Sonntag, 28. April 2013

Herr Plischke

Herr Plischke aus Hannover machte Urlaub im Bayerischen Wald. Er nahm Quartier in der Pension "Pirzer" in Zwiesel, wo er es sehr behaglich und ganz seinen Wünschen entsprechend fand.
Sein Wirt, ein großes, dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut erwies sich als überaus freundlich und zuvorkommend. Sowohl bei den Einheimischen als auch bei den Feriengästen war er bekannt und beliebt.
"Guten Tag, Herr Pirzer", riefen ihm fröhlich die Fremden zu, mit einem lockeren "Servus, Eberhard", wurde er von den Ortsansässigen begrüßt, die mit ihm auf vertrauterem Fuße standen.
Bald schon wurde Herr Plischke gewahr, daß jeder, wirklich jeder, der es mit Eberhard Pirzer zu tun bekam, diesen nicht nur begrüßte, sondern ihn auch mit seinem Namen anredete.
"Unser Wirt scheint hier im Ort eine bekannte Persönlichkeit zu tun," sagte er sich und sagte es tags darauf auch dem Postboten, der ihm Grüße von den Lieben daheim brachte.
"Ja, da ham's recht", bestätigte ihm der Postbote. "Unseren Eberhard kennt jeder."
"Beachtlich", sagte Herr Plischke, "wenn man bedenkt, daß Zwiesel eine gar so kleine Kleinstadt gar nicht ist."
"Schon richtig. Bloß: Unseren Eberhard, den kennt jeder. Net nur in Zwiesel."
"Auch im Umkreis?"
"Da sowieso. Ich mein: Überall."
Da aber der Postbote an diesem Nachmittag eine wichtige Verabredung mit einer gewissen Christiane hatte, zu welcher er keinesfalls zu spät kommen wollte, hatte er sich schon grüßend aufs Rad geschwungen, noch ehe ihn Herr Plischke fragen konnte, was er mit dem etwas sehr allgemeinen Wort "überall" nun genau gemeint hatte.
Am selben Nachmittage noch, just zu jener Stunde, da der Postbote krähend und aufgeplustert um seine Christiane gockelte, beobachtete Herr Plischke vom Kaffeetische aus, wie ein Reisebus aus Belgien vor der Pension "Pirzer" anhielt, und seine Insassen in den benachbarten "Zwieseler Hof" strömten. Jeder, buchstäblich jeder der belgischen Feriengäste winkte dem vor seinem Anwesen stehenden Schweine freundlich zu und begrüßte den - je nach Herkunft der Gäste - "Mon­sieur" oder "Mijnheer" Pirzer herzlich und namentlich.
Dies nun wollte dem mißtrauischen Herrn Plischke aus Hannover gar nicht recht einleuchten und er blickte sich unauffällig, aber gründlich um, ob er nicht irgendwo eine versteckte Kamera entdecken könne.
Da er es nicht konnte, sprach er seinen Pensionswirt direkt an.
"Freilich", meinte dieser, "es ist schon so. Wissen Sie, ich bin weit herumgekommen in der Welt. Ich kenne die Welt und die Welt kennt mich."
"Na ja, schon, aber keiner wird von jedem erkannt."
"Ja", meinte Herr Pirzer versonnen, "die Steppen Asiens sind groß und der Dschungel Brasiliens weitläufig. Vielleicht kennt mich wirklich nicht jeder."
Diese vorgeblich bescheidene Bemerkung machte den sonst so umgänglichen Herrn Plischke zornig, da sie ihm eingebildet dünkte.
Da Herr Plischke diese Bemerkung nicht einfach hinzunehmen gedachte, lud er seinen freundlichen, aber stolzen Pensionswirt für den Herbst zu einer Pilgerfahrt nach Rom ein.

Als der Herbst gekommen und die Pension "Pirzer" geschlossen war, stiegen Herr Plischke und Herr Pirzer in den Zug, der sie nach einigem Umsteigen nach Rom bringen sollte.
Mit einem gutgelaunten "Servus, Eberhard" zwickte ihnen der Schaffner im Zug nach München die Fahrkarten und ließ sich von dem großen, dicken, rosafarbenen Schwein mit schwarzem Hut Ziel und Zweck der Reise erläutern.
Als sie in München in den Fernzug nach Rom umstiegen, hörte Herr Plischke eilige Fahrgäste, schlendernde Passanten und müßige Herumsteher ihr "Guten Tag, Herr Pirzer" oder "Ser­vus, Eberhard" rufen.
 Daß sowohl der Schaffner als auch die Fahrgäste im Abteil das Zwieseler Schwein mit Namen anredeten, versteht sich inzwischen fast von selbst.
Sie fuhren über den Brenner, wo ihnen der italienische Schaffner mit einem herzlichen "Buon giorno, Signor Pirzer" die Fahrkarten zurückgab.
So richtig blaß aber wurde Herr Plischke auf der Stazione Termini in Rom, wo wahre Rudel wildfremder Italiener an ihnen vorbeiströmten, nicht ohne seinen Begleiter herzlich zu grüßen. "Buon giorno, Signor Pirzer", sagten die gediegeneren Römer mit Anzug und Krawatte, während es die etwas salopperen Typen bei einem "Ciao, Everardo" bewenden ließen.
Ein Taxifahrer, der während der ganzen Fahrt mit Eberhard Pirzer über dessen und seine Kinder plauderte und vergangener, gemeinsamer Tage gedachte, brachte sie durch das römische Verkehrsgewühl zum Petersplatz, auf dem sich eine große Menschenmenge in Erwartung des Heiligen Vaters eingefunden hatte.
"Wenn Sie mich bitte einige Minuten entschuldigen wollen", wandte sich Eberhard Pirzer an Herrn Plischke, nachdem er die vielen Begrüßungen der Umstehenden in mancherlei Sprachen erwidert hatte. "Ich möchte die Gelegenheit nutzen und einen alten Kumpel von mir besuchen."
Herrn Plischke, dessen Nerven inzwischen so angespannt waren wie seine Beine schwammig, war es recht. Erschöpft nahm er auf einem der herumstehenden Stühle Platz, den man ihm angesichts seines blassen, schweißnassen Gesichtes angeboten hatte.
Sinnend saß er da und konnte es über allem Sinnen doch nicht fassen. Ein Schwein, ein ganz normales großes und dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut war anscheinend jedermann bekannt. Ein kleiner Gastwirt aus dem Bayerischen Wald schien populärer als der populärste Rockstar.
Das Raunen der Menge riß Herrn Plischke von seinen trüben Gedanken los.
Er blickte hoch und sah, was alle in diesem Moment sahen. Auf dem Balkon, hoch über der Menschenmenge, war der Papst erschienen, eingehüllt in eine Wolke von Kardinalspurpur.
Neben dem Papst aber, diesen unauffällig stützend, stand... Herrn Plischkes Zähne begannen wie im wilden Fieber zu klappern.
Neben dem Papst erkannte Herr Plischke seinen rosafarbenen Reisebegleiter.
"Sie, Herr Nachbar", wandte sich einer, der ersichtlich und hörbar aus Bayern kam, ratsuchend an Herrn Plischke, "sagn's amal: Wer is'n eigentlich der Typ neben dem Eberhard?"
Herr Plischke ließ sich an dieser Stelle in eine wohltuende Ohnmacht fallen.

Samstag, 20. April 2013

Je Information desto Verwirrung

Ein Bild - heißt es - sagt mehr als tausend Worte, und so ist die Möglichkeit zur Bebilderung eine feine Sache, die das Fernsehen dem Radio voraus hat. Die Kehrseite dieser Möglichkeit ist der Zwang zur Bebilderung. Das Fernsehen kann nicht einfach Schwarzfilm zeigen [1] in jenen Fällen, da das einzig Interessante die Tonspur ist.
Dann aber berichtet ein Reporter über einen leckgeschlagenen Tanker, der eine ganze Küstenregion verseucht hat. Die Stimme aus dem Off erklärt dir, wie es zu dem Unfall kam und eigentlich willst du vor allem das wissen. Zum Text aber siehst du ölverschmierte Wasservögel, die sich mühsam in den nahen Tod dahinschleppen. Das fördert deine Konzentration auf den teilweise abstrakten Text nicht.
Noch schlimmer ist es, wenn dir der Korrespondent die unheimlich komplizierte politische und militärische Lage im Bürgerkrieg in Weithintistan erklärt. Die Erklärung ist notgedrungen äußerst knapp und gedrängt, denn mehr als ein bis drei Minuten hat er in der "Tagesschau" nicht zur Verfügung. Während er spricht und du eigentlich voll drauf konzentriert sein müßtest, siehst du gleichzeitig Leute, die um ihr Leben rennen, davon einige vergeblich.
Wenn schon Bilder unvermeidlich sind, dann solltest du eigentlich bloß den Korrespondenten sehen, der vor einem neutralen Hintergrund steht oder im Studio sitzt. Aber er hat, wie gesagt, nur ein bis drei Minuten, also muß er dir sein - interessantes, das zweifellos - Bildmaterial gleichzeitig zu seiner Analyse übermitteln. Und wenn du diesen Bericht in einem privaten Nachrichtensender siehst (was niemand, der noch einen Funken Verstand im Hirn hat, tun sollte), dann läuft unter dem konzentrationsstörenden Kontrast zwischen Bild und Ton noch ein Text über den Bildschirm, der sich mit einem völlig anderen Thema befaßt. Und, als wäre dies noch nicht genug, laufen unter dem Nachrichtentextband noch die Börsenkurse durchs Bild. Selbst wenn du es schaffst, nicht bewußt auf diese Laufbänder zu achten, so stört allein die aus den Augenwinkeln wahrgenommene Bewegung zusätzlich die Konzentration.
Wenn das nicht Wahnsinn ist, was dann?
Hier wird informiert und gleichzeitig die eigene Information sabotiert.
In historische Dokumentationen, die ich früher sehr gerne gesehen habe, haben sie inzwischen genau dieselbe Pest eingeschleppt wie in die Nachrichten. Vor einiger Zeit habe ich eine Sendung über die Schlacht von Waterloo gesehen (ich glaube, es war sogar ein öffentlich-rechtlicher Sender, denn Privatsender schaue ich seit geraumer Zeit so gut wie nicht mehr, nicht länger jedenfalls, als ein Furz dauert).
Während der Sprecher aus dem Off die historische Situation schildert und analysiert siehst du Bilder, die anscheinend aus einem Spielfilm stammen, darüber Musik. Du siehst Wellington am Spieltisch hocken, Napoleon wütend die Treppe hochlaufen und dann wieder - immer noch wütend - die Treppe runterlaufen, dann hebt ein Soldat das Gewehr und zielt genau in deine Richtung, dann wieder Schlachtengetümmel...
So wirst du unter dem Vorwand von Aufklärung blöd gemacht, kannst dich auf nichts mehr richtig konzentrieren und hast das meiste gleich nach dem Ausschalten schon wieder vergessen. Psychologische Untersuchungen bestätigen dies übrigens: Je mehr Information pro Zeiteinheit und über verschiedene Kanäle vermittelt wird, desto weniger bleibt hängen. Da lob ich mir den Rundfunk, da nehme ich mir eine Sendung zu einem Thema auf und höre sie mir dann beim Abspülen an oder bei sonst einer Tätigkeit, die mein Hirn frei läßt.
Dabei können Bilder, gezielt eingesetzt, so viel vermitteln. Dazu müßte man aber, während das Bild da ist, zwischenzeitlich auch mal das Maul halten oder das Bild so wählen, daß es genau zum Text paßt.
Sage keiner, das ginge nicht. Es gab mal im Bayerischen Rundfunk diese wunderbare Reihe "Topographie" von Dieter Wieland (sie wird auf BR alpha immer mal wieder wiederholt). Es geht dabei um Südtiroler Urwege, Stadtbaukunst im Mittelalter, erklärt anhand von Dinkelsbühl, die barocken Kanäle in und um München, die Burg von Burghausen... Informationen also, die ich brauche, um die Welt von früher und jene von heute und morgen zu verstehen. Das meine ich nicht sarkastisch, sondern durchaus ernst.
Dieter Wieland versteht was vom Thema, er macht nur Filme über Dinge, von denen er etwas versteht und wenn er es nicht versteht, macht er sich zuvor sorgfältig und gründlich kundig. Er spricht langsam (wenn auch nicht langweilig) und bedächtig, er gibt dir Zeit, während des Zuhörens über das Gehörte nachzudenken, ein ungeheurer Luxus und Komfort in diesen Zeiten. Die Bilder, die er über das Gesagte legt, passen genau zu dem, was er grad sagt, die Bilder sind ruhig, es gibt keine schnellen Schwenks oder Zooms, die Einstellungen sind lang, so daß du tatsächlich sehen kannst, was du siehst und nicht mit vorbeihuschenden Impressionen überschwemmt wirst. Wenn du den Film gesehen hast, bist du schlauer als zuvor, man stelle sich vor.

Bemerkenswert, wirklich sehr bemerkenswert ist, daß bei der Sportberichterstattung die von mir geschilderte Wirrnis so gut wie nie auftaucht. Da passen Bild und Kommentar genau zusammen, da laufen während des Berichts über ein Fußballspiel keine Nachrichten über den Abfahrtslauf durchs Bild, darunter noch der neueste Tabellenstand in der Handballbundesliga. Die größte Ablenkung ist noch, wenn während des Interviews mit einem Trainer nach dem Spiel Fans ihren Kopf ins Bild stecken und winken.
Kann das Zufall sein, frage ich mich? - Ganz ernsthaft: Ist womöglich die manchmal irrsinnige Reizüberflutung bei der Berichterstattung über den Zustand unserer Welt Absicht? Kein Unvermögen? Will man - indem man vorgeblich Information satt bringt - die Information bewußt verweigern?
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[1] Warum eigentlich nicht?

Samstag, 13. April 2013

Kreisförmige Hierarchie

Ich bin ratlos. Ich mein, das ist jetzt keine sonderlich schockierende Nachricht, ich bin öfter mal ratlos. Bei meinem jetzigen Problem bräuchte ich aber die Mithilfe von Menschen, die sich im Kanonischen Recht der Katholischen Kirche verflucht oder doch zumindest relativ gut auskennen.
Der Franze, den ich großgezogen habe und der sich dann selber wieder auf menschliches Maß reduziert hat, ist ja jetzt Papst, da beißt keine noch so arme Kirchenmaus 1 Faden ab. Besagter Franze ist Jesuit, das weiß jeder oder könnte es doch wissen, hielte er sich auf dem Laufenden. Mein Problem ist nun... Herrgottsnein, wie erklär ich das jetzt, daß es jeder versteht?
Also, ich versuch's mal: Der neue Papst ist Jesuit, und er bleibt es wohl auch dann, wenn er jetzt Papst ist. Als Jesuit ist Franziskus seinem Ordensgeneral Gehorsam schuldig. Der Ordensgeneral und der ganze Jesuitenorden ist wiederum direkt dem Papst unterstellt. Kann jetzt der Ordensgeneral dem Pater Bergoglio sagen "Hör mal, Jorge Mario, sag bitte dem Papst, er soll..."?
Kreisförmige Hierarchien sind meines Wissens sehr selten in der Welt. Was nicht heißt, daß es sie nicht gibt. Ich bin dein Chef und du der meine.
Mich erinnert diese Logik an bißchen an die Geschichte mit der Oma und dem Opa.

Mittwoch, 10. April 2013

Zeigen, wo der Hammer hängt

Die Abschaffung des Wortes "Neger" als Herrschaftsstrategie


Deutschsprachige Menschen, die ab den achtziger Jahren aufgewachsen sind, haben gelernt, daß "Neger" ein rassistisches, diskriminierendes und herabsetzendes Bäh-Wort ist, das man tunlichst nicht verwenden sollte. Leute, die einige Zeit früher sprachlich sozialisiert wurden, tun sich manchmal schwer, diesen Widerwillen gegen das Wort nachzuvollziehen, sie haben "Neger" noch als ganz neutrales Wort erlebt. Das heißt, so ganz neutral war das Wort natürlich nicht, es wurde auch herabsetzend verwendet.
Der negative Klang des Wortes kommt von dem durch das Wort bezeichneten Objekt. Seit der schwarze Mensch in das Blickfeld des Europäers geraten ist, war er für den Weißen ein Mensch zweiter Klasse, erst als Sklave, später dann als "Freier" am Rande der Gesellschaft, streng getrennt von den Weißen. Dazu fällt den meisten vielleicht als erstes die südafrikanische Apartheid ein, ich erinnere aber daran, daß noch in den sechziger Jahren in den USA die Rassentrennung eine Selbstverständlichkeit war. Jedes andere Wort, mit dem man schwarze Menschen bezeichnet hätte, wäre ebenfalls mit dem Gift der Verachtung kontaminiert gewesen.
Aber immerhin - "Neger" war ein neutral beschreibendes Wort, bezogen auf die schwarze Hautfarbe, als Schimpfwort gab es "Nigger", "Bimbo" oder auch "Hottentotte". Das Verächtliche lag nicht im Wort "Neger", sondern im geringgeschätzten schwarzen Menschen selbst.
Eine andere geringgeschätzte Menschengruppe waren (sind) die Juden. Über viele Jahrhunderte hinweg wurde das Wort "Jude" von den meisten Menschen im deutschen Sprachraum mit einem ausgesprochen negativen Beiklang verwendet. Der abschätzige Beigeschmack ließ sich noch steigern, indem man "Jude" auf "Jud" verkürzte. Vollends und über alle Maßen wurde dann im Dritten Reich das Wort "Jude" zum Haß- und Ekelwort (diese Wortprägung ist nicht von mir, die haben sich die Nazis ausgedacht). Und in der Tat wollte man sich in Deutschland nach 1945 dieses peinlichen Wortes entledigen.
"Und wie vielen Deutschen hätten die „Sephardim und Aschkenasim“ geholfen, ihre Schuldgefühle terminologisch zu bewältigen! Wer alt genug ist, erinnert sich vielleicht, daß nach 1945 kaum einem das Wort 'Jude' so recht frei über die Zunge gehen oder aus der Feder fließen wollte. Damals wurde der "Staatsbürger mosaischen Glaubens" erfunden; und wo nicht erfunden, so erlebte er doch Hochkonjunktur. Auch "Israelis" oder "Israeliten" standen, für eher Wohlwollende, "Zionisten" für nicht so Wohlwollende hoch im Sprachkurs. Die meisten Juden machten diesen Quatsch nicht mit. Sie waren Juden, wollten Juden sein und Juden bleiben." (R. W. Leonhardt)
Weil die Juden sich gewehrt haben, ist ihnen die anteilnehmende Umbenennung erspart geblieben.

Das Gezänk um das Wort "Neger" ist dabei sehr viel mehr als ein akademischer Streit um Worte, es hat einen hochpolitischen, blutig ernsten Hintergrund.
Es ist eine infame Strategie, den Begriff "Neger" aufzuteilen in Schwarzafrikaner, Afroamerikaner, Afro-Kariben, Afro-Brasilianer etc. pp. Mit dem Wort "Neger" nimmt man ihnen zugleich auch ihre gemeinsame Geschichte, ihre gemeinsame Identität.
Das geht bis in Familiengeschichten hinein. Man nehme nur mal die Geschwister Obama. Der Halb-Neger (oder Halb-Weiße, man kann es sehen, wie man will) Barack Obama ist nach derzeit korrekter Terminologie ein Afro-Amerikaner. Seine Halbschwester Auma Obama wäre eine Schwarzafrikanerin. Zwei völlig unterschiedliche Gruppen, denen die beiden Geschwister angehören, so scheint es.
Beide aber gehören einer Bevölkerungsgruppe an, die immer noch, in großen Teilen dieses Erdballes, herablassend, verächtlich behandelt wird. Durch die Umbenennung aber wird in ihrem Denken peu a peu das Bewußtsein dafür gelöscht, daß sie alle Neger sind, Afrikaner wie Amerikaner, schwarze Deutsche wie schwarze Schweden. Divide et impera.
Ich erinnere an George Orwells Roman "1984". Der Autor widmet darin einen Absatz dem Thema "gezielte Sprachveränderung". Der Wortschatz wird reduziert, Worte in ihrer Bedeutung verändert.
Zur Bewertung gibt es nur noch "gut". Davon abgeleitet sind die Steigerungen "plusgut" und "doppelplusgut". Das Gegenteil heißt "ungut", mit den Steigerungen "plusungut" und "doppelplusungut". Wir sind im übrigen bereits auf Orwells Spuren, alles, was nicht ausgesprochen scheiße ist, nennt man "super", ist es noch ein kleines bißchen besser, spricht man von "genial".
Okay, das wäre zunächst mal nur ein herber Verlust für die Poesie. Aber die Sprachveränderung geht bei Orwell so weit, daß etwa das Wort "free" nur noch in der Bedeutung von "kostenlos" existiert. "Frei" im Sinne von "selbstbestimmt" gibt es nicht mehr, mit dem Wort verschwindet auch das durch das Wort bezeichnete Ding (im Bewußtsein des denkenden Menschen).

Ich sprach oben davon, es habe das Wort "Neger" lange, lange Zeit einen abschätzigen Beiklang gehabt. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber begannen die Neger damit, sich das Wort bewußt und selbstbewußt anzueignen. In den dreißiger Jahren prägte der Afro-Karibe (ich verwende das merkwürdige Wort einfach mal) Aimé Césaire aus Martinique den Begriff der Négritude, der von Anfang an ein umfassendes antikolonial-revolutionäres Konzept war. Man hatte sich das Wort "Neger" ganz bewußt auf die Fahne eines neuen schwarzen Selbstbewußtsein geschrieben. Das Wort drückte den Stolz des schwarzen Menschen beider Kontinente auf die gemeinsame Herkunft Afrika, auf die schwarze Kultur aus.
Das letzte Buch von Aimé Césaire, 2005 (!), drei Jahre vor seinem Tod erschienen, trägt den stolzen Titel "Nègre je suis, nègre je resterai" (Neger bin ich, Neger werde ich bleiben). Meines Wissens ist das Buch bislang noch nicht auf Deutsch erschienen. Sollte es je erscheinen, bin ich gespannt, wie der Titel des Buches in einem Land lauten wird, in dem das Wort "Neger" inzwischen aus Pippi-Langstrumpf-Büchern gelöscht wird.
In den fünfziger, sechziger Jahren verwendeten die Schwarzen in den USA das Wort "negro" als selbstbewußte Eigenbezeichnung.
"Five score years ago, a great American, in whose symbolic shadow we stand today, signed the Emancipation Proclamation. This momentous decree came as a great beacon light of hope to millions of Negro slaves who had been seared in the flames of withering injustice. It came as a joyous daybreak to end the long night of their captivity.
But one hundred years later, the Negro still is not free. One hundred years later, the life of the Negro is still sadly crippled by the manacles of segregation and the chains of discrimination. One hundred years later, the Negro lives on a lonely island of poverty in the midst of a vast ocean of material prosperity. One hundred years later, the Negro is still languished in the corners of American society and finds himself an exile in his own land. And so we've come here today to dramatize a shameful condition."
Das ist ein Ausschnitt aus der mittlerweile legendären Rede "I Have a Dream" von Martin  Luther King, gehalten 1963. Klicke auf den Link, lies die ganze Rede oder höre sie dir an, und zähle, wie oft King darin das Wort "negro" verwendet.
Malcolm X war ein wesentlich radikalerer Negerführer als King. Im folgenden Interview läßt sich Malcolm X ganz selbstverständlich als negro leader ansprechen, ab ca. 6 min. verwendet er dann auch selbst mehrmals das Wort negro.



Das Wort "Neger" ist damals zu einem politischen Kampfbegriff der Neger selbst geworden. Und hier wird die freundliche Rücksichtnahme auf angeblich verletzte Gefühle der Neger zur Infamie. In dem Moment (und erst in diesem Moment), da das Wort "Neger" zur stolzen Eigenbezeichnung wurde, hat man den Schwarzen dieses Kampfwort wieder entwunden. Irgendeiner muß den Neger* doch zeigen, wo der Hammer hängt!
Der Hammer hängt immer noch im weißen Norden dieser Erde. Innerhalb von lediglich 30 Jahren hat man es geschafft, den ehdem lediglich beschreibenden Begriff "Neger" mit einem Pesthauch zu parfümieren.
Aus dem Neger wurden der Afroamerikaner, der Schwarzafrikaner, der Afroschwede etc. pp. Vielleicht hilft es ja und der amerikanische Neger verliert das Gefühl, Schicksalsgenosse des Watussi zu sein. Ich argwöhne, und ich argwöhne es immer mehr, je länger ich drüber nachdenke, daß diese ganze Umtauferei dazu dient, sich aus der historischen Verantwortung herauszumogeln, die eigene Geschichte der Weißen zu schönen. Mohrenwäsche.
"Ich bin ein Neger und werde ein Neger bleiben, ich werde ein Kind, ein Erbe dieser Geschichte bleiben: In Frankreich neigt man dazu, diese Geschichte zu vergessen, wohingegen ich aufzeigen wollte: Neger steht für eine Geschichte. Tatsächlich werden Afrikaner erst mit Beginn des Sklavenhandels so genannt, und am Ende des XVII. Jahrhunderts sind Neger und Sklave synonym in den Französisch-Wörterbüchern, bis weit ins XIX. Jahrhundert hinein."
Es ist Aimé Césaire, der so spricht. Er spricht zornig und selbstbewußt, er will die Europäer und Amerikaner nicht aus ihrer Verantwortung für die Schändlichkeiten des Kolonialismus entlassen, indem er sich das Wort "Neger" von der Zunge nehmen läßt.
Der Neger hat noch einen Schuldschein bei sich daheim in der Schublade. Der ist ausgestellt auf den Neger, unterschrieben hat ihn ein gewisser "Weißer Mann" wegen Kolonialismus, Imperialismus, Sklaverei... eh schon wissen.
Wenn jetzt der Neger den Schuldschein aus der Schublade zieht und vorlegt, stellt sich der Weiße Mann ganz dumm und sagt: "Was für ein Neger denn? Es gibt gar keine Neger nicht, es gibt überhaupt keine Rassen, hast du das nicht in der Schul gelernt?"
Jetzt merkt der Neger, daß man ihn wieder mal aufs Glatteis geführt hat, das er von Afrika her nicht kennt.
Schlau ist er schon, der Weiße Mann.

Ich könnte schreien vor Wut! Diese gottverfluchten Schweinehunde haben es wieder mal geschafft, sie haben dem Neger seine Identität geraubt. Heute zucken selbst Neger unangenehm berührt zusammen, wenn sie das Wort "Neger" hören. Das Wort "Neger" ist besudelt worden und mit dem Wort der schwarze Mensch.

Ich frage mich, was wohl hinter dieser - allgemein zu beobachtenden - Ängstlichkeit beim Benennen von Unterschieden zwischen verschiedenen Menschengruppen stecken mag. Sind wir möglicherweise alle inzwischen so rassistisch, so ressentimentgeladen geworden, daß wir uns das bloße Benennen von Unterschieden gar nicht mehr anders denn abwertend vorstellen können?
Es ging spazieren vor dem Tor / ein kohlpechrabenschwarzer Mohr 
http://www.saarbruecker-zeitung.de/storage/scl/solpics/sol-de-tdt/2573499_m3msw493h280q75s1v4034_tt-struwwel-interfoto.jpg?version=1358464603
In der Tat, der Mohr im "Struwwelpeter" ist kohlpechrabenschwarz. Und? Was folgt daraus? Daß er schwarz ist, das folgt daraus, mehr nicht. Beleidige ich den Mohren, wenn ich seine Hautfarbe bezeichne? Ist dem Mohren seine Hautfarbe peinlich? Ist etwa mir die Hautfarbe des Mohren peinlich, so peinlich, daß ich darüber gar nicht sprechen mag?
Was ich schon lange argwöhne... Der Mensch im engeren Sinne, also der weiße Mensch, sieht einen schwarzen Mitbürger und er zuckt betroffen zusammen. "Gott, was sind diese armen Neger aber auch schwarz." Und als wohlmeinender Mensch darf man einen Afro-Afrikaner nicht vor den Kopf stoßen, indem man auf seine Hautfarbe hinweist, mit der er von Gott geschlagen worden ist. Und das, diese Leisetreterei bei der Benennung, ist wirklicher und echter Rassismus.

Es ist absolut lächerlich, was ich mache. Als Blogger, den sowieso bloß zwanzig, dreißig Leute lesen, schreibe ich wieder und wieder über das gleiche Thema, weil ich es nicht stumm und unkommentiert hinnehmen will, daß man dem Neger erneut seine Würde geraubt hat, grade in dem Moment, da er dranging, sie sich wieder zu holen. Dafür muß ich mich als Rassist beschimpfen lassen. Eine ganze Generation ist mittlerweile vergiftet, sie windet sich vor Fremdscham, wenn sie das stolze Wort "Neger" hört. Neger schreien empört auf, weil "Neger" sie an ihre schwarze Hautfarbe erinnert. Es ist der pure Wahnsinn, der in den Köpfen der Menschen angerührt worden ist.