte. "Ich möchte die Gelegenheit nutzen und einen alten Kumpel von mir besuchen."
Herrn Plischke, dessen Nerven inzwischen so angespannt waren wie seine Beine schwammig, war es recht. Erschöpft nahm er auf einem der herumstehenden Stühle Platz, den man ihm angesichts seines blassen, schweißnassen Gesichtes angeboten hatte.
Sinnend saß er da und konnte es über allem Sinnen doch nicht fassen. Ein Schwein, ein ganz normales großes und dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut war anscheinend jedermann bekannt. Ein kleiner Gastwirt aus dem Bayerischen Wald schien populärer als der populärste Rockstar.
Das Raunen der Menge riß Herrn Plischke von seinen trüben Gedanken los.
Er blickte hoch und sah, was alle in diesem Moment sahen. Auf dem Balkon, hoch über der Menschenmenge, war der Papst erschienen, eingehüllt in eine Wolke von Kardinalspurpur.
Neben dem Papst aber, diesen unauffällig stützend, stand... Herrn Plischkes Zähne begannen wie im wilden Fieber zu klappern.
Neben dem Papst erkannte Herr Plischke seinen rosafarbenen Reisebegleiter.
"Sie, Herr Nachbar", wandte sich einer, der ersichtlich und hörbar aus Bayern kam, ratsuchend an Herrn Plischke, "sagn's amal: Wer is'n eigentlich der Typ neben dem Eberhard?"
Herr Plischke ließ sich an dieser Stelle in eine wohltuende Ohnmacht fallen.

Samstag, 20. April 2013

Je Information desto Verwirrung

Ein Bild - heißt es - sagt mehr als tausend Worte, und so ist die Möglichkeit zur Bebilderung eine feine Sache, die das Fernsehen dem Radio voraus hat. Die Kehrseite dieser Möglichkeit ist der Zwang zur Bebilderung. Das Fernsehen kann nicht einfach Schwarzfilm zeigen [1] in jenen Fällen, da das einzig Interessante die Tonspur ist.
Dann aber berichtet ein Reporter über einen leckgeschlagenen Tanker, der eine ganze Küstenregion verseucht hat. Die Stimme aus dem Off erklärt dir, wie es zu dem Unfall kam und eigentlich willst du vor allem das wissen. Zum Text aber siehst du ölverschmierte Wasservögel, die sich mühsam in den nahen Tod dahinschleppen. Das fördert deine Konzentration auf den teilweise abstrakten Text nicht.
Noch schlimmer ist es, wenn dir der Korrespondent die unheimlich komplizierte politische und militärische Lage im Bürgerkrieg in Weithintistan erklärt. Die Erklärung ist notgedrungen äußerst knapp und gedrängt, denn mehr als ein bis drei Minuten hat er in der "Tagesschau" nicht zur Verfügung. Während er spricht und du eigentlich voll drauf konzentriert sein müßtest, siehst du gleichzeitig Leute, die um ihr Leben rennen, davon einige vergeblich.
Wenn schon Bilder unvermeidlich sind, dann solltest du eigentlich bloß den Korrespondenten sehen, der vor einem neutralen Hintergrund steht oder im Studio sitzt. Aber er hat, wie gesagt, nur ein bis drei Minuten, also muß er dir sein - interessantes, das zweifellos - Bildmaterial gleichzeitig zu seiner Analyse übermitteln. Und wenn du diesen Bericht in einem privaten Nachrichtensender siehst (was niemand, der noch einen Funken Verstand im Hirn hat, tun sollte), dann läuft unter dem konzentrationsstörenden Kontrast zwischen Bild und Ton noch ein Text über den Bildschirm, der sich mit einem völlig anderen Thema befaßt. Und, als wäre dies noch nicht genug, laufen unter dem Nachrichtentextband noch die Börsenkurse durchs Bild. Selbst wenn du es schaffst, nicht bewußt auf diese Laufbänder zu achten, so stört allein die aus den Augenwinkeln wahrgenommene Bewegung zusätzlich die Konzentration.
Wenn das nicht Wahnsinn ist, was dann?
Hier wird informiert und gleichzeitig die eigene Information sabotiert.
In historische Dokumentationen, die ich früher sehr gerne gesehen habe, haben sie inzwischen genau dieselbe Pest eingeschleppt wie in die Nachrichten. Vor einiger Zeit habe ich eine Sendung über die Schlacht von Waterloo gesehen (ich glaube, es war sogar ein öffentlich-rechtlicher Sender, denn Privatsender schaue ich seit geraumer Zeit so gut wie nicht mehr, nicht länger jedenfalls, als ein Furz dauert).
Während der Sprecher aus dem Off die historische Situation schildert und analysiert siehst du Bilder, die anscheinend aus einem Spielfilm stammen, darüber Musik. Du siehst Wellington am Spieltisch hocken, Napoleon wütend die Treppe hochlaufen und dann wieder - immer noch wütend - die Treppe runterlaufen, dann hebt ein Soldat das Gewehr und zielt genau in deine Richtung, dann wieder Schlachtengetümmel...
So wirst du unter dem Vorwand von Aufklärung blöd gemacht, kannst dich auf nichts mehr richtig konzentrieren und hast das meiste gleich nach dem Ausschalten schon wieder vergessen. Psychologische Untersuchungen bestätigen dies übrigens: Je mehr Information pro Zeiteinheit und über verschiedene Kanäle vermittelt wird, desto weniger bleibt hängen. Da lob ich mir den Rundfunk, da nehme ich mir eine Sendung zu einem Thema auf und höre sie mir dann beim Abspülen an oder bei sonst einer Tätigkeit, die mein Hirn frei läßt.
Dabei können Bilder, gezielt eingesetzt, so viel vermitteln. Dazu müßte man aber, während das Bild da ist, zwischenzeitlich auch mal das Maul halten oder das Bild so wählen, daß es genau zum Text paßt.
Sage keiner, das ginge nicht. Es gab mal im Bayerischen Rundfunk diese wunderbare Reihe "Topographie" von Dieter Wieland (sie wird auf BR alpha immer mal wieder wiederholt). Es geht dabei um Südtiroler Urwege, Stadtbaukunst im Mittelalter, erklärt anhand von Dinkelsbühl, die barocken Kanäle in und um München, die Burg von Burghausen... Informationen also, die ich brauche, um die Welt von früher und jene von heute und morgen zu verstehen. Das meine ich nicht sarkastisch, sondern durchaus ernst.
Dieter Wieland versteht was vom Thema, er macht nur Filme über Dinge, von denen er etwas versteht und wenn er es nicht versteht, macht er sich zuvor sorgfältig und gründlich kundig. Er spricht langsam (wenn auch nicht langweilig) und bedächtig, er gibt dir Zeit, während des Zuhörens über das Gehörte nachzudenken, ein ungeheurer Luxus und Komfort in diesen Zeiten. Die Bilder, die er über das Gesagte legt, passen genau zu dem, was er grad sagt, die Bilder sind ruhig, es gibt keine schnellen Schwenks oder Zooms, die Einstellungen sind lang, so daß du tatsächlich sehen kannst, was du siehst und nicht mit vorbeihuschenden Impressionen überschwemmt wirst. Wenn du den Film gesehen hast, bist du schlauer als zuvor, man stelle sich vor.

Bemerkenswert, wirklich sehr bemerkenswert ist, daß bei der Sportberichterstattung die von mir geschilderte Wirrnis so gut wie nie auftaucht. Da passen Bild und Kommentar genau zusammen, da laufen während des Berichts über ein Fußballspiel keine Nachrichten über den Abfahrtslauf durchs Bild, darunter noch der neueste Tabellenstand in der Handballbundesliga. Die größte Ablenkung ist noch, wenn während des Interviews mit einem Trainer nach dem Spiel Fans ihren Kopf ins Bild stecken und winken.
Kann das Zufall sein, frage ich mich? - Ganz ernsthaft: Ist womöglich die manchmal irrsinnige Reizüberflutung bei der Berichterstattung über den Zustand unserer Welt Absicht? Kein Unvermögen? Will man - indem man vorgeblich Information satt bringt - die Information bewußt verweigern?
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[1] Warum eigentlich nicht?

Samstag, 13. April 2013

Kreisförmige Hierarchie

Ich bin ratlos. Ich mein, das ist jetzt keine sonderlich schockierende Nachricht, ich bin öfter mal ratlos. Bei meinem jetzigen Problem bräuchte ich aber die Mithilfe von Menschen, die sich im Kanonischen Recht der Katholischen Kirche verflucht oder doch zumindest relativ gut auskennen.
Der Franze, den ich großgezogen habe und der sich dann selber wieder auf menschliches Maß reduziert hat, ist ja jetzt Papst, da beißt keine noch so arme Kirchenmaus 1 Faden ab. Besagter Franze ist Jesuit, das weiß jeder oder könnte es doch wissen, hielte er sich auf dem Laufenden. Mein Problem ist nun... Herrgottsnein, wie erklär ich das jetzt, daß es jeder versteht?
Also, ich versuch's mal: Der neue Papst ist Jesuit, und er bleibt es wohl auch dann, wenn er jetzt Papst ist. Als Jesuit ist Franziskus seinem Ordensgeneral Gehorsam schuldig. Der Ordensgeneral und der ganze Jesuitenorden ist wiederum direkt dem Papst unterstellt. Kann jetzt der Ordensgeneral dem Pater Bergoglio sagen "Hör mal, Jorge Mario, sag bitte dem Papst, er soll..."?
Kreisförmige Hierarchien sind meines Wissens sehr selten in der Welt. Was nicht heißt, daß es sie nicht gibt. Ich bin dein Chef und du der meine.
Mich erinnert diese Logik an bißchen an die Geschichte mit der Oma und dem Opa.

Mittwoch, 10. April 2013

Zeigen, wo der Hammer hängt

Die Abschaffung des Wortes "Neger" als Herrschaftsstrategie


Deutschsprachige Menschen, die ab den achtziger Jahren aufgewachsen sind, haben gelernt, daß "Neger" ein rassistisches, diskriminierendes und herabsetzendes Bäh-Wort ist, das man tunlichst nicht verwenden sollte. Leute, die einige Zeit früher sprachlich sozialisiert wurden, tun sich manchmal schwer, diesen Widerwillen gegen das Wort nachzuvollziehen, sie haben "Neger" noch als ganz neutrales Wort erlebt. Das heißt, so ganz neutral war das Wort natürlich nicht, es wurde auch herabsetzend verwendet.
Der negative Klang des Wortes kommt von dem durch das Wort bezeichneten Objekt. Seit der schwarze Mensch in das Blickfeld des Europäers geraten ist, war er für den Weißen ein Mensch zweiter Klasse, erst als Sklave, später dann als "Freier" am Rande der Gesellschaft, streng getrennt von den Weißen. Dazu fällt den meisten vielleicht als erstes die südafrikanische Apartheid ein, ich erinnere aber daran, daß noch in den sechziger Jahren in den USA die Rassentrennung eine Selbstverständlichkeit war. Jedes andere Wort, mit dem man schwarze Menschen bezeichnet hätte, wäre ebenfalls mit dem Gift der Verachtung kontaminiert gewesen.
Aber immerhin - "Neger" war ein neutral beschreibendes Wort, bezogen auf die schwarze Hautfarbe, als Schimpfwort gab es "Nigger", "Bimbo" oder auch "Hottentotte". Das Verächtliche lag nicht im Wort "Neger", sondern im geringgeschätzten schwarzen Menschen selbst.
Eine andere geringgeschätzte Menschengruppe waren (sind) die Juden. Über viele Jahrhunderte hinweg wurde das Wort "Jude" von den meisten Menschen im deutschen Sprachraum mit einem ausgesprochen negativen Beiklang verwendet. Der abschätzige Beigeschmack ließ sich noch steigern, indem man "Jude" auf "Jud" verkürzte. Vollends und über alle Maßen wurde dann im Dritten Reich das Wort "Jude" zum Haß- und Ekelwort (diese Wortprägung ist nicht von mir, die haben sich die Nazis ausgedacht). Und in der Tat wollte man sich in Deutschland nach 1945 dieses peinlichen Wortes entledigen.
"Und wie vielen Deutschen hätten die „Sephardim und Aschkenasim“ geholfen, ihre Schuldgefühle terminologisch zu bewältigen! Wer alt genug ist, erinnert sich vielleicht, daß nach 1945 kaum einem das Wort 'Jude' so recht frei über die Zunge gehen oder aus der Feder fließen wollte. Damals wurde der "Staatsbürger mosaischen Glaubens" erfunden; und wo nicht erfunden, so erlebte er doch Hochkonjunktur. Auch "Israelis" oder "Israeliten" standen, für eher Wohlwollende, "Zionisten" für nicht so Wohlwollende hoch im Sprachkurs. Die meisten Juden machten diesen Quatsch nicht mit. Sie waren Juden, wollten Juden sein und Juden bleiben." (R. W. Leonhardt)
Weil die Juden sich gewehrt haben, ist ihnen die anteilnehmende Umbenennung erspart geblieben.

Das Gezänk um das Wort "Neger" ist dabei sehr viel mehr als ein akademischer Streit um Worte, es hat einen hochpolitischen, blutig ernsten Hintergrund.
Es ist eine infame Strategie, den Begriff "Neger" aufzuteilen in Schwarzafrikaner, Afroamerikaner, Afro-Kariben, Afro-Brasilianer etc. pp. Mit dem Wort "Neger" nimmt man ihnen zugleich auch ihre gemeinsame Geschichte, ihre gemeinsame Identität.
Das geht bis in Familiengeschichten hinein. Man nehme nur mal die Geschwister Obama. Der Halb-Neger (oder Halb-Weiße, man kann es sehen, wie man will) Barack Obama ist nach derzeit korrekter Terminologie ein Afro-Amerikaner. Seine Halbschwester Auma Obama wäre eine Schwarzafrikanerin. Zwei völlig unterschiedliche Gruppen, denen die beiden Geschwister angehören, so scheint es.
Beide aber gehören einer Bevölkerungsgruppe an, die immer noch, in großen Teilen dieses Erdballes, herablassend, verächtlich behandelt wird. Durch die Umbenennung aber wird in ihrem Denken peu a peu das Bewußtsein dafür gelöscht, daß sie alle Neger sind, Afrikaner wie Amerikaner, schwarze Deutsche wie schwarze Schweden. Divide et impera.
Ich erinnere an George Orwells Roman "1984". Der Autor widmet darin einen Absatz dem Thema "gezielte Sprachveränderung". Der Wortschatz wird reduziert, Worte in ihrer Bedeutung verändert.
Zur Bewertung gibt es nur noch "gut". Davon abgeleitet sind die Steigerungen "plusgut" und "doppelplusgut". Das Gegenteil heißt "ungut", mit den Steigerungen "plusungut" und "doppelplusungut". Wir sind im übrigen bereits auf Orwells Spuren, alles, was nicht ausgesprochen scheiße ist, nennt man "super", ist es noch ein kleines bißchen besser, spricht man von "genial".
Okay, das wäre zunächst mal nur ein herber Verlust für die Poesie. Aber die Sprachveränderung geht bei Orwell so weit, daß etwa das Wort "free" nur noch in der Bedeutung von "kostenlos" existiert. "Frei" im Sinne von "selbstbestimmt" gibt es nicht mehr, mit dem Wort verschwindet auch das durch das Wort bezeichnete Ding (im Bewußtsein des denkenden Menschen).

Ich sprach oben davon, es habe das Wort "Neger" lange, lange Zeit einen abschätzigen Beiklang gehabt. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber begannen die Neger damit, sich das Wort bewußt und selbstbewußt anzueignen. In den dreißiger Jahren prägte der Afro-Karibe (ich verwende das merkwürdige Wort einfach mal) Aimé Césaire aus Martinique den Begriff der Négritude, der von Anfang an ein umfassendes antikolonial-revolutionäres Konzept war. Man hatte sich das Wort "Neger" ganz bewußt auf die Fahne eines neuen schwarzen Selbstbewußtsein geschrieben. Das Wort drückte den Stolz des schwarzen Menschen beider Kontinente auf die gemeinsame Herkunft Afrika, auf die schwarze Kultur aus.
Das letzte Buch von Aimé Césaire, 2005 (!), drei Jahre vor seinem Tod erschienen, trägt den stolzen Titel "Nègre je suis, nègre je resterai" (Neger bin ich, Neger werde ich bleiben). Meines Wissens ist das Buch bislang noch nicht auf Deutsch erschienen. Sollte es je erscheinen, bin ich gespannt, wie der Titel des Buches in einem Land lauten wird, in dem das Wort "Neger" inzwischen aus Pippi-Langstrumpf-Büchern gelöscht wird.
In den fünfziger, sechziger Jahren verwendeten die Schwarzen in den USA das Wort "negro" als selbstbewußte Eigenbezeichnung.
"Five score years ago, a great American, in whose symbolic shadow we stand today, signed the Emancipation Proclamation. This momentous decree came as a great beacon light of hope to millions of Negro slaves who had been seared in the flames of withering injustice. It came as a joyous daybreak to end the long night of their captivity.
But one hundred years later, the Negro still is not free. One hundred years later, the life of the Negro is still sadly crippled by the manacles of segregation and the chains of discrimination. One hundred years later, the Negro lives on a lonely island of poverty in the midst of a vast ocean of material prosperity. One hundred years later, the Negro is still languished in the corners of American society and finds himself an exile in his own land. And so we've come here today to dramatize a shameful condition."
Das ist ein Ausschnitt aus der mittlerweile legendären Rede "I Have a Dream" von Martin  Luther King, gehalten 1963. Klicke auf den Link, lies die ganze Rede oder höre sie dir an, und zähle, wie oft King darin das Wort "negro" verwendet.
Malcolm X war ein wesentlich radikalerer Negerführer als King. Im folgenden Interview läßt sich Malcolm X ganz selbstverständlich als negro leader ansprechen, ab ca. 6 min. verwendet er dann auch selbst mehrmals das Wort negro.



Das Wort "Neger" ist damals zu einem politischen Kampfbegriff der Neger selbst geworden. Und hier wird die freundliche Rücksichtnahme auf angeblich verletzte Gefühle der Neger zur Infamie. In dem Moment (und erst in diesem Moment), da das Wort "Neger" zur stolzen Eigenbezeichnung wurde, hat man den Schwarzen dieses Kampfwort wieder entwunden. Irgendeiner muß den Neger* doch zeigen, wo der Hammer hängt!
Der Hammer hängt immer noch im weißen Norden dieser Erde. Innerhalb von lediglich 30 Jahren hat man es geschafft, den ehdem lediglich beschreibenden Begriff "Neger" mit einem Pesthauch zu parfümieren.
Aus dem Neger wurden der Afroamerikaner, der Schwarzafrikaner, der Afroschwede etc. pp. Vielleicht hilft es ja und der amerikanische Neger verliert das Gefühl, Schicksalsgenosse des Watussi zu sein. Ich argwöhne, und ich argwöhne es immer mehr, je länger ich drüber nachdenke, daß diese ganze Umtauferei dazu dient, sich aus der historischen Verantwortung herauszumogeln, die eigene Geschichte der Weißen zu schönen. Mohrenwäsche.
"Ich bin ein Neger und werde ein Neger bleiben, ich werde ein Kind, ein Erbe dieser Geschichte bleiben: In Frankreich neigt man dazu, diese Geschichte zu vergessen, wohingegen ich aufzeigen wollte: Neger steht für eine Geschichte. Tatsächlich werden Afrikaner erst mit Beginn des Sklavenhandels so genannt, und am Ende des XVII. Jahrhunderts sind Neger und Sklave synonym in den Französisch-Wörterbüchern, bis weit ins XIX. Jahrhundert hinein."
Es ist Aimé Césaire, der so spricht. Er spricht zornig und selbstbewußt, er will die Europäer und Amerikaner nicht aus ihrer Verantwortung für die Schändlichkeiten des Kolonialismus entlassen, indem er sich das Wort "Neger" von der Zunge nehmen läßt.
Der Neger hat noch einen Schuldschein bei sich daheim in der Schublade. Der ist ausgestellt auf den Neger, unterschrieben hat ihn ein gewisser "Weißer Mann" wegen Kolonialismus, Imperialismus, Sklaverei... eh schon wissen.
Wenn jetzt der Neger den Schuldschein aus der Schublade zieht und vorlegt, stellt sich der Weiße Mann ganz dumm und sagt: "Was für ein Neger denn? Es gibt gar keine Neger nicht, es gibt überhaupt keine Rassen, hast du das nicht in der Schul gelernt?"
Jetzt merkt der Neger, daß man ihn wieder mal aufs Glatteis geführt hat, das er von Afrika her nicht kennt.
Schlau ist er schon, der Weiße Mann.

Ich könnte schreien vor Wut! Diese gottverfluchten Schweinehunde haben es wieder mal geschafft, sie haben dem Neger seine Identität geraubt. Heute zucken selbst Neger unangenehm berührt zusammen, wenn sie das Wort "Neger" hören. Das Wort "Neger" ist besudelt worden und mit dem Wort der schwarze Mensch.

Ich frage mich, was wohl hinter dieser - allgemein zu beobachtenden - Ängstlichkeit beim Benennen von Unterschieden zwischen verschiedenen Menschengruppen stecken mag. Sind wir möglicherweise alle inzwischen so rassistisch, so ressentimentgeladen geworden, daß wir uns das bloße Benennen von Unterschieden gar nicht mehr anders denn abwertend vorstellen können?
Es ging spazieren vor dem Tor / ein kohlpechrabenschwarzer Mohr 
http://www.saarbruecker-zeitung.de/storage/scl/solpics/sol-de-tdt/2573499_m3msw493h280q75s1v4034_tt-struwwel-interfoto.jpg?version=1358464603
In der Tat, der Mohr im "Struwwelpeter" ist kohlpechrabenschwarz. Und? Was folgt daraus? Daß er schwarz ist, das folgt daraus, mehr nicht. Beleidige ich den Mohren, wenn ich seine Hautfarbe bezeichne? Ist dem Mohren seine Hautfarbe peinlich? Ist etwa mir die Hautfarbe des Mohren peinlich, so peinlich, daß ich darüber gar nicht sprechen mag?
Was ich schon lange argwöhne... Der Mensch im engeren Sinne, also der weiße Mensch, sieht einen schwarzen Mitbürger und er zuckt betroffen zusammen. "Gott, was sind diese armen Neger aber auch schwarz." Und als wohlmeinender Mensch darf man einen Afro-Afrikaner nicht vor den Kopf stoßen, indem man auf seine Hautfarbe hinweist, mit der er von Gott geschlagen worden ist. Und das, diese Leisetreterei bei der Benennung, ist wirklicher und echter Rassismus.

Es ist absolut lächerlich, was ich mache. Als Blogger, den sowieso bloß zwanzig, dreißig Leute lesen, schreibe ich wieder und wieder über das gleiche Thema, weil ich es nicht stumm und unkommentiert hinnehmen will, daß man dem Neger erneut seine Würde geraubt hat, grade in dem Moment, da er dranging, sie sich wieder zu holen. Dafür muß ich mich als Rassist beschimpfen lassen. Eine ganze Generation ist mittlerweile vergiftet, sie windet sich vor Fremdscham, wenn sie das stolze Wort "Neger" hört. Neger schreien empört auf, weil "Neger" sie an ihre schwarze Hautfarbe erinnert. Es ist der pure Wahnsinn, der in den Köpfen der Menschen angerührt worden ist.